Interview Meldung

Sozialrechtlerin Professor Ursula Rust von der Universität Bremen über die Rente mit 67

Bei der gesetzlichen Rente gelten ab dem Jahr 2012 neue Regeln. Wer 45 Versicherungsjahre nachweist, darf auch nach Einführung der Rente mit 67 schon mit 65 Jahren abschlagsfrei Rente beziehen.

Was bedeutet dies für Frauen?

Rust: Faktisch sind Frauen von der neuen Rentenart ausgeschlossen. Denn der Leistungsbezug für besonders langjährig Versicherte ist an Voraussetzungen geknüpft, die Frauen mit und ohne Kinder regelmäßig nicht erfüllen. Derzeit erreichen überhaupt nur 4 Prozent der Frauen die 45 Versicherungsjahre. Bei Männern sind es rund 28 Prozent. Die Deutsche Rentenversicherung Bund geht davon aus, dass künftig der Anteil der Frauen, die unter Anrechnung von Kinder­berücksichtigungs­­zeiten von der neuen Rentenart profitieren würden, bei 4,39 Prozent liegt.

Warum erreichen Frauen die 45 Jahre nur in seltenen Fällen?

Rust: Frauen haben im Vergleich mit Männern eine niedrigere Erwerbsquote. Durch häufigere und längere Unterbrechungen kommt es in den Erwerbsbiografien von vielen Frauen zu Lücken. Folglich haben Frauen auch andere Versicherungsbiografien als Männer.

Waren diese Fakten bekannt, als die Rente mit 67 beschlossen wurde?

Rust: In der Gesetzesbegründung heißt es, der Gesetzgeber sei sich bewusst, „dass die für einen abschlagsfreien Renteneintritt vorausgesetzte Anzahl von Pflichtbeitragsjahren tendenziell häufiger von Männern als von Frauen erreicht wird“. Die Rentenversicherung Bund bezeichnete dies im Hinblick auf das Diskriminierungsverbot als bedenklich.

Werden die Kindererziehungzeiten angerechnet?

Rust: Ja. Sie zählen zu den 45 Jahren dazu. Die Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung werden angerechnet, nicht aber die durch Versorgungsausgleich oder Rentensplitting ermittelten Kalendermonate.

Haben Frauen noch andere Möglichkeiten, vorzeitig in Rente zu gehen?

Rust: Immer weniger. Die Altersrente für Frauen und die Altersrente wegen Arbeitslosigkeit laufen aus. Der vorzeitige Rentenzugang mit Abschlägen ist nur für vor 1952 Geborene und so längstens noch bis 2012 möglich.

Ab 2012 gibt es die vorgezogene Altersrente ab dem 63. Lebensjahr für langjährig Versicherte, wenn sie 35 Versicherungsjahre nachweisen können. Diese vorgezogene Rente gibt es allerdings nur mit Abschlägen.

Wie können Frauen ihre Lücken ausgleichen?

Rust: Frauen sollten die staatlich geförderte Altersvorsorge nutzen. Nur 15 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen sorgen zum Beispiel betrieblich vor. Hingegen nutzen 29 Prozent der Männer diese Möglichkeit.

Wie sieht die Alterssicherung von Frauen in Zukunft aus?

Rust: Auf europäischer Ebene steht die Alterssicherung der Frau im Mittelpunkt der Rentenpolitik. Die unterbrochenen Erwerbsbiografien und Niedrigverdienste von Frauen sind in vielen Mitgliedstaaten ein Problem. Die Länder sind angehalten, dies im Rentenrecht zu berücksichtigen.

Enthält das Rentenrecht eines Landes Regelungen, die geschlechtsspezifisch wirken, kann sich herausstellen, dass die Vorschrift mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung unvereinbar ist. Der Gesetzgeber wäre gut beraten, auf die erkennbaren rechtlichen Risiken der neuen Rentenart für besonders langjährig Versicherte zu reagieren und Änderungen nicht der Gerichtsbarkeit zu überlassen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 189 Nutzer finden das hilfreich.