Interview Meldung

Reinhard Hönig­haus, Sprecher der Europäischen Kommis­sion

Schät­zungs­weise eine Billion Euro gehen der Europäischen Union jähr­lich verloren – durch Steuer­betrug und die gezielte Ausnutzung von Steuer­schlupf­löchern. Um dies zu ändern, müssen ab 2017 auch bislang steuerfreie Zins­erträge gemeldet werden. Damit ist das Bank­geheimnis in der Europäischen Union Geschichte. Wie der Austausch über Zins­erträge funk­tionieren soll, erklärt EU-Kommis­sions­sprecher Reinhard Hönig­haus im Interview mit test.de.

Zins­erträge werden auto­matisch gemeldet

Die Europäische Union verschärft den Informations­austausch über Zins­erträge. Was ändert sich?

Hönig­haus: Die seit 2005 gültige Zins­richt­linie war ein mühsam erkämpfter erster Schritt gegen Steuer­hinterziehung in der EU. Seither werden Zins­zahlungen von über 11 Milliarden Euro den nationalen Steuerbehörden gemeldet. Aber es sind Schlupf­löcher geblieben. Im März haben sich die Mitglieds­staaten endlich auf eine Verschärfung geeinigt. Ab 2017 werden auch Zins­erträge, die bisher noch steuerfrei am Fiskus vorbeigemogelt werden konnten, auto­matisch gemeldet – auch zins­ähnliche Erträge aus Investmentfonds und Lebens­versicherungen.

Fällt auch in Österreich und Luxemburg das Bank­geheimnis?

Hönig­haus: Ja, bisher wird dort nur pauschal 35 Prozent Quellen­steuer fällig. Luxemburg hat zugesagt, spätestens ab 2015 Zinsen von Anlegern aus anderen EU-Staaten an deren heimische Finanzbehörden zu melden.

Wenn ich dort ein Konto habe, muss ich dann etwas unternehmen?

Hönig­haus: Im Prinzip nicht. Aber für Steuer­pflichtige mit einem persönlichen Steu­ersatz von unter 35 Prozent – und das sind die meisten – ist es jetzt schon güns­tiger, die Zinsen zu melden.

Druck auf europäische Steuer­oasen wächst

Und was wird mit den Steuer­oasen wie der Schweiz, Liechten­stein, Monaco, Andorra und San Marino?

Hönig­haus: Die EU-Staats- und Regierungs­chefs haben die Schweiz, Liechten­stein, Monaco, Andorra und San Marino aufgefordert, den auto­matischen Informations­austausch ebenfalls umzu­setzen. Die Länder wissen, dass dies für die EU das zentrale Ziel für die jeweiligen bilateralen Beziehungen ist. Die Kommis­sion wird die Verhand­lungen mit diesen Staaten zügig fortsetzen, damit sie bis Jahres­ende abge­schlossen werden können.

Wie viel Euro Steuern gehen der EU jähr­lich verloren?

Hönig­haus: Riesige Summen. Schät­zungen belaufen sich auf bis zu 1 Billion Euro jähr­lich – allerdings nicht nur durch nicht versteuerte Kapital­erträge, sondern durch alle Formen von Steuer­betrug und aggressiver Steuerplanung großer Unternehmen oder Einzel­personen, die Grauzonen ausnutzen.

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