Interview Meldung

Finanzexperte Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zur Beratung in Banken.

Rund 80 Prozent aller weltweit aufgelegten Zertifikate werden in Deutschland verkauft. Warum sind Anleger hier so verrückt danach?

Weil die Banken ihnen diese Produkte aufschwatzen. Seit sieben, acht Jahren sehen wir eine Welle von Zertifikaten, die Papiere werden förmlich in den Markt hineingeprügelt, obwohl viele so kompliziert konstruiert sind, dass selbst Finanzprofis sie nicht verstehen. Den Banken brachte das satte Provisionen.

Und den Kunden?

Die erleiden zum Teil böse Verluste. Viele wissen ja nicht einmal, dass Zertifikate nicht einlagengesichert sind, abgesehen von Produkten aus dem Lager der Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken. Bei einer Pleite der herausgebenden Bank ist das Geld verloren.

Das erleben gerade Besitzer von Lehman-Zertifikaten.

Diese Papiere wurden noch vor kurzem sogar sicherheitsorientierten Kunden aufgedrängt, als die Banken schon ahnen mussten, dass das gefährlich war. Auf unserem Internetforum unter www.vz-nrw.de/falschberatung melden sich Hunderte. Einige merken erst jetzt, was ihnen angedreht wurde.

Die Leute wussten das gar nicht?

In vielen Fällen nicht. Offenbar haben die Banken diese Papiere zum Teil gezielt an alte Leute verkauft. Da ist zum Beispiel eine 88-Jährige mit Zertifikaten von der Citibank. Gott sei Dank war Lehman in Deutschland nur ein kleiner Anbieter, wäre eine Großbank pleitegegangen, hätten wir jetzt nicht zigtausend Geschädigte, sondern Millionen.

Die Bankberatung hatte also in erster Line die eigene Rendite im Sinn, weniger die des Kunden?

Genau diese Missstände treten nun durch die Lehman-Pleite zutage. Jeder Sparer sollte prüfen, ob er Zertifikate im Depot hat. Mein Rat: Misstrauen Sie Ihrer Bank. Da sitzt Ihnen kein Berater gegenüber, sondern ein Verkäufer.

Haben Sparer, die eine gute Beratung wollen, denn Alternativen?

Sie können zu Honorarberatern gehen. Das sind Experten, oft frühere Banker, die von der provisionsgetriebenen Beratung in der Bank genug hatten und jetzt selbstständig sind. Eine Einmalberatung für Kleinanleger kostet meist etwa 75 bis 150 Euro. Auch die Verbraucherzentralen bieten Finanzberatungen, doch wir haben viel zu wenig Personal.

Dieser Artikel ist hilfreich. 73 Nutzer finden das hilfreich.