Interview: Steigerungen nach starrem System

Versicherer informieren Kunden schlecht über die optimale Vertragsgestaltung, meint der Versicherungsexperte Wolfgang Schuster. Er hat 25 Jahre beim Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, dem Vorläufer der heutigen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, in der Abteilung Lebensversicherung gearbeitet. Er ist Autor des Buches „Kapitallebens- und Restschuldversicherung optimieren“.

Finanztest: Was bringt ein dynamischer Lebensversicherungsvertrag?

Schuster: Der Hauptvorteil ist die Erhöhung des Versicherungsschutzes ohne ­Gesundheitsprüfung. Die Dynamik erhöht die Versicherungsleistung. Und bei Verträgen, die bis Ende 2004 abgeschlossen wurden, sind die Erträge aus Beitragserhöhungen unter bestimmten Bedingungen steuerfrei.

Finanztest: Wo liegen die Nachteile der Dynamik?

Schuster: Die Beitragssteigerungen laufen nach einem starren System. Der Kunde muss sich vorher auf die Art und die Höhe der Dynamik festlegen. Von jeder Beitragssteigerung fließt ein Teil in den zusätzlichen Todesfallschutz. Am Ende des Vertrags ist jedoch eine Erhöhung des Todesfallschutzes oft gar nicht mehr notwendig. In den letzten Versicherungsjahren ­machen vielmehr Erhöhungen Sinn, bei denen die Leistung im Erlebensfall stärker ansteigt als die Todesfallleistung. Leider ermöglichen viele Anbieter eine solche Gestaltung der Dynamik nicht. Wenn der Versicherte bis zum Schluss an der Dynamik festhält, zahlt er für die Todesfallleistung unnötigerweise mehr Geld. Darunter leidet die Ablaufrendite.

Finanztest: Leidet die Rendite nicht auch unter erneut anfallenden Abschlusskosten?

Schuster: Ein Teil der Beitragserhöhungen wird für die Abschlusskosten verbraucht, weil die Erhöhungen hinsichtlich dieser Kosten wie Neuabschlüsse behandelt werden. Die Versicherer sollten für die ­Erhöhungen geringere Kosten ansetzen. Denn schließlich ist der Aufwand für sie und die Vermittler nicht so hoch wie bei einem Vertragsneuabschluss. Insgesamt ist jedoch die Ablaufrendite bei Verträgen mit einem Steigerungssatz von etwa bis zu 5 Prozent trotz der Abschlusskosten und des zusätzlichen Todesfallschutzes nicht viel geringer als bei Verträgen ohne Dynamik.

Finanztest: Macht die Dynamik das für viele Kunden sowieso schon intransparente Produkt Lebensversicherung nicht noch intransparenter? 

Schuster: Das stimmt, müsste aber nicht so sein. Die Versicherungsunternehmen informieren die Kunden nicht ausreichend über die Auswirkungen der Dynamik auf die Rendite und über die Möglichkeiten, einen dynamischen Vertrag optimal zu ­gestalten. Der Kunde sollte sich vom Versicherer mit einer Beispielrechnung aufzeigen lassen, welche Auswirkung jede Beitragssteigerung auf die Ablaufleistung des Vertrags hat. Dann wüsste der Kunde, ob die Erhöhung für ihn überhaupt noch Sinn macht oder nicht.

Finanztest: Welche Alternative gibt es zum völligen Herausnehmen der Dynamik aus dem Vertrag?

Schuster: Der Versicherte kann ein oder zwei Erhöhungen hintereinander ablehnen, ohne den eigentlichen Vorteil der Dynamik zu verlieren, nämlich die Erhöhung der Versicherungssumme ohne ­Gesundheitsprüfung. Dieses Recht hat der Versicherte in der Regel nach jeder Erhöhung, die er angenommen hat. Der Versicherte kann die Dynamik also durchaus flexibel gestalten.

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