Kapitallebensversicherungen sind unmodern und unflexibel. Doch so lange sie vielen ­Steuervorteile bringen, werden sie nicht aussterben.

„Auf Gedeih und Verderb“ – so ist das mit einer Kapitallebensversicherung. Denn mit der Unterschrift unter den Vertrag verpflichtet sich der Kunde zu langfristigen Zahlungen. Aussteigen kann er fast nur noch mit Verlust.

Wer sich in eine solche Zwangsjacke begibt, sollte wissen, in welche. Die Qualität der Angebote ist sehr unterschiedlich, fand Finanztest bei der Untersuchung von 126 Tarifen für Män­ner und Frauen heraus.

Im Modellfall würde ein Kunde mit einem guten Tarif bei Vertragsende 45 000 Euro mehr ausgezahlt bekommen als einer mit einem schlechten. Selbst wenn er nur die garantierten Leistungen bekäme – ohne Überschussbeteiligung – geht es noch um mehr als 10 000 Euro Unterschied.

Bei den Frauen errangen nur die Angebote von Debeka und von der Europa das ­Finanztest-Qualitätsurteil „sehr gut“. Fünf Tarife schafften ein „Gut“. Ein Gros von 46 Angeboten aber ist nur mittelmäßig: 28 „befriedigend“, 18 „ausreichend“. Der Tarif der Karlsruher ist sogar „mangelhaft“. Auch mit ihren Angeboten für Männer schafften die Debeka und die Europa ein „Sehr gut“. Fünf Tarife erhielten ein „Gut“, 26 ein „Befriedigend“, 22 wurden mit „ausreichend“ beurteilt. Das Angebot der Karlsruher fiel auch bei den Männern mit „mangelhaft“ durch.

Zwei Leistungen gekoppelt

Kapitallebensversicherungen verbinden eine Erlebensfall- und eine Todesfallleistung. Stirbt der Versicherte vor Vertragsende, überweist die Versicherungsgesellschaft an seine Hinterbliebenen eine einmalige Summe – die Todesfallleistung. Ihre Mindesthöhe wird bei Vertragsschluss festgelegt.

Meistens entspricht die vereinbarte Todesfallleistung der garantierten Versicherungssumme. Sie kann aber auch niedriger oder höher vereinbart werden. Die Auszahlung liegt durch Überschüsse üblicherweise über der vertraglich vereinbarten Mindesthöhe.

Der Kunde legt bei Vertragsschluss fest, wer bei seinem Tod „bezugsberechtigt“ für die Todesfallleistung ist. In den meisten modernen Verträgen kann er diese Angabe jederzeit ändern.

Erlebt der Versicherte das Vertragsende, wird die Erlebensfallleistung fällig, häufig Ablaufleistung genannt. Dann zahlt die Versicherungsgesellschaft auf einen Schlag die garantierte Versicherungssumme einschließlich der über die Jahre angesammelten Überschussbeteiligung und eines möglichen Schlussüberschusses an den Kunden aus.

Durch die Kombination der beiden Versicherungsleistungen kann ein Versicherter für zwei Fälle gleichzeitig vorsorgen: Er sichert seine Angehörigen ab, die im Falle seines Todes in finanzielle Not geraten könnten. Sie würden dann die Todesfallleistung erhalten. Und er spart mit einem Teil seines Beitrags eine Summe an, die er im Alter möglicherweise benötigt, um seinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Das Konzept klingt gut, und so verwundert es nicht, dass mehr als die Hälfte aller deutschen Haushalte regelmäßig für mindestens eine Kapitallebensversicherung Beiträge zahlt. In Deutschland laufen nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft derzeit 83 Millionen solcher Verträge.

Doch die Nachteile von Kapitallebensversicherungen sind beachtlich: Die Unternehmen binden ihre Vertragspartner in einem unflexiblen Versicherungsvertrag – oft über mehrere Jahrzehnte. Der Sparvorgang, der in dem Versicherungsprodukt enthalten ist, macht die Absicherung von Angehörigen teuer. Viele vereinbaren deshalb eine zu niedrige Todesfallleistung, weil sie die Beiträge für das Gesamtprodukt sonst nicht zahlen könnten.

Gleichzeitig mindert das versicherte Todesfallrisiko die Ablaufleistung, die der Kunde bekommt, wenn er das Vertragsende erlebt. Je älter der Versicherte bei Vertragsbeginn ist, desto stärker der Abschlag. Denn je älter ein Versicherter ist, desto teurer ist die Absicherung seines Todesfallrisikos.

Wer vor allem sparen will, ist mit einer Kapitallebensversicherung so nicht gut bedient. Hinzu kommen oft hohe Kosten für Verwaltung und Vertrieb, die ein Kunde kaum erkennen kann.

Eine Kapitallebensversicherung hat aber auch einen erheblichen Vorteil: Die Auszahlung ist steuerfrei, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre lief, mindestens fünf Jahre lang Beiträge gezahlt wurden und die Todesfallleistung mindestens 60 Prozent der garantierten Versicherungssumme entsprach.

Der Test

Die 126 Angebote, die wir analysiert haben, stammen von 65 Lebensversicherungsunternehmen. Sie erreichen mit ihren Kapitallebensversicherungen, bezogen auf die Summe der Beiträge, zusammen einen Marktanteil von rund 75 Prozent.

Zugrunde gelegt haben wir Verträge für 30-jährige Männer und Frauen ohne gesundheitliche Probleme. Sie vereinbarten einen Jahresbeitrag von 1 200 Euro und eine Laufzeit von 30 Jahren. Die Ablaufleistung sollte also ausgezahlt werden, wenn sie 60 Jahre alt sind. Sollten sie vorher sterben, war vorgesehen, dass an ihre Hinterbliebenen die volle garantierte Versicherungssumme und zusätzlich mögliche Überschussanteile überwiesen werden. Für das Modell haben wir 30-Jährige gewählt, weil in diesem Alter viele Menschen erstmals an die Absicherung ihrer Hinterbliebenen und ihre Altersvorsorge denken.

Finanztest hat die vier Punkte getestet, die für einen Kunden beim Abschluss einer Kapitallebensversicherung besonders wichtig sind: die garantierte Leistung, die prognostizierte Leistung, die Verfügbarkeit, also die Leistung bei Kündigung, und als Letztes die Qualität der Beispielrechnung. Diese erstellen die Versicherer für jeden Kunden. Das Finanztest-Qualitätsurteil, ist das Ergebnis dieser vier Gruppenurteile.

Für einige Tarife konnten wir keine Qualitätsurteile vergeben, weil wir ihre Beispielrechnungen nicht prüfen konnten.

Um die Leistungen – sowohl garantierte als auch prognostizierte – beurteilen zu können, hat Finanztest Versicherungsrenditen berechnet. Versicherungsrenditen machen eine Kapitallebensversicherung mit reinen Geldanlagen vergleichbar. Denn diese Renditen berücksichtigen, dass eine Kapitallebensversicherung zwei Leistungen erbringt: einerseits eine Sparleistung und andererseits die Absicherung des Todesfallrisikos.

Eine Versicherungsrendite von 6 Prozent bedeutet, dass diese beiden Leistungen zusammen so viel wert sind wie eine Verzinsung der gesamten eingezahlten Beiträge mit 6 Prozent. Trotzdem bekommt der Kunde bei Vertragsende nur eine Ablaufleistung ausgezahlt, die einem Sparvertrag mit einer Rendite von 5,82 Prozent entspricht. Die restlichen 0,18 Prozent hat er bereits verbraucht, obwohl er kein Geld erhalten hat. Denn er hatte all die Jahre den Todesfallschutz.

Gemessen an Idealtarifen

Zur Beurteilung der Versicherungsrenditen konstruierte Finanztest Idealtarife. Durch den Vergleich stellten wir fest, dass die garantierten Leistungen bei der überwiegenden Zahl der Anbieter nur durchschnittlich waren. Eine „gute“ bis „sehr gute“ Bewertung der ­garantierten Leistung zeigt, dass ein ­Unternehmen kostengünstig kalkuliert und seine Kunden nicht mit hohen Kosten für den Vertragsschluss und für die Verwaltung belastet.

Die prognostizierte Versicherungsrendite nach Beispielrechnung gibt Auskunft darüber, wie hoch die Ablaufleistung nach Auskunft des Unternehmens voraussichtlich sein wird. Sie wird durch Überschüsse höher sein als die garantierte Leistung.

Rund ein Fünftel der Angebote stellt nur eine „mangelhafte“ Leistung in Aussicht. Die Unternehmen trauen sich also im Vergleich zum Idealtarif erheblich weniger zu.

Eine hohe prognostizierte Leistung sollte bei der Auswahl eines Vertrags ein wichtiger Aspekt sein. Wichtig ist aber auch, ob diese Prognose plausibel ist.

Der insgesamt mit „gut“ bewertete Tarif der Ontos für Frauen schnitt bei der prognostizierten Leistung beispielsweise nur mit einem „Ausreichend“ ab. Ontos traut sich also nicht viel zu. Dafür ist es aber plausibel, dass Ontos auf Grundlage der aktuellen Unternehmenssituation das in der Beispielrechnung gesetzte Ziel erreichen kann. Deshalb konnte Ontos beim Gruppenurteil „Qualität der Beispielrechnung“ ein „Sehr gut“ erreichen. Sollten die Kapitalmärkte anziehen, könnte es sein, dass Ontos seinen Kunden mehr auszahlt als prognostiziert.

Falls ein Kunde doch einmal an sein in der Kapitallebensversicherung langfristig gebundenes Geld heran muss, ist für ihn die „Verfügbarkeit“ wichtig. In diesem Gruppenurteil untersuchte ­Finanztest, wie hoch die Versicherungsrendite ist, wenn man Vertragsstornierungen einbezieht. In dem Prüfpunkt erhielt mehr als ein Viertel der Angebote für Männer das Urteil „mangelhaft“. Diese Unternehmen kassieren also im Fall einer Kündigung verhältnismäßig hohe Abzüge.

Testsieger Debeka erreichte bei der Verfügbarkeit sowohl mit seinen Angeboten für Frauen als auch mit denen für Männer nur ein „Befriedigend“. Kunden, die aus einem Vertrag bei diesem Unternehmen vorzeitig aussteigen, müs­sen also mit spürbaren Stornoabzügen rechnen. Wer sich sicher ist, dass er ­seinen Vertrag durchhält, ist bei der ­Debeka „sehr gut“ bedient.

Beispielrechnungen

Das letzte Gruppenurteil bezieht sich auf die Beispielrechnungen. Versicherer demonstrieren Interessenten einer Kapitallebensversicherung mit solchen Rechnungen, welche Leistungen sie erwarten können. Je attraktiver die vorge­legten Zahlen sind, desto schneller unterschreibt der Kunde den Antrag. Deshalb besteht die Gefahr, dass Prognosen geschönt werden, und unter den Tisch fällt, dass ein Großteil der Leistung nicht garantiert ist.

Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) in Bonn hat dies erkannt und im Herbst 2000 in einem für die Versicherungsunternehmen verbindlichen Rundschreiben Kriterien für Beispielrechnungen aufgestellt. Finanztest hat die fünf wichtigsten Auflagen des Rundschreibens für seinen Test ausgewählt und konkretisiert. Dazu gehören beispielsweise die Forderungen, die garantierte gegenüber der nur prognostizierten, also nicht verbindlichen Leistung deutlich hervorzuheben oder Interessenten auf den derzeit schwachen Kapitalmarkt hinzuweisen.

Die „sehr guten“ Angebote der Debeka erfüllen alle fünf Kriterien. Die meisten Versicherer hielten sich aber nur an maximal drei Auflagen. Fünf Angebote, darunter die des Testverlierers Karls­ruher Versicherung, erfüllten gar keine.

Der zweite Aspekt bei der Beurteilung von Beispielrechnungen ist ihre Plausibilität – wie für den Tarif von Ontos gezeigt. Ihre Bewertung macht 50 Prozent des Gruppenurteils „Qualität der Beispielrechnung“ aus.

Finanztest verglich die Sollrendite, die benötigt würde, um die in der Rechnung dargestellte Leistung zu erreichen, mit der durchschnittlichen Nettoanlagerendite des Versicherers in den Jahren 1998 bis 2000. Stille Reserven einer Gesellschaft gingen in diesen Vergleich nur ein, wenn sie in den Jahren 1998 bis 2000 aufgelöst wurden. Zusätzlich wurden die schlechten Kapitalmärkte im vergangenen Jahr pauschal berücksichtigt. Etwa ein Fünftel der untersuchten Angebote arbeitete mit unplausiblen Beispielrechnungen.

Die Angebote des Direktversicherers Cosmos erreichten im Gruppenurteil „Qualität der Beispielrechnung“ nur ein „Mangelhaft“. Die Beispielrechnungen erfüllten nur ein Transparenzkriterium. Besonders für einen mit seinen Kunden nur schriftlich in Kontakt stehenden Direktversicherer – wie die Cosmos – ist das ein Armutszeugnis. Außerdem waren die Beispielrechnungen nicht plausibel. Die Sollrendite, die das Unternehmen erreichen müsste, um die in Aussicht gestellte Leistung zu erreichen, lag etwas über der durchschnittlichen Nettoanlagerendite der Gesellschaft in jüngster Zeit. Wegen ihrer hohen garantierten Leistung und der „sehr guten“ Verfügbarkeit sind beide Tarife dennoch insgesamt „gut“. 

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