Lange Zeit liefen virtuelle Versteigerungen auf Vertrauensbasis. Seit sich die Pannen häufen, versuchen immer mehr Anbieter, ihre Kunden abzusichern.

Es sah so aus, als sei der 27. Juli 1999 ein richtiger Glückstag für Michael Kniess. Am späten Nachmittag schaute er beim Internet-Auktionshaus Ricardo vorbei, auf der Suche nach einem Auto, "in das was rein geht". Er wurde fündig. Ein neuer VW Passat Variant mit 110 PS: Die Versteigerung, die mit dem lächerlichen Mindestpreis von 10 Mark begonnen hatte, lief schon seit 5 Tagen. Die Gebote stagnierten bei 16.000 Mark, obwohl der Listenpreis mehr als das Dreifache war. Abends um 21 Uhr sollte die Auktionsfrist enden. Wer dann das Höchstgebot abgegeben haben würde, konnte sich den Wagen gegen Barzahlung in Münster abholen. Kniess bewahrte Ruhe. Kurz vor Auktionsende schaute er noch mal ins Netz. Er bot per Mausklick 26.330 Mark. Damit hatte er das höchste Gebot abgegeben und erhielt vom Auktionshaus Ricardo die Adresse von Autohändler Falco Fugel.

Einfache Regeln

Auktionen gehören seit etwa einem Jahr zu den meistbesuchten Angeboten im Internet. Die eBay GmbH, Marktführer mit Privatauktionen, veranstaltet weltweit über 900.000 Auktionen gleichzeitig. Im deutschsprachigen Netz gibt es noch etwa 50 weitere Online-Auktionshäuser, die alle ein wachsendes Geschäft verzeichnen.

Auf den virtuellen Marktplätzen wird alles gehandelt, was man sich denken kann: Altes Spielzeug, ausrangierte Computer, die Sammeltassen der Großmutter. Für Liebhaber alter Modelleisenbahnen und jede noch so exotische Sammelleidenschaft gibt es Spezialbörsen.

Die Regeln für das Versteigern im Netz sind einfach: Wer etwas zu verkaufen hat, kann sich auf der Homepage des Auktionshauses per E-Mail mit Name, Adresse und Telefonnummer anmelden. Dann legt er sich noch einen Phantasienamen zu, mit dem er im Netz auftritt. Eine kurze Beschreibung des Gegenstands, wenn möglich ein Foto davon, der Mindestpreis und der Termin, an dem das letzte Gebot abgegeben werden kann, vervollständigen das Angebot.

Jetzt sind die Bieter dran. Sie können sich wie in einem Katalog die Angebote anschauen. Wer etwas ersteigern will, muss sich ebenfalls per E-Mail anmelden. Dann genügt ein Klick, um die bisherigen Interessenten zu überbieten. Den "Zuschlag" erhält derjenige, der bei Ablauf der Auktionszeit das höchste Gebot abgegeben hat. Er bekommt vom Auktionshaus die Adresse des Anbieters, muss sich mit ihm über die Versand- und Zahlungsmodalitäten einigen.

Das klappte bisher recht gut. "99,5 Prozent aller Transaktionen verlaufen reibungslos", behauptet eBay-Sprecher Frerk-Malte Feller.

Wie vertrauensvoll der Umgang der Auktions-Gemeinde untereinander ist, merkte Sabine Hoffmann aus Frankfurt an der Oder, als sie ihren zehn Jahre alten Laptop zur Versteigerung anbot. Für 310 Mark erhielt ein Österreicher den Zuschlag. Ratlos, wie sie die Bezahlung über die Grenzen organisieren könne, schrieb sie ihm eine E-Mail. Der Herr aus Wien antwortete prompt: "Ich habe bereits einen Eurocheque auf den Weg geschickt und gehe davon aus, dass ich das Powerbook auch bekomme."

Doch dieses Vertrauen wird zunehmend ausgenutzt. Im September 1999 tauchte bei eBay ein Anbieter unter dem Pseudonym "Killer Skywalker" auf. Er bot mehrere aktuelle Spielfilme in der modernen DVD-Technik an, die für 30 Mark ersteigert wurden. Wie bei kleinen Geschäften üblich, bestand der Anbieter auf Lieferung gegen Vorkasse. Doch trotz Vorkasse bekamen die Käufer keine Ware.

Dass mit dem Handel etwas faul war, konnten erfahrene Auktionsteilnehmer bald daran erkennen, dass neben dem Namen "Skywalker" negative Bewertungen auftauchten. Diese Zeichen sind das Abwehrsystem der Auktionen. Ein Teilnehmer kann in diesen so genannten Feedbackforen den Handelspartner loben oder über verspätete Lieferung oder Zahlung Dampf ablassen und damit andere vor dem schwarzen Schaf warnen.

Doch als beim Veranstalter eBay die Alarmglocken klingelten, war "Skywalker" schon mit dem Geld seiner Kunden in den Tiefen des Internets verschwunden. E-Mail und Anschrift ließen sich nicht zurückverfolgen.

Immer mehr Händler dabei

Bei Michael Kniess stimmten zwar Adresse und Telefonnummer des Anbieters. Aber der Autohändler Falco Fugel fiel aus allen Wolken, als Kniess ihn anrief. Er hatte sich nicht träumen lassen, dass sein Neuwagen bei der Internetauktion nur so wenig Geld bringen würde. Fugel wollte das Auto keinesfalls unter 39.000 Mark verkaufen. Das hatte er im Netz aber nicht angegeben. Für ihn sei das Ergebnis der Auktion nicht verbindlich, meinte er.

Kniess bestand auf Lieferung des Wagens zum ersteigerten Preis. Doch Fugel stellte sich stur. Da loggte sich der geprellte Käufer wieder ins Internet ein, um einen Anwalt zu suchen, der sich mit Streitfällen im Internethandel auskennt.

Der Fall, der inzwischen das Landgericht Münster beschäftigt (Az: 4 O 424/99), schlug in der vertrauensseligen Internet-Gemeinde ein wie eine Bombe. Er zeigt, dass auch bei den privaten Auktionen der Trödler und Sammler der Kommerz Einzug gehalten hat. Immer mehr Händler oder geschäftstüchtige Privatleute benutzen die Plattform, um schnell einen Restposten loszuschlagen oder auch fabrikneue Einzelstücke mit Gewinn an den Mann zu bringen. Die Auktionshäuser sehen das nicht ungern. Schließlich verlangen einige für ihre Vermittlungsdienste vom Anbieter der Ware eine Provision vom erzielten Preis, etwa zwischen 1,5 und 6 Prozent. Je wertvoller die gehandelten Waren sind, desto mehr fällt für sie ab.

Gesetzlicher Rahmen fehlt

Doch wenn statt Überraschungseiern und gebrauchten Toastern Waren im fünfstelligen Bereich versteigert werden sollen, müssen Rechte und Pflichten der Käufer klar geregelt sein. Matthias Quaritsch, Sprecher von Ricardo, sieht hier kein Problem: "Bei allen Privatauktionen müssen die Teilnehmer mit der Anmeldung die Geschäftsbedingungen des Auktionshauses akzeptieren. Sie verpflichten beide Seiten, das Ergebnis der Auktion anzuerkennen."

Doch der Münsteraner Rechtsanwalt Michael Wiefhoff, der den Autohändler Fugel im Prozess vertritt, stützt sich auf das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) und sagt: "Durch das Höchstgebot bei einer Internetauktion kommt kein wirksamer Kaufvertrag zustande." Ein Anspruch auf Lieferung der Ware habe der Käufer nur, wenn der Verkäufer sich bereit erklärt, zum ersteigerten Preis zu verkaufen.

Patrick Richter, der Hamburger Anwalt vom Michael Kniess, bemüht ebenfalls das BGB und behauptet das Gegenteil: "Wer in einer Auktionsplattform einen Gegenstand zur Versteigerung stellt, gibt damit eine rechtlich verbindliche Erklärung ab." Der Kaufvertrag zwischen Anbieter und Steigerer komme also mit dem Mausklick des Meistbietenden zustande.

Mit diesem Argument hatte er bereits einmal Erfolg. Das Amtsgericht Sinsheim (Az: 4 C 257/99) verurteilte einen Anbieter von Computerbildschirmen zur Lieferung. Die Richter in Münster entschieden sich Ende Januar 2000 für den Mittelweg. Zwar sei der Anbieter grundsätzlich verpflichtet, an den Meistbietenden zu liefern. Aber Herr Kniess hätte erkennen müssen, dass Fugel nicht bereit war, einen neuen Wagen weit unter Marktpreis abzugeben. Fugel muss nicht liefern. Damit ist die Verwirrung perfekt.

Mehr Schutz für Kunden

Auch ein Urteil zugunsten von Kniess hätte aber nur ein Teil der Probleme gelöst, die durch die raueren Sitten im Internet entstanden sind.

Was ist, wenn der Bieter schon geliefert hat, der Käufer aber nicht zahlt? Was, wenn die Ware zwar geliefert wird, aber nicht funktioniert? Die Anonymität des Internets, die Flüchtigkeit der elektronischen Informationen und die große räumliche Distanz zwischen Bieter und Anbieter machen es schwer, berechtigte Ansprüche gegen säumige Zahler und schlampige Lieferanten durchzusetzen.

Die Auktionshäuser haben erkannt, dass sie ihren Kunden eine zusätzliche Sicherheit gegen Risiken bei der Abwicklung des privaten Handels bieten müssen, wenn das Steigern übers Internet attraktiv bleiben soll.

Das Auktionshaus eBay bietet eine Garantie für schiefgegangene Transaktionen. Wer nachweisen kann, dass er den Kaufpreis vertrauensvoll an einen Verkäufer geschickt hat, ohne die Ware zu erhalten, bekommt von eBay bis zu 1.000 Mark erstattet. Die Garantie gilt aber nur, wenn sich der Käufer vor Überweisung des Geldes zumindest telefonisch von der Existenz seines Handelspartners überzeugt hat.

Ricardo-Kunden können gegen eine geringe Gebühr ein Treuhandkonto nutzen, auf das der Käufer sein Geld überweisen kann. Wenn die Ware ordnungsgemäß angekommen ist, genügt eine E-Mail, um den Betrag zur Zahlung freizugeben.

Andere Auktionshäuser wie die Regensburger Firma Offerto bieten als vertrauensbildende Maßnahme ein "Gütesiegel" oder wie eBay "geprüfte Mitgliedschaften" für alle, die bereit sind, eine beglaubigte Kopie ihres Personalausweises zu hinterlegen. Offerto führte als erste Firma auch regionale Auktionen ein, in denen nur Angebote aus dem Umkreis des Bieters aufgelistet werden. Dann kennen die Kunden den Anbieter eher und können leicht direkt Kontakt aufnehmen.

Obwohl Michael Kniess sein Auto immer noch nicht hat, steigert er munter weiter in den Auktionsbörsen des Internets. Denn so leicht geschlagen gibt er sich nicht. Er will noch die schriftliche Urteilsbegründung abwarten und dann entscheiden, ob er in Berufung geht.

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