Kapitalerträge Special

Viele Rentner, Kinder, Geringverdiener bekommen mit einem Freibrief vom Finanzamt weit über tausend Euro Zinsen steuerfrei.

Anleger, die sich Steuerabzüge der Bank sowieso vom Finanzamt wiederholen können, sollten es sich bequem machen: Holen sie sich eine Nichtveranlagungsbescheinigung vom Finanzamt, erhalten sie hohe Kapitalerträge gleich ohne Steuerabzug.

Das ist zum Beispiel für vermögende Eltern oder Großeltern attraktiv, die Kindern oder Enkeln ein steuerfreies Geldgeschenk zukommen lassen wollen. Auch Rentner können damit Zeit und Nerven sparen. Denn der Freibrief gilt drei Jahre lang. So lange haben sie Ruhe vor dem Finanzamt.

Liegt das Papier der Bank vor, zahlt sie Zinsen, Dividenden und Kursgewinne weit über dem Sparerpauschbetrag von 801 Euro (Ehepaare 1 602 Euro) im Jahr steuerfrei aus.

Schönes Geschenk für Kinder

Bevor das Finanzamt den Freibrief ausstellt, fragt es nach den voraussichtlichen steuerpflichtigen Einkünften. Für Kinder ist der Antrag schnell ausgefüllt, weil sie neben den Kapitalerträgen meist keine weiteren Einnahmen haben. Wie das zweiseitige Formular auszufüllen ist, steht auf Seite 62.

Solange die Kinder nichts verdienen, dürfen sie bis zu 8 841 Euro Kapitalerträge im Jahr steuerfrei kassieren. Denn neben 8 004 Euro Grundfreibetrag stehen auch jedem Kind 801 Euro Sparerpauschbetrag plus 36 Euro Sonderausgabenpauschbetrag zu.

Somit kann ein Kind mit 220 000 Euro Vermögen jährlich rund 4 Prozent Zinsen erzielen, ohne dass das Finanzamt dafür Steuern verlangt.

Tipp: Damit Sie sich die Steuererklärung für Ihr Kind sparen und die Bank gleich die Kapitalerträge steuerfrei auszahlt, sollten Sie die NV-Bescheinigung beantragen, bevor die ersten Zinsen fällig sind.

Achtung! Ist Ihr Kind in der gesetzlichen Krankenversicherung kostenlos mitversichert, darf sein Vermögen nicht allzu üppig sein. Ihr Kind muss selbst Beiträge zahlen, wenn seine Einkünfte im Monat mehr als 365 Euro (jährlich 4 380 Euro) betragen. Kapitalerträge nach Abzug von 801 Euro Sparerpauschbetrag zählen mit.

Wenn Ihr Kind erwachsen ist, müssen Sie außerdem aufpassen, dass Sie das Kindergeld nicht gefährden. Dafür dürfen die Einkünfte und Bezüge des Kindes nicht mehr als 8 004 Euro im Jahr betragen. Erst ab 2012 soll diese Grenze während der ersten Ausbildung nicht mehr gelten.

Es muss ein echtes Geschenk sein

Übertragen Eltern und Großeltern Vermögen wie Anleihen oder Aktien in das Wertpapierdepot ihrer Kinder und Enkel, müssen sie diese offiziell schenken. Sonst behandelt die Bank den Transfer als Verkauf und muss Abgeltungsteuer berechnen.

Auch eine NV-Bescheinigung erteilt das Finanzamt nur, wenn dem Kind das Vermögen verbindlich gehört. Eltern eines minderjährigen Kindes dürfen das Geld nur verwalten, aber davon zum Beispiel nicht ihr Haus renovieren (siehe Unser Rat).

Tipp: Alle zehn Jahre kann jeder Elternteil seinem Kind 400 000 Euro steuerfrei übertragen, Großeltern ihren Enkeln jeweils 200 000 Euro und ihren Urenkeln jeweils 100 000 Euro. Für Vermögen über den Freibeträgen wird Schenkungsteuer fällig.

Keine Steuererklärung drei Jahre lang

Die NV-Bescheinigung ist auch eine Chance für Rentner. Das Rentnerehepaar Wittlich* aus Niedersachsen ärgert sich zum Beispiel, dass die Bank ihm Abgeltungsteuer abzieht und das Finanzamt das Geld erst nach der Steuererklärung erstattet.

Nach Abzug aller Freibeträge bleibt das Einkommen der beiden weit unter dem Grundfreibetrag für Ehepaare von 16 008 Euro (Singles 8 004 Euro) im Jahr. Sie haben laut Steuerbescheid nur rund 8 000 Euro steuerpflichtiges Einkommen.

Trotzdem hat die Bank von ihren 3 000 Euro Zinsen Abgeltungsteuer abgezwackt. Nach Abzug des Sparerpauschbetrags von 1 602 Euro für Ehepaare führte die Bank für die restlichen 1 398 Euro Steuer und Solidaritätszuschlag in Höhe von rund 370 Euro ab.

Legen die beiden eine NV-Bescheinigung vor, muss ihnen die Bank die Zinsen steuerfrei auszahlen und sie sparen sich drei Jahre lang die Steuererklärung. Für den NV-Antrag können sie viele Angaben aus ihrer jüngsten Steuererklärung übernehmen.

Vorteil Altersentlastungsbetrag

Beantragen Rentner beim Finanzamt die NV-Bescheinigung ziehen die Beamten von den Einkünften, die neben der Rente anfallen, auch gleich einen Altersentlastungsbetrag ab. Sonst geschieht das erst im Steuerbescheid nach der Steuererklärung.

Den Altersentlastungsbetrag erhalten alle, die im Steuerjahr mindestens 64 Jahre alt waren. Je nach Geburtsdatum bleiben für jeden bis zu 40 Prozent von seinen Nebeneinkünften wie Einnahmen aus Mieten oder selbstständiger Tätigkeit steuerfrei, maximal 1 900 Euro im Jahr.

Frau und Herrn Wittlich steht der Höchstsatz zu. Sie beide waren im Jahr 2005 65 Jahre alt. Für alle Jüngeren ist weniger drin. Wer in diesem Jahr 65 Jahre alt wird, erhält nur noch 30,4 Prozent Altersentlastungsbetrag, maximal 1 444 Euro.

In der Rechnung des Finanzamts senkt der Entlastungsbetrag das steuerpflichtige Einkommen der Wittlichs: Von 1 398 Euro steuerpflichtigen Zinsen zählen nur noch 839 Euro, weil rund 559 Euro (2 40 Prozent von 699 Euro) Entlastungsbetrag davon abgehen.

Manche Renten steuerfrei

Im NV-Antrag fragt das Finanzamt neben anderen Einkünften auch die Renten ab. Das ist vor allem die gesetzliche Rente.

Dass die gesetzliche Rente ab dem 1. Juli 2011 um 0,99 Prozent steigt, fällt bei dem Ehepaar aus Niedersachsen nicht ins Gewicht. Herrn Wittlichs Rente steigt um 13 Euro auf 1 300 Euro, Frau Wittlichs um 3 Euro auf 255 Euro. Ihre Gesamteinnahmen bleiben weiter deutlich unter der Steuergrenze.

Entscheidend für die Steuerrechnung vom Finanzamt ist der Beginn der Altersrente, weil je nach Beginn der gesetzlichen Altersrente ein fester Teil steuerfrei ist. Begann die Rente wie bei den Wittlichs bis Ende 2005, sind 50 Prozent steuerfrei. Für jeden neuen Rentenjahrgang steigt der steuerpflichtige Teil – bei Rentenbeginn in diesem Jahr sind nur noch 38 Prozent steuerfrei.

Tipp: Erhalten Sie eine Rente aus der gesetzlichen Unfallkasse, müssen Sie das nicht angeben. Das Geld ist steuerfrei. Das gilt auch für Kriegs-, Schwerbeschädigten-, Schmerzensgeldrente und Wiedergutmachungsrenten für Nazi- und DDR-Opfer.

Wichtig für alle

Einen wichtigen Abschnitt sollten alle im Antrag auf die NV-Bescheinigung beachten. Unter „Weitere Angaben“ fragt das Finanzamt nach den Ausgaben. Hier sind Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, Kirchensteuern, Spenden, Arztkosten, Praxisgebühren, Ausbildungskosten und andere Ausgaben anzugeben. Dadurch sinkt das Einkommen, das zu versteuern ist.

Tipp: Belege sind kaum nötig, schützen aber vor lästigen Nachfragen vom Finanzamt.

Finanzamt bestens im Bilde

Wer Konten bei mehreren Banken hat, kann gleich mehrere NV-Bescheinigungen beim Finanzamt beantragen (Zeile 24).

Alternativ genügt eine unbeglaubigte Kopie vom Original, auf der die Bank vermerkt, dass ihr das Original vorgelegen hat. Das ist nach einem Schreiben des Bundesfinanzministeriums möglich (Az. IV C 1 – S 2400 – 23/02, Bundessteuerblatt 2002 Teil I S. 1346).

Steigen die steuerpflichtigen Einnahmen eines Kapitalanlegers, sodass ihm keine NV-Bescheinigung mehr zusteht, muss er das Papier ans Finanzamt zurückgeben.

Mogeln bringt nichts. Banken müssen steuerfrei ausgezahlte Kapitalerträge an das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) in Bonn melden. Das gilt ab dem Jahr 2013 auch für freigestellte Erträge aufgrund einer NV-Bescheinigung.

Überdies informiert das BZSt nicht nur das Finanzamt über die Höhe der Kapitalerträge. Auch andere Behörden wie das Sozialamt, das Bafög-Amt, die Wohngeldstelle, die Elterngeldkasse und die gesetzliche Krankenkasse erfahren davon.

* Name von der Redaktion geändert.

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