Interview Meldung

Martin Balleer von der Aktuarvereinigung.

Die Deutsche Aktuarvereinigung, der Zusammenschluss der deutschen Versicherungsmathematiker, will den von der Bundesaufsicht verordneten Stresstest für Lebensversicherer ergänzen. Ihr Vorstand Martin Balleer erläutert, warum.

Finanztest: Warum reicht der Stresstest in seiner bisherigen Form nicht aus?

Balleer: Der Stresstest ist bisher nur eine Momentaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt. Um die Übereinstimmung von Kapitalanlagen und Garantieverpflichtungen eines Versicherers wirklich sachgerecht zu prüfen, brauchen wir jedoch eine Projektion in die Zukunft. Die Planungen der Unternehmen für die kommenden drei bis fünf Jahre müssen in die Simulationsrechnungen einfließen. Dabei müssten beispielsweise auch die Ausfallrisiken auf der Kapitalseite eingeplant werden.

Finanztest: Einige Unternehmen haben den Stresstest nicht bestanden, weil es ihnen an Sicherheitskapital fehlt. Welche Konsequenzen hat das? 

Balleer: Die großen Schwankungen des Werts der Kapitalanlagen machen es notwendig, mehr Sicherheitskapital aufzubauen. Deshalb dürfen nicht alle Erträge sofort in die Gewinnbeteiligung der Kunden fließen, sondern das Geld müsste künftig zunächst zurückgelegt werden. Die Folge: Die jährlich gutgeschriebene Überschussbeteiligung wird geringer, der Schlussüberschussanteil am Ende der Vertragslaufzeit wird größer.

Finanztest: Dann finden Sie die Reduzierung des Garantiezinses auf 2,75 Prozent Anfang 2004 richtig?

Balleer: Eine Reduzierung ist richtig, doch der Zeitpunkt dafür ist zu früh. Die Unternehmen haben kaum Zeit, die Tarife auf die neue Garantieverzinsung umzustellen. Eine Tarifreform braucht einen längeren Vorlauf als sechs Monate. Neue Software muss installiert, die Beispielrechnungen für die Verträge müssen erarbeitet werden. Dies birgt die Gefahr, dass wegen fehlender neuer Tarife ein verstärkter Schlussverkauf mit alten Tarifen stattfindet. Auch der notwendige Umbau der Überschussbeteiligung, wie ich ihn kurz beschrieben habe, wird verschoben werden müssen. Die Konsequenz: Der Aufbau von Risikokapital bei den Unternehmen verzögert sich.

Dieser Artikel ist hilfreich. 112 Nutzer finden das hilfreich.