Interview Meldung

Wolfgang Scholl

Wolfgang Scholl ist Experte für Versi­cherungen beim Verbraucherzen­tra­le Bundesverband (vzbv).

Bisher waren Auszahlungen aus Kapitallebensversicherungen meist steuerfrei. Diesen Vorteil will der Bund nun streichen. Was bedeutet das konkret?

Dass die Lebensversicherung ziemlich unattraktiv wird. Bisher kann die Ablaufleistung nach zwölf Jahren steuerfrei kassiert werden, wenn regelmäßig eingezahlt wurde und die Versicherungssumme mindestens 60 Prozent aller geplanten Beiträge betrug. Beispiel: Ein 60-Jähriger, der 30 Jahre monatlich 100 Euro einzahlte, erhält etwa 75 000 Euro. Künftig müsste er davon 31 000 Euro versteuern. Bei 35 Prozent Steuerlast wären 10 850 Euro fällig. Seine Beiträge hätten sich mit nur 3,6 statt bisher 4,5 Prozent verzinst. Eine andere geplante Variante – Quellensteuer auf Überschüsse und Rechnungszins – wäre bei einem moderaten Steuersatz für die Versicherten etwas angenehmer.

Sind solche Policen dann noch sinnvoll?

Das sind sie schon heute oft nicht. Die Kapitalleben ist ein problematisches Produkt, starr und unflexibel. Wer einmal abgeschlossen hat, muss bis zum Ende durchhalten. Bei Ausstieg drohen hohe Verluste. Trotzdem werden gut die Hälfte der Verträge gekündigt. Ich persönlich würde so einen Sparvertrag nicht abschließen.

Wird die Besteuerung nur für Neuab­schlüsse gelten oder auch für Altverträge?

Das ist noch nicht klar. Für Altverträge aus der Zeit vor dem Stichtag wird es Vertrauensschutz geben. Doch die Versicherer wollen, dass die Besteuerung nicht endfällig, also bei Auszahlung des Vertrags erfolgt sondern jährlich in kleineren Beträgen. Dann wäre für den Finanzminister die Versuchung groß, Altverträge einzubeziehen.

Viele Sparer halten eine private Rentenversicherung für attraktiver.

Die rentiert eine winzige Spur besser, beruht aber auf dem gleichen Prinzip. Der Unterschied liegt darin, dass die Auszahlung als meist lebenslange Rente erfolgt, und dass – wenn der Versicherte vor Rentenbeginn stirbt – allenfalls die bisher geleisteten Beiträge zurückgezahlt werden. Verträge ohne Kapitalwahlrecht – bei denen der Kunde zu Rentenbeginn kein Recht hat, doch lieber Auszahlung auf einen Schlag zu wählen – sollen zwar künftig steuerfrei sein. Doch bleibt der Nachteil, dass der Kunde sich auf Jahrzehnte festlegt und dass er die Renten voll versteuern muss.

Und was ist mit älteren Kunden, die eine große Summe als Einmalbetrag einzahlen, um ab sofort eine Rente zu bekommen?

Diese Sofortrente kann Sinn machen für Sparer mit hoher Steuerbelastung. Denn da wird nur der geringe Ertragsanteil versteuert: bei Rentenbeginn mit 65 Jahren derzeit nur 27 Prozent. Nach der Reform werden voraussichtlich nur noch Rentenpolicen gegen Einmalbeitrag von der Ertragsanteilsbesteuerung profitieren. Der Prozentsatz für Rentenbeginn mit 65 soll dann bei 19 Prozent liegen. Immerhin: Würde der Rentner sein Geld bei der Bank anlegen, müsste er den gesamten Zinsertrag versteuern.

Wenn also keinen Kapitallebensvertrag, was würden Sie stattdessen empfehlen?

Da bleibt ein breites Spektrum: Zum Beispiel die zu Unrecht schlechtgeredeten Riester-Produkte wie Bank- oder Fondssparpläne oder aber die betriebliche Altersvorsorge. Für langfristig orientierte Sparer kommen auch Renten- oder gar Aktienfonds infrage, ebenso Bundespapiere oder Pfandbriefe. Diese Produkte lassen ihnen die Möglichkeit, notfalls rasch an ihr Geld zu kommen. Wenn sie dann ins Rentenalter kommen, können sie über die Summe frei verfügen und immer noch eine Rentenversicherung gegen Einmalbeitrag abschließen.

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