Nach der Atomkatastrophe in Japan fragen sich auch Menschen in Deutsch­land: Soll ich vorsorglich Jodtabletten schlucken? Nein, sagt das Bundes­umwelt­ministerium. Denn die Einnahme birgt ihrerseits Gesundheits­risiken. Daher soll sie nur auf behördliche Anordnung erfolgen.

Tabletten bewirken Jodsättigung der Schilddrüse

Bei einem Atomunfall entweicht unter anderem radioaktives Jod. Es gelangt – genau wie nicht-radioaktives Jod – über die Atemluft, Speisen und Getränke in den menschlichen Körper, reichert sich in der Schilddrüse an und setzt dort schädliche Strahlen frei. Gefürchtete Folge: Schilddrüsenkrebs. Vorbeugen lässt sich durch Tabletten mit hochdosiertem Kaliumjodid. Das darin enthaltene Jod sättigt die Schilddrüse vollkommen ab, so dass diese kein radioaktives Jod mehr aufnimmt. Dazu reicht eine einmalige Gabe, die Dosis richtet sich nach dem Alter und beträgt bei Erwachsenen 130 Milligramm. Allerdings helfen die Mittel nicht gegen andere Strahlenschäden.

Keine Strahlung in Deutschland

Seit der Atomkatastrophe in Japan geistert eine Frage durch Medien und Internet: Sollen Menschen auch in Deutschland vorsorglich Jodtabletten schlucken? „Nein“, antwortet das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit auf seiner Homepage. Aufgrund der großen Entfernung sei eine Gefahr für Deutschland praktisch ausgeschlossen. „Daher müssen keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.“ Das Ministerium rät sogar „dringend“ von der vorsorglichen Einnahme von Kaliumjodid-Tabletten ab.

A und O: Punktgenaue Einnahme

Vor allem aus zwei Gründen: „Erstens wirken die Mittel nur dann vorbeugend, wenn Menschen sie punktgenau einnehmen – wenige Stunden vor bis wenige Stunden nach einer radioaktiven Belastung“, erklärt Dr. Gerd Glaeske, Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und Leiter der Arzneimittelbewertungen bei der Stiftung Warentest. „Und zweitens können sie ihrerseits schwere Schilddrüsenerkrankungen verursachen.“ Besonders gefährdet seien Menschen im Alter über 45 Jahre, mit Jodallergien oder einer Schilddrüsenüberfunktion.

Behörden warnen rechtzeitig

Deshalb soll die Einnahme nur auf Aufforderung der für den Katastrophenschutz zuständigen Landesbehörden erfolgen. Diese beurteilen atomare Risiken und teilen im Ernstfall über Radio, Fernsehen und andere Wege mit, wer Kaliumjodid-Tabletten braucht. Außerdem halten sie das Mittel vorrätig, vor allem für Menschen in der Umgebung von Kernkraftwerken.

Reserve für den Notfall

„Um im Notfall Zeit zu sparen, können Sie sich solche Präparate besorgen und zu Hause aufbewahren“, sagt Reinhold Thiel von den „Internationalen Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW). „Allerdings würde ich damit warten, bis sich die aktuelle Aufregung gelegt hat. Zudem müssen Sie unbedingt mit einem Arzt besprechen, ob Sie die Mittel von Ihrem Gesundheitszustand her theoretisch einnehmen können. Und tatsächlich schlucken dürfen Sie sie nur auf behördliche Anordnung.“ Beziehen lassen sie sich über deutsche Apotheken – wenn auch möglicherweise mit Wartezeit. Der Preis beträgt derzeit rund 3 Euro.
Tipp: Sollten Sie sich so eine Reserve zulegen wollen, sollten Sie mit dem Kauf allerdings auf jeden Fall warten. Aktuell werden diese Jodpräparate vor allem in Japan benötigt. Erste Medienberichte melden bereits Lieferengpässe.

Herkömmliche Präparate helfen nicht

Jodtabletten Meldung

Nicht verwechseln: Gängige Präparate gegen Jodmangel sind zum Schutz der Schilddrüse vor Strahlenschäden viel zu niedrig dosiert.

Diese hochdosierten Notfallmedikamente sind aber nicht zu verwechseln mit den recht bekannten Medikamenten gegen Jodmangel. Letztere enthalten 100 bis 200 Mikrogramm Jod – viel zu wenig, um die Schilddrüse vor der radioaktiven Bedrohung zu schützen. Dazu müsste ein Erwachsener zum Beispiel 1 300 Tabletten à 100 Mikrogramm schlucken.

Dieser Artikel ist hilfreich. 895 Nutzer finden das hilfreich.

Mehr im Internet