Jod in Gemüsealgen Schock aus dem Meer

Algen umhüllen Sushi oder schwimmen als exotische Einlage in Suppen. Aber vertragen wir das Gemüse aus dem Wasser?

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In der Mittagspause geht es zum Japaner. „Einmal Maki-Sushi, bitte.“ Die Reisrollen im Algenmantel sind hier fast so beliebt wie Thunfisch-Pizza beim Italiener. Kein Wunder, Sushi haben wenig Kalorien, viele Nährstoffe und machen satt. Die kalte Spezialität bereitet der asiatische Koch vor den Augen der Gäste zu: Auf einer Bambusmatte legt er ein Algenblatt aus – groß wie ein Taschentuch, dünn wie Pergament. Mit den Daumen drückt er darauf Klebereis an. Das ist das Bett für die Füllung – meist roher Thunfisch, Lachs oder Makrele. Mit der Bambusmatte rollt der Koch das Ganze wie eine Biskuitrolle ein. Zack, zack, zack – ein Messer macht sechs pralinenförmige Scheiben daraus. Für eine Portion sind zwölf üblich. Das offene Hantieren mit den Zutaten schafft Vertrauen. Unsichtbar aber bleibt, was in den zwei Algenblättern steckt, die für das Sushi-Mahl verarbeitet werden. Und ist die Suppe auf Algenbasis gesund, die jemand am Nachbartisch löffelt?

Weil Algenblätter Jod in rauen Mengen enthalten können, hat die Stiftung Warentest 23 Packungen mit getrockneten Algen für den Hausverzehr geprüft. Bei drei Produkten – alles Braunalgen für die Suppe – lagen die Jodwerte so extrem hoch, dass wir den Berliner Senat für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz informieren mussten. Jeweils ein Kilogramm Trockenware enthielt zwischen 3 000 und 3 800 Milligramm Jod. Das ist mindestens 150 Mal mehr als das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) für verkehrsfähig hält. Wer regelmäßig zu jodhaltige Algen verzehrt, riskiert Fehlfunktionen der Schilddrüse mit gravierenden Spätfolgen. Bereits eine einmalige Überdosis Jod von 100 Milligramm kann reichen, um die Schilddrüse zu blockieren und eine vorübergehende Unterfunktion herbeizuführen. Außer in Algen stecken in keinem anderen Lebensmittel derart hohe Mengen Jod.

Jodspeichermeister Kombu

Die Algenfamilie ist weit verzweigt. Nicht alle Angehörigen speichern so fleißig Jod wie manche Braunalgensorte. Kombualgen zum Beispiel können bis zu 40 000 Mal mehr Jod als Meerwasser enthalten. Auch unsere auffälligen Testproben sind Kombualgen. Schon etwas mehr als ein zwanzigstel Gramm davon würde einen Erwachsenen mit der in Deutschland notwendigen Tagesration Jod von 200 Mikrogramm versorgen. Doch kaum ein Käufer oder Koch wüsste wohl solch winzige Kombumengen zu dosieren.

Kombualgen kommen nahezu unverarbeitet in den Handel, auf manchen klebt noch das Salz des Pazifiks. Reich an natürlichem Geschmacksverstärker (Glutaminsäure), schätzen die Japaner die schilfblattähnliche Alge für Dashi – das ist die bouillonartige Grundlage der meisten japanischen Suppen. Dafür werden ganze oder zerschnittene Kombustreifen zunächst ausgekocht, die Faserreste später zu süß-saurem Gemüse verarbeitet. Wir wollten wissen, wie viel des wasserlöslichen Jods bei der Zubereitung verloren gehen kann. Deshalb haben wir die Kombualgen drei bis vier Stunden in kaltem Wasser eingeweicht und fünfmal gespült. Danach waren die Jodwerte um etwa 95 Prozent geringer. Trotzdem enthielten die Algen noch bis zu 20-mal mehr, als das BgVV empfiehlt.

Keine Jodschocks haben Liebhaber von Maki-Sushi zu befürchten. Die Jodgehalte ihrer Algenhüllen, den von uns getesteten Nori-Blättern, sind bei maßvollem Verzehr unbedenklich. Maßvoll sind etwa 3 Blätter oder 7,5 Gramm. In solchen Mengen sind auch getrocknete Wakame-Braunalgen unkritisch.

Für Asiaten, besonders für Japaner, sind Jod-Richtwerte bedeutungslos – sie leben seit Generationen in Jodreichtum und haben sich von klein auf an ein Übermaß gewöhnt. Bis zu 6 Gramm getrocknete Algen verzehrt ein japanischer Erwachsener laut Kagawa Nutrition University täglich. Kropfprobleme kennt er praktisch nicht. Seine Schilddrüse wehrt sich nach dem Überlaufprinzip: Überschüssiges Jod fließt mit dem Urin aus dem Körper. Bei Europäern funktioniert der Mechanismus nicht immer – er versagt vor allem bei älteren Menschen.

Wir essen Algen, ohne es zu wissen

Meist nehmen wir Algen zu uns, ohne es zu wissen. Ihre Inhaltsstoffe machen etwa Dressings und Eiscreme dick, stecken in Geleekonfekt, Zahnpasta, Medikamenten und vielem mehr. Der Absatz der Allzweckpflanzen hat sich nach Angaben der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) weltweit von 1980 bis 1999 auf knapp 8 Millionen Tonnen fast verdreifacht. Die meiste Ware liefern China, Japan, die Philippinen, Süd- und Nordkorea.

Aus diesen Ländern stammen auch die Proben, die wir in Asia- und gut sortierten Lebensmittelgeschäften eingekauft haben. Dem kleinen Markt für essbare Algen in Europa haben sich nur wenige Hersteller angepasst: Asiatische Schriftzeichen sind selten übersetzt. Konkrete Verzehrsempfehlungen für Europäer fehlen meist auf den Verpackungen. Stattdessen gibt es oft Aufkleber mit allgemeinen Warnungen vor übermäßigem Genuss. Nicht immer weisen die Tüten Mindesthaltbarkeitsdatum, Gewicht und Herkunft aus. Auch über die oft beiliegenden Papierkissen mit Trocknungsmitteln wird in der Regel nicht aufgeklärt.

Zugpferd Sushi

Essbare Algen sind mit den Sushi-Bars in Europa populär geworden. Puristisch und edel entspricht Sushi dem Zeitgeist. Und dem zunehmenden Ernährungsbewusstsein. Eine Sushi-Mahlzeit hat nur etwa 300 Kilokalorien. Die Zutat Alge ist genauso interessant: Das wilde Wassergemüse ist etwa so ballaststoffreich wie Salat oder Sellerie. Außerdem besitzen Algen hohe Gehalte an Eiweiß, meist auch mehr Vitamine A, B und C als Obst und Landgemüse. Ungewöhnlich für Pflanzen: Meeresalgen enthalten oft mehr Vitamin B12 als Fleisch. Algen können auch Kalium, Kalzium, Magnesium und Eisen aus dem Meer aufnehmen. Alle Werte hängen ab von Jahreszeit, Umwelt, Frische und Kon­servierungsmethoden.

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A.Decker am 23.03.2019 um 09:19 Uhr
Jodmangel statt Überdosierung

Den „Jod-meide-Hype“ findet man nur im deutschsprachigen Raum.
Wenn man den Forschungen von Dr. Brownstein folgt, versteht man erst wie wichtig Jod für jede Zelle des Körpers ist.
Bzw. im deutschsprachigen Raum ist Kyra und Sascha Kaufmann lesenswert.
In US findet man unter dem Begriff „lugols“ tausende Erfahrungsberichte (bei einem Höndler den ich nicht nennen will)
Seit dem wir in der Familie auf Jodzufuhr im mg Bereich achten, hat sich vieles zum Positiven geändert. (SD produziert wieder selbst ausreichend Hormone, Zysten verschwunden, Haare schön, Lebensenergie wieder top, ADHS Symptomatik kaum mehr vorhanden...) und das alles um paar cent pro Tag.
Auf Selen und andere Nährstoffe muss man auch achten, um alles im Fluß zu halten.
Jod war für das Wachstum unserer Gehirne zur heutigen Größe der Schlüsselfaktor. Wenn wir nicht verblöden wollen, werden wir sie wohl weiter mit Jod füttern müssen. :-)

sachmet01 am 12.07.2018 um 18:14 Uhr
Sojaprodukte hemmen die Schilddrüse

In Asien, auch in Japan werden viel mehr Sojaprodukte konsumiert. Diese hemmt die Funktion der Schilddrüse ( Umbau zu T4 und wohl auch noch weitere)
Das ist der Grund, wieso die Leute dort viel mehr Jod vertragen. Das sind keine Supermenschen, wie hier dargestellt wird und da hier in Deutschland alles jodiert wird ( fängt schon beim Tierfutter an), hat man hier schon lange kein Jodmangelgebiet mehr. Ganz im Gegenteil, Schilddrüsenerkrankungen durch zu viel Jod und andere Faktoren nehmen stetig zu.

oe9fwv am 11.03.2018 um 14:51 Uhr
Jodbedarf

Thorsten.Maverick, 12mg sind viel zu viel, der Jod bedarf beträgt 150-200 Mikrogramm pro Tag. Das sind 0.2 mg. Ihre Angabe ist daher um etwa 60x zu hoch. Auch die Behauptung dass Jod auch sonst im Körper überall gebraucht wird ist unrichtig. Bitte um etwas genauere Recherche oder Quellenangabe.

Thorsten.Maverick am 17.02.2017 um 13:13 Uhr
Der Jodmangel ist das Problem

Wenn die Schilddrüse mit genügend Jod gesättigt ist, ist eine hohe Joddosis eigentlich kein Problem, solange keine massive Erkrankung der Schilddrüse vorliegt. Die meisten Menschen in Deutschland haben aber einen massiven Jodmangel, der sich auch nicht mit den maximal empfohlenen 200 µg Jod pro Tag als Tabletten oder mit Jodsalz decken läßt. Der Regelkreis für die Schilddrüsenhormone funktioniert dann nicht richtig, weil die Produktion der Hormone durch den Jodmangel begrenzt wird und nicht durch den TSH-Spiegel. Wenn man den Mangel behebt, muß man dabei sehr langsam vorgehen, um die Nebenwirkungen zu begrenzen. Also die Dosis nur in kleinen Schritten erhöhen. Man kann auch Jod im Urin bezogen auf Kreatinin testen lassen. Das ist ein guter Marker für die Jodversorgung. Dieser Test wird aber nur sehr selten gemacht und leider auch nicht bei Erkrankungen der Schilddrüse. Jod wird auch sonst im Körper überall gebraucht. Daher liegt die eigentlich notwendige tägliche Dosis bei etwa 12 mg.

fspade am 02.05.2014 um 15:44 Uhr
... enthalten oft mehr Vitamin B12 als Fleisch

Diese Aussage ist vage und widerspricht dem, was Wikipedia dazu schreibt: Keine pflanzliche Nahrung enthält für den menschlichen Bedarf ausreichende Mengen der verwertbaren Form des Vitamins, dies gilt insbesondere auch für fermentierte Sojaprodukte und Cyanobakterien bzw. Algen ...
An anderer Stelle wird gewart: ... häufig entpuppen sich die darin enthaltenen Verbindungen als sogenannte Analoga – sie haben einen ähnlichen chemischen Aufbau, können aber nicht vom Körper verwendet werden. Manche Forschungen weisen darauf hin, dass Analoga sogar die Aufnahme der wirksamen Cobalamine behindern können.
Was ist davon zu halten?