Interview Dauerstreit ums Schleudertrauma

18.11.2008

Nicolas Eilers aus Groß-Gerau, Fachanwalt für Verkehrs- und Versicherungsrecht, über Halsverletzungen.

Warum gibt es um Verletzungen der Halswirbelsäule nach Verkehrsunfällen immer noch so viel Streit?

Eilers: Eine solche Verletzung ist nicht ohne weiteres nachweisbar. Leichtere Verletzungen der Halswirbelsäule lassen sich nicht mit Röntgenbildern oder ähnlicher Diagnostik darstellen. Oft werden nur Indizien wie Muskelverspannungen festgestellt. Diese können für sich genommen aber auch andere Ursachen haben. Insbesondere bei geringen Anstoßgeschwindigkeiten bestreitet der Versicherer des Schädigers daher oft eine Verletzung.

Haben Gerichte Temporichtwerte für die Frage, ob ein Schleudertrauma überhaupt vorliegen kann?

Eilers: Nein, allein auf die Aufprallgeschwindigkeit kommt es nicht an. Auch Sitzposition, körperliche Verfassung und Vorschäden spielen eine ­Rolle. Nur mit der Behauptung, ein Aufprall sei mit zu geringem Tempo ­erfolgt, kann eine Verletzung nicht in Abrede gestellt werden. Viele Gerichte klären das durch zwei Sachverständigengutachten. Eines klärt den Unfallhergang, das andere die Auswirkungen beim Geschädigten. Das kostet mehrere Tausend Euro, was für einen Geschädigten ohne Rechtsschutzversicherung problematisch ist. Er muss die Verletzung beweisen und die Gutachten zunächst selbst bezahlen.

Wie viel Schmerzensgeld gibt es im Falle eines Schleudertraumas?

Eilers: Viele Obergerichte sprechen Geschädigten pro Woche nachgewiesener Arbeitsunfähigkeit Beträge um die 250 Euro zu. Sind die Beschwerden nur Bagatellen, gibt es auch mal nichts, und bei gravierenden Beeinträchtigungen sind deutlich höhere Beträge möglich. Der Geschädigte hat zudem Anspruch auf Ersatz anderer unfallbedingter Kosten wie Praxisgebühr, Fahrtkosten zum Arzt oder ­Zuzahlungen zu Arzneimitteln. Kann der Geschädigte seinen Haushalt nicht führen, kommt dafür Ersatz infrage.

Reicht es, sich nach dem Unfall vom Arzt ein Attest ausstellen zu lassen?

Eilers: Ein Attest ist die wichtigste Grundlage, um eine Verletzung nachzuweisen. Es kommt aber auf den Inhalt an. Gibt der Arzt nur die vom Geschädigten behaupteten Beschwerden wieder, hat das Attest keinen Beweiswert. Geschädigte sollten schnell zu einem Facharzt gehen und die Beschwerden mittels einer gründlichen Untersuchung dokumentieren lassen.

18.11.2008
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