Interview: „Präparate wirklich nur als Ersatz“

Kalziumpräparate Test

Wir fragten Frau Professor Hildegard Przyrembel, Expertin bei der European Food Safety Authority (EFSA) und Mitarbeiterin am BfR in Berlin.

Kalziumpräparate in der Diskussion: Wann braucht man sie? Und leiden wir tatsächlich alle unter einem Mangel des Mineralstoffs?

Wann sind Kalziumpräparate sinnvoll?

Immer dann, wenn Menschen zu wenig Kalzium mit der Nahrung aufnehmen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn sie keine Milchprodukte verzehren oder ihre Ernährungsgewohnheiten nicht ändern können oder wollen. Liegt eine Laktose-Intoleranz vor, könnten die Betroffenen fermentierte Lebensmittel zu sich nehmen, also beispielsweise Jogurt. Er enthält Bakterien, die die Laktose spalten, sodass sie keine Beschwerden verursachen kann.

Kinder und Jugendliche brauchen viel Kalzium. Würden Sie Nahrungsergänzungsmittel auch ihnen empfehlen?

Es ist sicherlich nicht sinnvoll, gesunde Lebensmittel wie Milch, Käse und Jogurt durch Nahrungsergänzungsmittel zu ersetzen. Manchmal haben Kinder aber Phasen, in denen sie bestimmte Lebensmittel nicht mehr essen wollen. In diesen Fällen kann Kalzium auch durch Präparate zugeführt werden. Es ist aber wirklich nur als Ersatz gedacht, wenn das Kind sich verweigert.

Kalziummangel betrifft viele. Ist das bedenklich?

Dass ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung unterversorgt ist, heißt zunächst, dass weniger Kalzium aufgenommen wird als empfohlen. Unsere Empfehlungen zur Zufuhr sind aber großzügig. Erst wenn der Mangel lange anhält, gibt es ein gewisses Risiko für eine geringere Knochenmineraldichte.

Was halten Sie von mit Kalzium angereicherten Lebensmitteln?

Es wäre besser, wenn die Bevölkerung wüsste, in welchen Lebensmitteln von Natur aus viel Kalzium steckt, statt angereicherte Lebensmittel zu sich zu nehmen. Hier gilt das Gleiche wie für Nahrungsergänzungsmittel: Nur wenn man aus irgendeinem Grund nicht in der Lage oder willens ist, kalziumreiche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, sollte man zu angereicherten Lebensmitteln greifen.

Neben Nahrungsergänzungsmitteln gibt es auch Arzneimittel, die den Kalziumspeicher auffüllen sollen. Worin unterscheiden sie sich?

Jedenfalls nicht zwingend in der Dosierung oder der Zusammensetzung. Die Arzneimittel dürfen aber Angaben wie „Im Rahmen der Behandlung einer Osteoporose geeignet“ auf der Verpackung machen. Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln dürfen nicht mit solch medizinischer Indikation werben. Arzneimittel müssen zugelassen werden. Das ist teuer, deshalb kosten die Arzneimittel auch meist deutlich mehr als Nahrungsergänzungsmittel.

Können Kalziumpräparate bei Osteoporose helfen?

Ein Mensch mit Osteoporose sollte – wie andere Menschen auch – darauf achten, genügend Kalzium und Vitamin D zu sich zu nehmen. Eine Zufuhr weit oberhalb der empfohlenen Menge kann aber die Osteoporose nicht heilen oder vermindern. Das Auftreten von Osteoporose ist von mehreren Faktoren abhängig. Erkrankt jemand daran, sind Medikamente nötig.

Welche Kombination aus Kalzium und Vitaminen empfehlen Sie?

Vor allem ältere Menschen, die weniger Vitamin D in der Haut bilden als junge, sollten zu einem Kalzium-Vitamin-D-Präparat greifen. Auch der Zusatz von Vitamin K kann sinnvoll sein, weil die Bildung eines für den Knochenstoffwechsel wichtigen Eiweißes von Vitamin K abhängig ist.

Ist phosphatreiche Nahrung schädlich für die Knochen?

Das wird immer wieder behauptet. In allen Langzeitstudien zeigte sich aber, dass das nicht zutrifft, solange die Kalziumzufuhr ausreichend ist. Auch andere Mineralstoffe wie Magnesium hemmen unter diesen Umständen nicht die Kalziumaufnahme.

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