Jahresbescheinigung für Kapitalerträge Meldung

„Die neue Jahresbescheinigung taugt für den Reißwolf“, kritisiert Finanzrichter Dr. Friedrich E. Harenberg. „Der Versuch der Behörde, damit Anlegern eine Ausfüllhilfe für die Steuererklärung zu bieten, ist misslungen.“

Die Jahresbescheinigung sollte das Ausfüllen der Steuer­erklärung erleichtern. Doch Anleger müssen aufpassen, dass sie keine Angaben zu ihren Ungunsten übernehmen.

Ein neues Papier sorgt für Verunsicherung. Erstmals mussten Banken, Sparkassen und andere Finanzdienstleister ihren Konto- und Depotinhabern für das Jahr 2004 eine Jahresbescheinigung ausstellen. „Die Jahresbescheinigung über ­Kapitalerträge und Veräußerungsgeschäfte aus Finanzanlagen soll Ihnen das Ausfüllen der Anlagen KAP, AUS und SO zur Einkommensteuererklärung ... erleichtern“, erläutert die Finanzverwaltung in den Hinweisen zu dem neuen Papier.

Doch zu früh gefreut, wer da meinte, dass sich nun die Steuererklärung im Hand­umdrehen erledigen lasse. „Für den Steuerpflichtigen und seinen Berater ­bedeutet sie mehr Bürokratie, zusätzliche Kontrollarbeit und letztlich mehr Zeitaufwand beim Erstellen der Steuererklärung“, kritisiert Friedrich E. Harenberg das neue Papier. Der Vorsitzende Richter am Niedersächsischen Finanzgericht moniert die zahlreichen Fehlerquellen.

Spekulationsgewinne im Visier

Die Jahresbescheinigung listet für jedes Depot oder Konto von Privatanlegern die in- und ausländischen Kapitalerträge in einer Summe auf. Das sind vor allem Zinsen und Dividenden. Außerdem sind in dem Papier alle privaten Veräußerungsgeschäfte erfasst. Damit werden neuerdings alle Verkäufe von Wertpapieren innerhalb der einjährigen Spekulationsfrist dokumentiert.

Diese detaillierte Zusammenstellung kann jeder von seiner Bank oder seinem depotführenden Institut verlangen. Das Brisante daran: Das Finanzamt darf die Jahresbescheinigung nachträglich zur Steuererklärung anfordern. Zur Vorlage zwingen kann die Behörde allerdings niemanden.

Banken in der Pflicht

Deutsche Geldinstitute wie Banken, Sparkassen, Bausparkassen, Investmentgesellschaften, Kreditgenossenschaften, Finanzdienstleistungsinstitute und Wertpapierhandelsunternehmen müssen im ersten Quartal des Jahres für das vergangene Jahr eine Jahresbescheinigung anfertigen. Das gilt auch für Konten, wenn per Freistellungsauftrag keine Zinsen und Dividenden zu versteuern waren. Freigestellt sind bis zu 1 421 Euro (1 370 Euro Sparer­freibetrag plus 51 Euro Werbungskostenpauschale) im Jahr. Zusammenveranlagte Ehepartner (Splittingtarif) erhalten 2 842 Euro (2 740 Euro plus 102 Euro Werbungskostenpauschale) steuerfrei.

Ebenso dürfen Geringverdiener, die mit einer Nichtveranlagungsbescheinigung Zinsen und Dividenden steuerfrei­ ­erhalten haben, das Papier verlangen. Nur wenn die Erträge unter 10 Euro im Jahr ­liegen, muss die Bank nichts ausstellen.

Wirrwarr komplett

Spätestens wenn Anleger die Jahresbescheinigung zur Steuererklärung nutzen wollen, haben sie ein Problem. Verfügen sie über verschiedene Konten und Depots, ist jede Bescheinigung anders, weil die Banken für ihre Jahresbescheinigung meist ein eigenes Muster entworfen haben.

Während zum Beispiel die Fondsgesellschaft Adig auf einer Seite über die in- und ausländischen Kapitalerträge ihre Depotinhaber informiert, müssen Kunden der Berliner Sparkasse mindestens zwei Seiten studieren.

Dazu kommt, dass die Jahresbescheinigung mittlerweile das dritte Papier ist, das Anleger für ihre Zinsen und Dividenden erhalten. Haben sie ihr sparerfreies Limit ausgeschöpft, muss ihnen die Bank für die abgeführte Zinsabschlag- oder Kapitalertragsteuer inklusive Solidaritätszuschlag eine Steuerbescheinigung ausstellen.

Zusätzlich können sie von der Bank für das vergangene Jahr eine Erträgnisauf­stellung anfordern. Dafür verlangen die Banken allerdings meist eine Gebühr.

Legen sie dann bei ihrer Steuererklärung Jahresbescheinigung, Steuerbescheinigung und Erträgnisaufstellung nebeneinander, stimmen die Zahlen nicht mal überein. Das macht den Wirrwarr komplett.

Nur äußerliche Ähnlichkeit

Zwar zeigt die Jahresbescheinigung am Rand, was wo in der Steuererklärung einzutragen ist. Bei kritischer Betrachtung handelt es sich aber nur um eine summarische Aufstellung, die den Steuerformu­laren für Kapitalanleger, den Anlagen KAP, AUS, SO, nur ähnelt. Die Beträge lassen sich meist nicht eins zu eins übernehmen.

Nur wenn die Zinsen und Dividenden im Jahr unter dem Sparerfreibetrag bleiben, ist es für Anleger einfach: Die Anlage KAP zur Steuererklärung für Kapitalerträge erübrigt sich.

Eigener Überblick nötig

Dennoch sollten auch sie wachsam sein und ihre Freistellungsaufträge im Blick behalten. Das steuerfreie Limit von 1 421 Euro (Ehepaare 2  842 Euro) im Jahr ist schnell verbraucht. Am besten ist es deshalb, während des Jahres in einer Übersicht die erteilten Freistellungsaufträge zu erfassen und die erhaltenen steuerpflichtigen Erträge wie Zinsen oder Dividenden zu ergänzen sowie die Ausgaben (Werbungskosten) wie zum Beispiel Konto- und Depotgebühren zu notieren. Dann lässt sich sofort feststellen, wann der ­Sparerfreibetrag ausgeschöpft ist.

Bei der Rechnung ist der Steuervorteil von Dividenden zu beachten: Von Dividenden ist nur die Hälfte steuerpflichtig. Ein Single kann zum Beispiel neben 1 500 Euro Dividenden aus Aktien noch 671 Euro Zinsen im Jahr steuerfrei einstreichen:

Steuerpflichtiger Dividendenanteil: 1/2 von 1 500 Euro: 750 Euro
+ Zinsen: 671 Euro
Nicht höher als der Sparerfreibetrag inkl. Werbungskostenpauschale: 1 421 Euro

Kommen nur ein Euro Zinsen hinzu, beginnt der bürokratische Aufwand. Die Bank muss auf den nicht freigestellten ­Betrag vorab 30 Prozent Zinsabschlagsteuer plus davon 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag an das Finanzamt abführen.

Als Beleg erhält der Sparer eine Steuerbescheinigung von der Bank. Diese weist die gezahlte Steuer nach, die dann später im Einkommensteuerjahresausgleich mit der persönlichen Steuerschuld verrechnet wird. Dazu verlangt das Finanzamt immer das Original für die Steuerakte.

Lücken in der Bescheinigung

Wie viel Steuern das Finanzamt schon im Voraus bekommen hat, lässt sich ebenfalls aus der Jahresbescheinigung ablesen – wie viel Zinsen und Dividenden per Freistellungsauftrag steuerfrei ausgezahlt wurden, aber nicht. Auch andere wichtige Angaben für die Steuererklärung fehlen.

Haben beispielsweise Sparer ihr Konto im Jahr gewechselt, führt die Jahresbescheinigung der neuen Bank nicht auf, wie viel Zinsen oder Zinsabschlagsteuer bereits bei der alten Bank fällig wurden.

Unvollständig ist auch die Bescheinigung beim Depotübertrag: Verkauft etwa ein Aktionär eine Unternehmensbeteiligung, die er schon im alten Depot hatte, ordnet die neue Bank das ungeprüft zu den privaten Veräußerungsgeschäften.

Ob hier aber die einjährige Spekulationsfrist überhaupt greift und deshalb der Verkauf steuerpflichtig ist, muss der Anleger selber feststellen. Er sollte deshalb bei jedem Wertpapierkauf die Unterlagen über den Anschaffungstermin und Anschaffungspreis gut aufbewahren.

Einzelne Belege weiter wichtig

Zusätzliche Belege sammeln heißt es auch in punkto Werbungskosten. Unter dem Stichwort „Aufwendungen“ muss das ­Depotinstitut oder die Bank lediglich die Kosten angeben, die es erkannt hat. In der Jahresbescheinigung links hat die Berliner Sparkasse die Depotgebühren ihres Kunden vergessen. Kommen mehr als 51 Euro Werbungskostenpauschale (Ehepaare 102 Euro) im Jahr zusammen, bringt der Nachweis solcher Ausgaben Steuerersparnis, wenn der Sparerfreibetrag ausgeschöpft ist.

Mehr Kontrollaufwand

Nicht nur wegen der Steuererklärung sollten Anleger die Jahresbescheinigung mit Vorsicht genießen. Falsche Angaben sollten sie unbedingt von der Bank korrigieren lassen. Dann dient das Papier zumindest als Beweismittel für die Finanzbehörde.

Das ist aber auch alles. Ansonsten bringt die Jahresbescheinigung nur mehr Arbeit. „Einfacher und durchschaubarer wäre es“, meint Finanzrichter Harenberg, „wenn die Bank direkt dem Wohnsitzfinanzamt die steuerpflichtigen Kapitalerträge mitteilt und davon die Kunden eine Kopie bekommen.“ Das würde Zeit und Mühe sparen.

Schließlich wüssten Anleger dann, ­woran sie sind und über welche Daten das Finanzamt verfügt. „Vielleicht ist es aber auch System, ihn immer im Unklaren zu halten, was die Finanzbehörde wirklich von ihm weiß“, vermutet Harenberg.

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