Jugend testet Meldung

Preisverleihung an die Gewinner, im Foto Julia Göbel: Schecks und Urkunden übergaben Dr. Werner Brinkmann, Vorstand der Stiftung Warentest (l.), und Matthias Berninger, Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.

Fantasie, Sorgfalt und Ausdauer zählten im Wettbewerb Jugend testet 2003. Über 3 000 Jugendliche sandten 624 Arbeiten ein. Für die Gewinner gab es eine fröhliche Preisvergabe in Berlin.

Warentest kann offenbar einiges bewegen,“ freuten sich elf Tester aus der Schule für Körperbehinderte, dem Wichernhaus im fränkischen Altdorf. Denn ihre Testarbeit hat tatsächlich einiges bewirkt in den Filialen der Supermarktketten im Ort – und weit darüber hinaus. Ihr „alltägliches“, aber spannendes Thema: Einkaufen mit Handicap. Dafür gab es in der Gruppe der 13- bis 16-Jährigen den 3. Preis.

Individuelle Erfahrungen hatten die Rollifahrer in den Filialen der Altdorfer Supermarktketten bisher schon genügend gesammelt. Mit ihrem Test ging es ihnen um mehr: „Um die Ergebnisse auch auf andere Städte übertragen zu können, haben wir die sieben Filialen in unserer Stadt getestet, die überregionalen Ketten angehören.“ Deshalb erkundeten sie systematisch per Fragebogen, wie die Geschäftsleiter die Eignung ihrer Filialen für Behinderte einschätzten. Dagegen hielten sie eine Fragebogen-Aktion unter Mitschülern und ihre eigenen sorgfältigen Protokolle.

Die Ergebnisse besprachen die Tester mit den Marktleitern, denen sie übrigens ausnahmslos offene Ohren, Freundlichkeit und Ehrlichkeit bescheinigten. Dennoch waren sie über ihren Erfolg überrascht, denn immerhin in drei Filialen bewegte sich ganz schnell einiges: Eingangsbereiche wurden verändert, Engpässe an Drehkreuzen und in den Läden beseitigt oder Regale umge­räumt. Und die Zentrale einer sehr starken Supermarktkette meldete sich: Sie statte ihre Filialen demnächst bundesweit mit speziellen Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer aus. Die Schüler konnten diese Modelle inzwischen vorab ausprobieren. Gespräche mit dem Bürgermeister und mit Stadträten über verkehrstechnische Verbesserungen für Behinderte haben bislang immerhin zur Ausschilderung von Behinderten-Parkplätzen geführt.

Und wieder die Rülzheimer!

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Das Team der Regionalschule Rülzheim mit dem Test von Deckfarben-Malkästen auf dem Weg zum 1. Preis.

Die Rülzheimer sind wieder da! In der Jugend-testet-Runde 2001 hatten fünf Tester aus der Regionalen Schule Rülzheim in der Gruppe der 13- bis 16-Jährigen den ersten Preis abgeräumt: Zeichenblöcke hieß damals das Thema. Jetzt knüpften drei Mädchen aus der Gruppe an den Vorrunden-Erfolg an. Eine „Riesenkiste“ mit ausrangierten Deckfarbenkästen hatten sie in einem Schulschrank entdeckt und sich gefragt, weshalb die Malutensilien nicht weiter benutzt wurden.

Daraus wurde eine originelle und sehr aufwendige Untersuchung, unter anderem mit raffinierten selbst gebauten Prüfvorrichtungen. „Höchst professionell,“ befand die Jury: 1. Preis in der Gruppe der 13- bis 16-Jährigen. „Insgesamt testeten und bewerteten wir 14 verschiedene Produkteigenschaften (vom Material des Gehäuses über die Deckkraft der Farben bis zum Entfernen von Farbflecken aus Stoff).“ Selbstverständlich ging es dem Testtrio auch um die Preise der Farbkästen, zudem aber um die Kosten für nachzukaufende Farbnäpfe: 12 Farbnäpfe und eine Tube Deckweiß waren im günstigsten Fall gerade mal 57 Cent billiger als ein neuer kompletter Farbkasten.

Weil sie vor allem wissen wollten, welche Anforderungen Lehrer an Malkästen stellen und ob sie bestimmte Fabrikate empfehlen, versandten die Tester 120 Fragebogen an 60 Schulen. Einige Umfrageergebnisse: Zu kleine Farbnäpfe der Farben gelb, blau und rot, weil die Grundfarben immer am schnellsten verbraucht werden; geringe Bruchfestigkeit der Kästen; zu wenig Platz, um Pinsel aufzubewahren; zu wenige Mischfelder im Deckel. Dieses und zum Beispiel die Größe der Deckweißtuben sind genormt, und zwar nach DIN 5023. Der aber fehle, so das Fazit der Tester, „teilweise der Bezug zum Unterricht“.

Ein Kritikpunkt betraf nicht die Farbkästen, sondern viele Lehrer: Von den 120 Fragebogen kamen „trotz der beigelegten und teilweise von unserem Taschengeld finanzierten frankierten Antwortkuverts“ nur 78 termingerecht zurück.

Klar und praxisnah

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Der zweite Preis in der Gruppe der 13- bis 16-Jährigen ging in den hohen Norden: Julia Take und Ronja Wissmann vom Gymnasium Kronwerk in Rendsburg bewerteten sechs „alltägliche“ Geräte: die in der Schule und zu Hause unentbehrlichen Tintenkiller. Neben deutlichen Unterschieden in der Qualität stach den Testerinnen die große Preisdifferenz zwischen 36 und 95 Cent ins Auge. Mitschüler hatten das Testvorhaben herablassend als „albern“ belächelt. Die Jury dagegen lobte die Praxisnähe, methodische Klarheit und einleuchtende Gewichtung der Urteile.

Erfolg im Alleingang

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3. Preis für Julia Göbel, Gymnasiastin aus Mönchengladbach, für ihren gelungenen Test von Anti-Pickel-Waschcremes.

Als Einzige unter den Preisträgern zog Julia Göbel im Alleingang und auch ohne beratenden Lehrer ihre Arbeit durch, eine Untersuchung von Anti-Pickel-Waschcremes. Die Jury hob die Sorgfalt hervor, mit der die Gymnasiastin aus Mönchengladbach die Wirkung der Cremes und die Bedeutung des Werbeaufwandes für einzelne Produkte analysiert hat. Das war in der Gruppe der 17- bis 20-Jährigen der 3. Preis für ein alltagsnahes Thema, denn rund 80 Prozent aller Jugendlichen werden irgendwann von der lästigen Pickelei befallen. Julia allerdings, befragt, was sie Besonderes für ihre makellose Haut tue, lächelte: „Nichts.“

Tipps für PC-Besitzer

Fünf PC-Freaks, Berufsschüler aus Kassel, wollten mit ihrer Untersuchung Computerbesitzern die Wahl des besten Mediaplayers erleichtern. Denn nach ihren Erfahrungen sollte man nur einen Player für alle Medientypen benutzen: Das schone die Kapazitäten der Festplatte, ermögliche eine bessere File-Organisation, vermeide Fehlermeldungen und erspare dem Benutzer die Einarbeitung in mehrere Programme. Die Suche nach dem besten Player, die Kommentare und die Gewichtung der Ergebnisse überzeugten die Jury: 2. Preis in der Gruppe der älteren Teilnehmer.

Angstteig der Hausfrau

Nicht an den PC, sondern an den Backofen zog es ein Fünfer-Team des Landfermann-Gymnasiums Duisburg: „Aufgrund unserer Erfahrungen mit Trockenbackhefe im Alltag, bei der die Backergebnisse nicht immer unseren Erwartungen entsprochen haben, sind wir auf die Idee gekommen, verschiedene Produkte miteinander zu vergleichen,“ begründeten die Testerinnen ihre Themenwahl. Die Jury siedelte das Thema ebenfalls hoch an: „Der Hefeteig ist der Angstteig der deutschen Hausfrau“, betonte die Ernährungswissenschaftlerin unter den Preisrichtern und rühmte die durchgehende wissenschaftliche Gründlichkeit dieses Tests: 1. Preis in der Gruppe der 17- bis 20-Jährigen.

Eine besondere Erfahrung machte die Backcrew mit der Auskunftsfreudigkeit und Hilfsbereitschaft eines sehr, sehr großen Herstellers von Backzutaten. Auf einen Brief mit der Bitte um zusätzliche Informationen zum Testprodukt erhielt die beratende Lehrerin diese Antwort: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aus Zeitgründen leider nicht in der Lage sind, Sie mit detaillierten Informationen und Unterlagen zu unterstützen. Mit freundlichen Grüßen aus Bielefeld ...“ Die Tester hatten dafür kein Verständnis.

Das wird bewertet

Die Jugend-testet-Jury bewertet bei den Themen die Originalität, die Fragestellung und den Nutzen für andere. Bei der Vorgehensweise achten die strengen Richter auf Systematik und Genauigkeit, auf Vollständigkeit und den Informationswert der Arbeit. Bei der Darstellung und Form können auch Verständlichkeit des Textes und die Anschaulichkeit von Tabellen oder Grafiken für die Urteilsfindung eine große Rolle spielen.

Mehr Informationen über diesen Wettbewerb, der 2004 in die nächste Runde geht, gibt es unter www.jugend-testet.de

Themen – quer durchs Alphabet

Die nasskalte Jahreszeit, in der die Wettbewerbsfrist lag, führte wohl zu einem deutlichen Themenschwerpunkt: Tests von Papiertaschentüchern. Aber sonst reichte die Vielfalt quer durchs Alphabet – von A wie Abfalleimer bis Ü wie Übersetzungen. Für die Zweckmäßigkeit von privaten und öffentlichen Abfalleimern interessierte sich eine Berliner Schülerin. Wo sie ihren Sport am besten und sichersten ausüben können, wollten Tester aus Nordrhein-Westfalen mit einer Untersuchung von Eislaufhallen erkunden.

An vier Jungen erschnupperten und bewerteten acht Mädchen in einem gewitzten Versuchsablauf die Wirkung von elf verschiedenen Herrenparfüms. Mit der Qualität von Kaugummis beschäftigten sich mehrere Arbeiten. Der Sicherheit an den Schulen in ihrem Wohnort gingen Realschüler aus Hessen auf den Grund. Angesichts des Beitritts Polens zur EU beschäftigte sich ein Student der Wirtschaftwissenschaften aus Krakau mit Übersetzungen von Gebrauchsanleitungen vom Deutschen ins Polnische.

Lob – außer Konkurrenz

Mit großem Respekt beriet die Jury über einen Beitrag, den sie jedoch nicht den Wettbewerbskriterien unterwerfen wollte, sondern als besondere Leistung außer Konkurrenz wertete. Nico Eidner, 20, Stefanie Große, 19, Pierre Kästner, 18, Maik Koopmann, 16, Thomas Martin, 16, Andre Patzschke, 17, und Steffen Saxe, 17, sind Schüler der Förderschule für Geistigbehinderte im thüringischen Artern. Vier der Teilnehmer sind schwerstbehindert (Autismus, Down-Syndrom), drei haben Schwierigkeiten zu kommunizieren. Sie haben sich ebenfalls ein Thema aus ihrem Alltag gesucht: Früchtetee.

„Wir sind eine Ganztagsschule und unsere Schüler trinken dreimal am Tag zu den Mahlzeiten Früchtetee“, schreibt Klassenlehrerin Petra Schröck im Begleitbrief zur Testarbeit. „Da wir dafür 0,15 Euro am Tag einsammeln, können wir nur preiswerten Tee kaufen.“ Den Anstoß zur Teilnahme am Wettbewerb hatte ein Aufruf in der Zeitung gegeben. Die sieben fassten vier „Beschlüsse“: Wir informieren uns über die Geschichte des Tees in China und Europa, über Arten von Früchtetee, über Hersteller und Preise. Beschluss 2: „Wir erfassen alle Teesorten in den Kaufhallen von Artern.“ Beschluss 3 und 4 galten der Verkostung, der Auswertung und der Gestaltung. Die Jury war beeindruckt, wie konsequent die Tester ihren Plan verwirklichten.

„Sehr große Freude“ hätten die sieben Schüler an der zehnwöchigen Testarbeit gehabt, betont Petra Schröck. Ihre Beschlussverwirklichung krönten sie mit einem Abschluss: „Mittagessen in einem asiatischen Bistro.“ Getrunken wurde jedoch zur Feier des Tages kein Früchtetee, sondern chinesischer.

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