Interview Meldung

Professor Dr. Peter Derleder, Universität Bremen

Viele Kunden, denen beim Einkauf im Supermarkt etwas kaputtgeht, denken: Was ich noch nicht aufs Laufband an der Kasse gelegt habe, brauche ich auch nicht zu bezahlen.

test: Sind Kunden von der Haftung befreit?

Derleder: So einen Rechtsgrundsatz gibt es nicht. Wer Schäden anrichtet, muss sie ersetzen.

test: Wer im Porzellanladen versehentlich eine Ming-Vase umstößt, muss also bezahlen?

Derleder: Das kann sein. Aber zunächst muss der Ladeninhaber dafür sorgen, dass seine Waren sicher stehen. Er muss die Regale so aufbauen, dass Kunden sich problemlos bedienen können. Stehen sie zu dicht gedrängt oder das Sortiment schon hart an der Regalkante, muss er Schäden selbst tragen.

test: Der Händler wird aber sagen, der Kunde hätte aufpassen müssen.

Derleder: Natürlich darf der Kunde nicht den Hans-Guck-in-die-Luft spielen. Wem die Champagnerflasche ungeschickt aus der Hand rutscht, der muss für den Schaden aufkommen. In der Praxis kommt es darauf an, wen wie viel Schuld trifft. Oft läuft es auf eine Teilung des Schadens hinaus.

test: Und wenn Kinder Verursacher sind?

Derleder: Dann haften die Eltern, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Aber Aufsicht bedeutet nicht, das Kind ständig an die Hand zu nehmen. In einem Fall hatte eine Mutter ihren Sohn in der Apotheke kurz aus den Augen gelassen, um die Tür zu schließen. Der Junge lief hinter die Verkaufstheke und drückte neugierig auf einen Knopf – den Hauptschalter der Elektrik. Der Ausfall der Computeranlage verursachte dann 2 000 Euro Schaden. Den musste der Apotheker selbst tragen, denn Apotheken sind keine so gefährlichen Orte, dass man Kinder festhalten muss.

test: Das müsste für Supermärkte auch gelten.

Derleder: Richtig. Wenn das Kind in der „Quengelzone“ an der Kasse in einem unbeobachteten Mo­ment einen Schokoriegel aufreißt, müssen die Eltern den nicht gleich kaufen. Die Aufsichtspflicht richtet sich nach Alter und Charakter des Kindes. Eltern müssen ihre Kinder aber auch belehren. In jedem Fall ist eine Haftpflichtversicherung sinnvoll.

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