Interview: Ökostrom mit RECS-Zertifikaten Meldung

Wer Freilandeier kauft, will keine Eier aus Käfig­haltung unter­geschoben bekommen. Genauso sieht es mit Ökostrom aus: Wer bis zu 4 Cent pro Kilowatt­stunde mehr bezahlt, möchte auch sicher gehen, dass dieses Geld der Umwelt zugute kommt. Doch der Handel mit so genannten RECS-Zertifikaten führt den Ökostrommarkt ad absurdum. Viele Verbraucher sind verunsichert. Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), gibt Antworten und Tipps.

test.de: Herr Kasper, was sind RECS-Zertifikate und wie funktioniert der Handel mit ihnen?
Kasper: Das Renewable Energy Certificate System (RECS) gibt es derzeit in 15 europäischen Ländern. In Deutschland wurde die Organisation unter anderem von E.ON, RWE und Vattenfall mitbegründet. Ziel ist es, den europaweiten Handel mit Ökostrom zu ermöglichen und so regenerative Energien zu fördern.

test.de: Das klingt doch eigentlich gut. Wo liegt der Haken?
Kasper: In Skandinavien wird schon seit vielen Jahren der größte Teil des Stroms in Wasserkraftwerken erzeugt. Für jede dort gewonnene Megawattstunde Strom bekommt der Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat. Dieses Zertifikat kann er verkaufen. Ein deutscher Stromversorger kauft dieses Zertifikat für etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde und darf damit die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als Ökostrom bezeichnen. So wird aus konventionellem Strom Ökostrom.

test.de: Und die Umwelt?
Kasper: Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.

test.de: Sind RECS-Zertifikate grundsätzlich schlecht?
Kasper: Nein. Wenn das Zertifikat zusammen mit dem tatsächlich ökologisch produzierten Strom verkauft wird, ist das in Ordnung. Voraussetzung: Das zieht den Bau zusätzlicher erneuerbarer Energieanlagen nach sich. Erst wenn das Zertifikat vom eigentlichen Strom abgekoppelt und zur Umetikettierung von herkömmlich produziertem Strom benutzt wird, ist das falsch.

test.de: Welche Alternative zum Handel mit RECS-Zertifikaten gibt es?
Kasper: Das einzige scharfe Instrument zum Ausbau erneuerbarer Energie ist das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Während der Handel mit RECS-Zertifikaten keinen Umweltvorteil bringt, zwingt das EEG schon heute Stromversorger, 12 Prozent Ökostrom mit dem herkömmlichen Haushaltsstrom zu liefern. In den nächsten 12 Jahren wird dieser Anteil auf 27 Prozent ansteigen. Dieser echte Ökostrom stammt aus hiesigen Windrädern, Biomasse- und Fotovoltaikanlagen. Die Netzbetreiber müssen den Strom zum festgesetzten Preis aufkaufen und an ihre Kunden weiterleiten. Das EEG steht für den Zubau ökologischer Erzeugungsanlagen. So entsteht ein echter Umweltnutzen.

test.de: Wie können Kunden feststellen, ob sie echten Ökostrom bekommen?
Kasper: Dank dem Erneuerbare Energien Gesetz bezieht ja heute schon jeder Haushaltskunde mindestens 12 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien. Tendenz steigend. Wer darüber hinaus etwas für die Umwelt tun möchte, muss sich genau informieren. Denn das Wort „Ökostrom“ ist keine geschützte Marke. Orientierungshilfe geben Stromlabel wie das Ok Power Label oder das Grüne Strom Label.

test.de: Was bewerten diese Label?
Kasper: Jedes Label vertritt eine unterschiedliche Auffassung, wie Ökostrom zu definieren ist. Beim Ok Power Label ist es zum Beispiel wichtig, dass ein Drittel des Stroms aus neuen Anlagen unter Beachtung ökologischer Standards gewonnen wird. Das Grüner Strom Label bescheinigt hingegen, dass ein gewisser Anteil des Stroms aus regenerativen Energien gewonnen wird. Außerdem fließt bei Stromangeboten mit diesem Label 1 Cent je Kilowattstunde in den Neubau von Anlagen für erneuerbare Energien. Vor umetikettiertem Ökostrom aus RECS-Zertifikaten schützen aber auch solche Label nicht immer.

test.de: Welche Unternehmen verkaufen echten Ökostrom?
Kasper: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.

test.de: Was können Ökostromkunden tun, wenn sie nicht indirekt Erzeuger von Atomstrom unterstützen wollen?
Kasper: Grundsätzlich gilt: Nur weil Ökostrom drauf steht, muss der Umwelt noch nicht geholfen sein. Wer tatsächlich reinen Ökostrom kaufen möchte, sollte sich darüber informieren, wie unabhängig der Anbieter von den großen Strommonopolisten ist.

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