Viele Jeans­hersteller mauern. Sie verweigern Auskünfte über die Produktions­bedingungen ihrer Hosen, darunter auch Diesel, Hugo Boss, Lee und Wrangler.

Es wird gescheuert, geschmirgelt, zerrissen, Harz aufgetragen, mit Sand gestrahlt oder mit Chemikalien gesprüht. Wenn es darum geht, Jeans einen coolen abge­tragenen Stil zu geben, kennt die Kreativität keine Grenzen. Haupt­sache, das Ergebnis sieht natürlich aus. Das machen alle großen Produzenten so – egal ob in China, Bangladesch, der Türkei oder Italien.

Jeans CSR Test

Oft wird den Jeans mit Sprüh­pistolen der letzte Schliff gegeben. Hier trägt ein Arbeiter stellen­weise Farbe auf.

Oft wird den Jeans mit Sprüh­pistolen der letzte Schliff gegeben. Hier trägt ein Arbeiter stellen­weise Farbe auf.

Die speziellen Hand­griffe werden im Fachjargon Veredlung genannt – neben der Wäscherei eine der kritischsten Stationen der Jeans­produktion. Oft sind es junge Leute um die 20 Jahre, die auf dem blau­getränkten Denim herum­schrubben. Sie arbeiten in kargen Hallen ohne jeden Schick. Rund­herum liegen Stapel an Jeans, hier sehen sie billig aus. Später werden sie für viel Geld als Markenware verkauft.

Arbeiter fallen in Ohnmacht

Jeans CSR Test

Manuelles Abschleifen des Indigos in der Türkei: Danach wird die Hose gewaschen.

Manuelles Abschleifen des Indigos in der Türkei: Danach wird die Hose gewaschen.

Eigentlich müssten die jungen Arbeiter Atem­schutz­masken und Hand­schuhe tragen. Viele tun es aber nicht. Sie sagen, es behindere sie und bringe sie ins Schwitzen. Es passiert, dass einige in Ohnmacht fallen, weil sie bei großer Hitze Chemikalien aufsprühen und die Belüftung ausgestellt wurde. Solch ein Vorfall wurde uns berichtet, als wir Jeans­fabriken besichtigten. Wir wollten wissen, wie ernst Anbieter ihre soziale und ökologische Verantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) nehmen. Unser Eindruck: Unzu­reichender Arbeits­schutz ist ein großes Problem der Branche.

Der größte Jeans­produzent der Welt

Jeans CSR Test

So entsteht die Jeans: Eine türkische Näherin fügt den Denim zu einem Stück zusammen. Für Jeans wird erst das Garn mit Indigo gefärbt, dann der Stoff gewebt. Üblicher­weise ist das bei Textilien genau umge­kehrt.

Über­haupt scheint die Jeans­branche einiges verstecken zu wollen. Mehr als jeder zweite Jeans­hersteller aus dem Warentest (siehe „Männerjeans“ aus test 10/2011) wollte bei diesem freiwil­ligen CSR-Test nicht mitmachen: Diesel, Hugo Boss, Jeans Fritz, Kuyichi und Salsa – ebenso 7 for all mankind, Lee und Wrangler, die zur VF Corporation gehören. Dieser US-Konzern ist das größte Textil­unternehmen der Welt. Auch über die Herstellung seiner Jeans konnten wir nichts erfahren. Warum wollen so viele Anbieter nichts zu den Produktions­bedingungen sagen?

Am Ende haben wir jedenfalls keine einzige chinesische Fabrik zu Gesicht bekommen. Dabei ist China der größte Jeans­produzent der Welt. Allein in Xintang, einem Industrieort in der Provinz Guangdong, soll es 4 000 Jeans­fabriken geben.

H&M und Zara engagierter als Levi’s

Jeans CSR Test

In der Produktion kommen industrielle Groß­wasch­maschinen zum Einsatz.

Sieben Jeans­anbieter öffneten uns ihre Fabriken: von H&M und Kik in Bangladesch über Levi’s in Pakistan, Jack & Jones in der Türkei, Zara in Marokko bis hin zu G-Star und Nudie in Italien. Ein wirk­lich starkes Engagement fanden wir nirgendwo.

Selbst in Italien, dem Haupt­produzenten für Jeans in Europa, gab es große Schwach­stellen: Lieferanten werden ungenügend kontrolliert, teils fehlt es an Arbeitnehmer­vertretungen. Auch Nudie, ein Ökojeans-Anbieter, hat es sich bequem gemacht und kann sein Engagement nicht ausreichend belegen. Am Ende stehen H&M und Zara am besten da. Selbst Jeans-Urge­stein Levi’s können wir nur CSR-Ansätze bescheinigen. Levi’s verlangte zudem, dass wir eine Vertraulich­keits­erklärung unter­schreiben.

Dutzende Arbeiter befragt

In den Produktions­stätten befragten wir Dutzende Arbeiter. Fast alle sind unzufrieden mit ihrer Situation. Obwohl ihre Gehälter dem jeweiligen gesetzlichen Mindest­lohn entsprechen oder leicht darüber liegen, deckt das nicht die Lebens­kosten. Etwa in Bangladesch: Dort wurde 2010 nach Arbeiter­streiks der Mindest­lohn von 20 auf rund 28 Euro im Monat erhöht. Für ein ordentliches Leben werden aber rund 115 Euro gebraucht, berechnete das südost­asiatische Bündnis Asia Floor Wage Alliance.

Hinzu kommt: Außer­halb Europas sind Über­stunden in der Produktion weiter ein Problem. Sie liegen oft über dem Erlaubten oder werden nicht angemessen bezahlt.

Sand­strahlen wird weiter praktiziert

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Sand­strahlen mitten in Italien: Trotz des Schutz­anzugs besteht Gesund­heits­gefahr. Die feinen Sand­partikel gelangen über­all hin.

Mithilfe von Sand­strahlen können Jeans­anbieter ihren Hosen ein abge­tragenes Aussehen geben. Der feine Sand­staub kann aber die Lungen der Arbeiter schädigen (siehe „Ausgewaschene Jeans“). 2004 tauchten erste geheim­nisvolle Krank­heits­fälle in der Türkei auf. Es stellte sich heraus, dass die betroffenen Männer in Jeans­fabriken ohne Schutz­kleidung mit Sand gestrahlt und in denselben Räumen geschlafen hatten. Bis heute wird darüber gestritten, ob es über­haupt eine geeignete Schutz­kleidung geben kann. Die Türkei hat Konsequenzen gezogen und das Sand­strahlen 2009 verboten.

Nudie glaubt, Arbeiter seien sicher

Keine der Hosen im Test wurde mit Sand behandelt, bestätigte uns ein Experte. Dennoch haben wir in mehreren Produktions­stätten gesehen, dass Sand­strahlen weiter praktiziert wird. In der Regel erledigen das Subunternehmer, die für mehrere Auftrag­geber arbeiten – mal mit, mal ohne Sand.

H&M hat sich vom Sand­strahlen losgesagt. Doch in der gleichen Fabrik in Bangladesch, wo H&M Jeans produzieren lässt, wurde es für andere Anbieter einge­setzt. Nudie bekennt sich zum Sand­strahlen und glaubt, die Schutz­anzüge der Arbeiter seien sicher. In der Produktion eines anderen Anbieters im Test ergab eine Unter­suchung unter den Arbeitern, dass bereits jeder Vierte an Atemwegs­erkrankungen leidet.

Tipp: Mit bloßem Auge sieht man nicht, ob eine Jeans gesand­strahlt wurde. Wer es ausschließen will, muss sich über die Produktions­praktiken der Jeans­marke informieren (siehe www.saubere-kleidung.de) oder unbe­handelten Denim kaufen.

Tüfteln an der grünen Jeans

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Qualitäts­kontrolle in Bangladesch: Diese Frauen über­prüfen, ob die Hosen sauber genäht wurden. Anschließend wird die Ware verpackt.

Qualitäts­kontrolle in Bangladesch: Diese Frauen über­prüfen, ob die Hosen sauber genäht wurden. Anschließend wird die Ware verpackt.

In vielen Fabriken wird noch zu wenig gegen die Umwelt­verschmut­zung getan. Alle Jeans­anbieter im Test bekamen auffällig wenig Punkte, was die Umwelt betrifft. Dabei bastelt die Branche bereits an einer „grünen“ Jeans. Eine Analyse von Levi’s zeigt, dass neben dem Baumwoll­anbau auch in der Wäscherei viel Wasser verbraucht wird – bis zu 42 Liter pro Hose. Umwelt­freundlichere Wasch­techniken sollen nun den Wasser- und Chemikalien­verbrauch senken. Levi’s hat eine Technik entwickelt, die rund 30 Prozent des üblichen Wasser­verbrauchs einsparen soll. Seine „waterless“-Kollektion ist seit Mitte 2011 auch bei uns zu haben. Auch recycelter Denim und Biobaumwolle sollen Jeans grüner machen. Kuyichi und Nudie bieten Jeans aus Biobaumwolle an. Nudie konnte das Biozertifikat Gots vorlegen, ließ aber auch Fragen offen. Die Kuyichi-Philosophie blieb ganz im Dunkeln. Die Firma schwieg. Nicht gerade glaubwürdig für jemanden, der sich als Vorreiter für Biojeans sieht.

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