Interview Meldung

Die drei Pfle­gestufen wechseln 2017 zu fünf Pfle­gegraden. Viele werden profitieren, sagt Uwe Brucker. Im Interview mit test.de erklärt der Leiter Pflege beim Medizi­nischen Dienst des GKV-Spitzen­verbands, was der neue Pflegebedürftig­keits­begriff bedeutet und welche Veränderungen er für die Versicherten bringt.

Nicht nur körperliche Einschränkungen zählen

Ab 2017 wird es eine neue Definition für Pflegebedürftig­keit geben. Was bedeutet das für Versicherte?

Brucker: Gutachter des Medizi­nischen Dienstes der Kranken­versicherung, des MDK, werden anhand erweiterter Kriterien die Hilfe- und Pflegebedürftig­keit eines Menschen fest­stellen. Relevant dabei wird sein, wie selbst­ständig ein Mensch sein Leben meistert und wie abhängig er von der Hilfe etwa von Pfle­gekräften oder Angehörigen ist. Im Moment wird bei Begut­achtungen noch gemessen, wie viel Minuten ein Mensch für Verrichtungen wie das Anziehen oder Essen braucht. Anhand dessen wird die Pfle­gestufe bestimmt.

Was ist so falsch an der jetzigen Regelung?

Brucker: Derzeit liegt der Fokus der Pflege­begut­achtung auf körperlichen Einschränkungen und nicht auf dem Hilfebedarf, der sich wegen psychischen und gerontologischen Erkrankungen wie der Demenz ergibt. Ein Mensch kann körperlich fit sein, muss aber bei täglichen Aufgaben wie dem Zähneputzen oder Waschen angeleitet werden, weil er krank­heits­bedingt nicht mehr weiß, dass er sich wäscht. Die notwendige Präsenz von Pflegenden dabei wird bis jetzt zu wenig berück­sichtigt.

Aus drei mach fünf

Statt der bisherigen drei Pfle­gestufen wird es mit der neuen Einstufung fünf Pfle­gegrade geben – wie erfolgt die Einstufung?

Brucker: Mit Einführung des neuen Pflegebedürftig­keits­begriffs werden die MDK-Gutachter bewerten, was Versicherte in ihrem Umfeld und ihrer Lebens­lage noch können. Acht Bereiche wie etwa Mobilität, kommunikative Fähig­keiten, Verhalten und Selbst­versorgung werden betrachtet. Am Ende ergibt sich aus den acht Modulen ein Punkt­wert, der den Pfle­gegrad beim Versicherten bemisst und bestimmt, welche Leistungen er erhält.

Ändert sich dadurch etwas für die Antrag­steller von Pflege­leistungen?

Brucker: Der Weg der Antrag­stellung bleibt derselbe wie bisher. Ein Gutachter des MDK kommt, nachdem der Versicherte einen Antrag bei der Kasse gestellt hat, zu ihm nach­hause und begut­achtet ihn. Anschließend wird er in den Pfle­gegrad einge­stuft und erhält die entsprechende Leistung. Sollten Versicherte mit der Einstufung nicht zufrieden sein, können sie, wie jetzt auch, Wider­spruch bei ihrer Pflegekasse einlegen und gegen die Einstufung beim Sozialge­richt klagen.

Für den Über­gang gibt es Bestands­schutz

Müssen sich Pflegebedürftige mit Einführung der neuen Bewertung auch erneut begut­achten lassen?

Brucker: Nein, es wird eine Über­leitungs­regel mit Bestands­schutz geben. Pfle­gestufen werden formell in Pfle­gegrade über­führt. Beispiels­weise wird dann eine Pfle­gestufe I in Pfle­gegrad II umge­wandelt. Bei einem Antrag auf Höher­stufung von Pflege­leistungen wird dann nach den neuen Regeln begut­achtet und einge­stuft.

Was bedeutet die Umstellung lang­fristig für die Versorgung?

Brucker: Mehr Menschen werden von den Leistungen profitieren und auch das Bild der Pflege muss sich ändern. Neben der „Pflege am Bett“ wird bei der Betreuung von Demenz­kranken eine geronto­psychiatrische Qualifikation eine andere Rolle spielen als heute. Beispiels­weise müssen dann viel mehr Pfle­gekräfte in Pfle­geeinrichtungen besser ausgebildet werden und in größerer Zahl vorhanden sein; denn geronto­psychiatrische Pflege ist anspruchs­voll und personal­intensiv.

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