Interview Meldung

Viele Veranstalter von Pauschalreisen nehmen deutlich überhöhte Anzahlungen, kritisiert Juristin Beate Wagner von der Verbraucher­zentrale Nordrhein-Westfalen.

Wer jetzt Kataloge wälzt und den Sommerurlaub bucht, muss häufig 30 Prozent, teils sogar 50 Prozent anzahlen. Ist das nicht überzogen?

Auf jeden Fall. Früher waren 10 Prozent üblich, das wurde dann auf
15 Prozent angehoben. Und nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2006 wurden in der Branche 20 Prozent üblich. Schon das ist sehr viel, alles darüber halten wir für indiskutabel.

Aber 20 Prozent sind erlaubt?

Das halten die obersten Richter für angemessen, da der Kunde ja einen Sicherungsschein erhält, also sein Geld zurückbekommt, wenn der Veranstalter vor der Reise pleitegeht. Die Grenze war unter Juristen strittig, viele sahen 10 Prozent als Limit. Der BGH hat sich der Rechtsmeinung angeschlossen, die 20 Prozent für zulässig hielt.

Dann wäre das aber die Oberkante.

Richtig, das sehen wir so – nicht aber die Reisebranche. Die hält das BGH-Urteil für einen Einzelfall und findet selbst höhere Anzahlungen rechtens. Da wird systematisch versucht, die Beträge hochzuschrauben. Dabei hat das Landgericht Dortmund beispielsweise Ruf-Jugendreisen, die 50 Prozent verlangten, eine Absage erteilt. So hohe Summen verstoßen gegen das gesetzliche Zug-um-Zug-Prinzip: Erst die Leistung, dann das Geld. Deswegen klagen wir gerade gegen die Leipziger Urlaubstours, die 40 Prozent will.

Bedeuten hohe Anzahlungen für die Kunden ein Risiko?

Das könnte sein. Denn es ist fraglich, ob der Reisepreissicherungsschein bei einer Veranstalterpleite auch höhere Anzahlungen als 20 Prozent abdeckt.

Den Reiseveranstaltern bringt das Zinsgewinne. Wie hoch liegen die?

Die sind gewaltig. Bei gut 21 Milliarden Euro Jahresumsatz bringen schon 20 Prozent Anzahlung ungefähr 30 Millionen Euro Zinsen – bei 2 Prozent Zinssatz und durchschnittlich vier Monaten Anzahlungsfrist. Bei 40 Prozent Anzahlung würden also jedes Jahr weitere 30 Millionen Euro völlig ungerechtfertigt in die Kassen der Veranstalter fließen.

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