Interview Meldung

Professor Norbert Walter

Läuft es an den Aktienbörsen schlecht, schielen Anleger gern nach Anleihen. Die Zinsen sind allerdings niedrig und sie werden auch nicht steigen, meint der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ­Professor Norbert Walter.

Finanztest: Was spricht für steigende Zinsen?

Walter: Nichts. Jedenfalls nicht in den wichtigsten Ländern und dort nicht 2002 und 2003. Hoffentlich haben wir danach, ab 2004, wenigstens wieder gute Gründe, um über die Perspektive steigender Zinsen zu sprechen.

Finanztest: Was spricht dagegen?

Walter: In den USA, Europa und vor ­allem Japan ist die Inflation für jetzt und auf absehbare Zeit kein Problem. In Japan herrscht im dritten Jahr Deflation. Die fortgesetzte Wirtschaftsschwäche in Japan, das Risiko des Double Dip (erneuter Sturz in die Rezession, Anm. der Red.) in den USA und die fehlende Dynamik der heimischen Nachfrage in Europa sorgen für geringe Kreditnachfrage und vergrößerte Ersparnisbildung. Die stimulierende Finanzpolitik der USA und einiger Schwellenländer bringen die Märkte nicht in Gefahr, heiß zu laufen, jedenfalls nicht 2002 und 2003.

Finanztest: Sollten die Zinsen sinken, gibt es dann in den USA und hierzulande japanische Verhältnisse? Mit lang anhaltender Stagnation, dauerhaft sinkenden Preisen und einer wirkungslosen Geld- und Finanzpolitik?

Walter: Nein. Zwar werden nach der nächsten Zinssenkung der Fed die ­amerikanischen Zinsen fast japanisches Niveau erreichen, aber dank des funk­tionierenden amerikanischen Banken­systems werden die Zinssenkungen ­anders als in Japan nicht verpuffen. Auch sonst unterscheiden sich die USA doch grundsätzlich von Japan.

Finanztest: Inwiefern?

Walter: Erstens nimmt die Bevölkerung der USA weiter zu und bleibt im Vergleich zu Japan wegen höherer Geburtenzahlen und kräftiger, selektiver Zuwanderung jung. Dies sorgt bei Innovationsfähigkeit, räumlicher Flexibilität und bei der Dynamik im Wohnungsmarkt für langfristig deutlich günstigere Verhältnisse. Zweitens ist die Finanzpolitik nicht wie die Japans in der Schuldenfalle. Dort wird das Verhältnis Staatsschuld zu Sozialprodukt ausgehend von 140 Prozent selbst bei restriktiver Finanzpolitik und niedrigen Zinsen weiter steigen. Drittens befindet sich Amerika nicht in einer politischen Verkrustung, die in Japan eine Lösung der Probleme nahezu unmöglich macht.

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