Interview Grauer Kapitalmarkt Meldung

Angesichts niedriger Zinsen locken Banken, Sparkassen und freie Finanzvermittler mit lukrativeren Angeboten des so genannten Grauen Kapitalmarkts. Dort werden attraktive Renditen und obendrein Steuervorteile versprochen. Viele Angebote sind seriös, bergen für Anleger aber erhebliche Verlustrisiken. Finanztest-Redakteurin Ariane Lauenburg erklärt, um welche Produkte es sich handelt.

Oft wird irreführend geworben

test.de: Welche Produkte werden auf dem Grauen Kapitalmarkt angeboten? Was ist typisch?

Ariane Lauenburg: Typische Angebote sind Beteiligungen an Unternehmen. Dabei sollen Anleger zum Beispiel Genussrechte, atypische stille Beteiligungen, Anteile an Genossenschaften oder geschlossenen Fonds zeichnen, die das Anlegergeld in Wind, Sonne, Energie, Biogas, Schiffe oder Immobilien investieren. Es geht aber auch um Börsentermingeschäfte, den Kauf von Anlagediamanten oder ausserbörslichen Aktien. Alle genannten Angebote sind nicht per se unseriös. Unseriös werden sie erst, wenn sie von vorn herein so geplant sind, dass ein Großteil des Anlegergeldes in die Taschen der Initiatoren fließt. Oder wenn sie mit irreführenden Gewinnversprechen vermittelt werden.

Nur 10 Prozent des Vermögens im Graumarkt investieren

test.de: Demnach steckt hinter den Angeboten also nicht unbedingt eine betrügerische Absicht, aber sie sind ziemlich riskant. Sollte man dann überhaupt Produkte des Grauen Kapitalmarkts in die Auswahl nehmen?

Ariane Lauenburg: Die meisten Angebote des Grauen Kapitalmarktes sind nur etwas für gut verdienende Anleger, die mögliche Verluste finanziell verkraften können. Auch sollte niemand mehr als 10 Prozent seines liquiden Vermögens im Grauen Markt investieren. Denn den hohen Gewinnchancen der Produkte stehen meist erhebliche Verlustrisiken gegenüber. Oft werden Anleger bei diesen Produkten zu Mitunternehmern. Als Mitunternehmer werden sie dann nicht nur an den Gewinnen ihrer Anlagefirma beteiligt, sondern auch an möglichen Verlusten.

Viele Anbieter locken mit Steuervorteilen

test.de: Welche Tricks wenden Anbieter an, um Anlegern überteuerte Immobilien aufzuschwatzen?

Ariane Lauenburg: Es gibt viele unseriöse Vorgehensweisen. Besonders erfolgreich sind Anbieter, die Steuerersparnisse versprechen. Dies ist für viele Anleger ein starkes Verkaufsargument. Typisch ist etwa der Verkauf total überteuerter vermieteter Eigentumswohnungen als Kapitalanlage, um das Alter abzusichern. Den Anlegern wird erklärt, dass sie die Immobilie so gut wie nichts kostet. Mieteinnahmen und Steuerersparnisse würden die Darlehenskosten für die Immobilie decken. Auch könne man die Wohnung nach zehn Jahren mit Gewinn weiterverkaufen. Das stimmt jedoch regelmäßig nicht, weil die angebotenen Wohnungen meist stark überteuert sind. Dubiose Verkäufer schlagen Provisionen von 20 bis 30 Prozent auf den Kaufpreis auf. Wenn dann auch noch die Mieteinnahmen geringer ausfallen als geplant, können die Betroffenen oft ihre Darlehensraten nicht mehr zahlen.

test.de: Welche Tricks gibt es noch?

Ariane Lauenburg: Verkäufer von Börsenfirmen legen Anleger oft rein, in dem sie ihnen erklären, was für tolle Gewinne sie gerade ihren Nachbarn oder ihren beruflichen Konkurrenten beschert haben. „Hätten Sie vor einer Woche auf mich gehört, und in Kaffee investiert, wären Sie heute wie ihr Nachbar um 20 000 Euro reicher“. Meist lassen sich die Angerufenen dann auf ein Geschäft ein. Dass das Setzen auf steigende oder sinkende Kaffeepreise ein Vabanquespiel ist und obendrein die Kosten und die Gewinnbeteiligung des Verkäufers meist so hoch sind, das von vornherein ein Gewinn kaum möglich ist, wissen die Kunden natürlich nicht.

Opfer in allen Bevölkerungsgruppen

test.de: Wer wird bevorzugt angesprochen?

Ariane Lauenburg: Früher sind vor allem gut verdienende Bürger, die einen hohen Steuersatz haben, angesprochen worden. Die konnten zur Not einen Kapitalverlust verkraften. Heute werden eigentlich alle angesprochen, die Geld verdienen – auch Kleinanleger. Für sie wurden eigens Produkte entwickelt, in die sie Monat für Monat über viele Jahre kleine Summen ab 25 Euro pro Monat einzahlen können.

Die psychologischen Tricks der Berater

test.de: Was bringt Menschen dazu, den Anbietern dubioser Angebote zu glauben?

Ariane Lauenburg: Es wird viel mit psychologischen Tricks gearbeitet. Da ruft ein Berater unangekündigt zuhause an und verspricht Steuerersparnisse. Um die zu erklären, muss er mal für eine halbe Stunde vorbeikommen. Und schon sitzt er bei einem ahnungslosen Menschen im Wohnzimmer. Die Steuervorteile gibt es dann nur, wenn man die xy–Anlage abschließt. Oft schicken Finanzvertriebe einen neuen Mitarbeiter zunächst zu Freunden, Bekannten und Verwandten. Dort hat der Mitarbeiter dann leichtes Spiel, da ihn die Leute kennen und ihm vertrauen. Hinzu kommt, dass ungeniert gelogen wird. Riskante Anlagen werden als sichere Altersvorsorge und Steuersparmodell beworben. Natürlich kann der Anleger die Geldanlage auch jederzeit veräußern. Die meisten Menschen machen sich dann nicht die Mühe, den Prospekt von vorne bis hinten zu lesen. Zumal der meist unverständlich formuliert ist und oft 100 Seiten hat. Zudem werden Kunden unter Zeitdruck gesetzt. Die hohen Zinsen gibt es nur noch diese Woche oder es gibt mehrere Interessenten für die supergünstige Immobilie, erklären die Verkäufer. Der Anleger bekommt dann das Gefühl, dass ihm ein anderer das tolle Angebot vor der Nase wegschnappen könnte, wenn er nicht sofort zuschlägt.

AWD vermittelte riskante Fonds als Altersvorsorge

test.de: Welche Rolle spielte der Finanzvertrieb AWD und der AWD-Gründer Carsten Maschmeyer beim Vertrieb geschlossenen Fonds, den sogenannten Dreiländerfonds, an Zehntausende von Anlegern?

Ariane Lauenburg: Carsten Maschmeyer, Gründer des AWD, behauptet, dass der AWD nur ganz wenige unzufriedene Kunden hat. Eine AWD-Liste, die Finanztest vorliegt, belegt etwas anderes: Darauf stehen über 34 000 AWD-Kunden, die mit geschlossenen Immobilienfonds (Dreiländerfonds) der Capital Konsult aus Stuttgart Verluste gemacht haben. Die langjährigen Beteiligungen wurden ihnen in den 90er Jahren vom AWD häufig als sichere Altersvorsorge verkauft. Die Liste belegt auch, dass tausende Anleger ihre Anteile an den geschlossenen Fonds mit einem Kredit finanzierten. Die AWD-Vermittler hatten ihnen weis gemacht, dass sie mit den Ausschüttungen aus den Fonds die Raten für den Kredit zahlen könnten. Über mögliche Verlustrisiken hatten sie die Anleger nicht informiert. Als die Ausschüttungen sanken und teilweise ganz ausblieben, konnten diese Anleger ihren Kreditraten nicht mehr zahlen. Viele dieser Kunden, die die riskanten Beteiligungen von AWD-Beratern als sichere Altersvorsorge gekauft hatten, haben Geld verloren. Entschädigen will der AWD die Anleger trotzdem nicht.

Grundsätzlich immer auch Totalverlust möglich

test.de: Welche Angebote sind gerade aktuell?

Ariane Lauenburg: Anlagen, die in alternative Energien investieren, stehen hoch im Kurs. Im Moment wirbt zum Beispiel die Windkraftfirma Prokon massiv für den Kauf von Genussrechten. Die sehr attraktive Verzinsung von zurzeit 6 Prozent im Jahr zuzüglich Überschussbeteiligung ist aber keinesfalls garantiert. Das sollten Anleger wissen, wenn sie sich dort beteiligen.

test.de: Vor welchen Angeboten warnt die Stiftung Warentest derzeit Anleger?

Ariane Lauenburg: Wir warnen vor zahlreichen Angeboten des Grauen Marktes. Im Bereich der grünen Geldanlage warnen wir zum Beispiel vor dem Ibersol Fonds der Solar Millennium AG, weil der Fonds unter anderem extrem hohe Einmalkosten von rund 30 Prozent hat. Die vom Finanzvertrieb Carpediem beworbenen Unternehmensbeteiligungen an der Cis Deutschland AG, die 8 und mehr Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaften sollen, sind hochriskant. Der Erfolg der Beteiligungen ist völlig ungewiss und kann Anlegern auch einen Totalverlust bescheren.

Hilfe durch Verbraucherzentralen und Anwälte

test.de: Was kann man tun, wenn man auf ein dubioses Angebot hereingefallen ist?

Ariane Lauenburg: Sobald man merkt, dass eine Anlage schlecht läuft, sollte man sich umgehend rechtlich beraten lassen. Das geht für wenig Geld bei den Verbraucherzentralen für zirka 50 Euro oder bei einem auf Kapitalanlagerecht spezialisierten Anwalt für maximal 190 Euro plus Mehrwertsteuer und Auslagenpauschalen.

Graumarktprodukte sind immer gefragt

test.de: Gibt es Zeiten, in denen Graumarktprodukte besonders gefragt sind, zum Beispiel wenn die Zinsen bei Banken und Sparkassen eher niedriger ausfallen und die Börse eine Baisse erlebt?

Ariane Lauenburg: Produkte des Grauen Kapitalmarkts verkaufen sich eigentlich immer gut, weil hier höhere Zinsen, Renditen oder Ausschüttungen als für herkömmliche Produkte wie Lebensversicherungen oder Bausparverträge versprochen werden. Würden die Anbieter den Anlegern sagen, dass sie dafür auch erheblich höhere Risiken eingehen, wäre an den Angeboten nichts auszusetzen. Ein Problem ist allerdings, dass bei vielen Anbietern die Chancen auf eine gute Rendite durch extrem hohe Kosten geschmälert werden. Kosten in Höhe von 20 Prozent der Anlagesumme sind bei Anbietern des Grauen Marktes leider üblich.

Künftig strengere Regeln für Grauen Kapitalmarkt

test.de: Der Bundestag hat jetzt einen Gesetzentwurf zur Stärkung des Anlegerschutzes im sogenannten Grauen Kapitalmarkt verabschiedet. Das Gesetz soll am 1. April in Kraft treten. Denken Sie, dass diese Regelungen Verbesserungen bringen?

Ariane Lauenburg: Natürlich ist es erstmal lobenswert, wenn überhaupt der Versuch gemacht wird, den Grauen Markt zu regulieren. Gut sind Regelungen, die Berater dazu verpflichten, Beratungsgespräche zu protokollieren und Provisionen, die sie kassieren, offen zu legen. Gut ist es auch, dass Berater künftig eine Prüfung ablegen müssen. Der zwingende Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung stellt sicher, dass Kunden, die etwa wegen einer Falschberatung Schadenersatzforderungen haben, ihren Schaden auch ersetzt bekommen. Bisher bleiben Kunden oft auf ihrem Schaden sitzen, weil der Berater ihn meist nicht aus der eigenen Tasche bezahlen kann. Auch die verlängerte Verjährungsfrist auf zehn Jahre ist hilfreich, weil Kunden bei langjährigen Beteiligungen oft sehr spät bemerken, dass etwas faul ist. Schließlich ist auch der geplante Beipackzettel, der kurz und bündig über Kosten, Risiken und Chancen eines Produkts informieren soll, eine große Hilfe für Anleger. Bisher mussten sich Anleger durch dicke, nur schwer verständliche Prospekte quälen. Bauchschmerzen habe ich aber, wenn ich höre, dass den 80 000 freien Finanzvermittlern von der Gewerbeaufsicht auf die Finger geschaut werden soll. Dazu sind die Gewerbeaufsichtsämter derzeit weder fachlich noch personell in der Lage.

Verbraucherzentralen und Steuerberater befragen

test.de: Wo kann man sich über die Seriosität der Angebote beziehungsweise Anbieter informieren?

Ariane Lauenburg: Verbraucher können sich an unabhängige Honorarberater oder an eine Verbraucherzentrale wenden. Anlagen wie Unternehmensbeteiligungen oder Wohnungskäufe, die mit Steuerersparnissen beworben werden, sollte man von einem Steuerberater prüfen lassen. Der muss für seine Angaben haften.
Tipp: In der Warnliste „Geldanlagen“ finden Sie viele Unternehmen, von denen die Stiftung Warentest rät, die Finger zu lassen. Es sind die schwarzen Schafe des Grauen Markts.

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