Interna­tionale Grüne Woche Meldung

Vom 15. bis 24. Januar 2016 öffnet die Interna­tionale Grüne Woche ihre Tore – und begeht dieses Jahr ihren 90. Geburts­tag. Diesmal präsentieren sich auf der welt­weit größten Messe für Land­wirt­schaft, Ernährung und Gartenbau 1 660 Aussteller aus 65 Ländern. test.de gibt einen Über­blick, was die Ernährungs­branche umtreibt und welche Themen dieses Jahr wichtig werden.

Viele Bauern bangen um ihre Existenz

Wirt­schaftlich betrachtet war 2015 kein gutes Jahr, auch für 2016 sind die Aussichten eher trübe – dieses negative Fazit zogen zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche der Deutsche Bauern­verband (DBV) und der Bundes­verband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Etwa 4 Prozent der Milch­betriebe und der Schweinemäster hätten vergangenes Jahr ihre Existenz aufgegeben, viele Betriebe Liquiditäts­hilfen annehmen müssen. Schuld daran sind laut Bauern­präsident Joachim Rukwied „drastisch gesunkene Agrarpreise“. Eine der Haupt­ursachen dafür sei das Russ­land-Embargo. Hans Foldenauer vom BDM forderte ein Krisen­konzept für Milchbauern. Denn 2015 hätten deutsche Milchwirte EU-weit die höchsten Einkommens­verluste erlitten. Der Milch­preis sei auf unter 30 Cent pro Kilogramm Rohmilch gesunken – das gefährde die Existenz der Betriebe.

Laktosefreie und vegetarische Produkte im Aufwind

Auch die Lebens­mittel­hersteller zeigten sich unzufrieden. 2015 machte die Ernährungs­industrie etwa 3 Prozent weniger Umsatz als 2014 – das schlechteste Jahres­ergebnis seit vier Jahren. Gründe seien unter anderem stark sinkende Preise für Hersteller und abnehmende Produktions­mengen. „Wir brauchen mehr Wert­schät­zung für Lebens­mittel“, forderte Christoph Minhoff, Haupt­geschäfts­führer der Bundes­ver­einigung der Deutschen Ernährungs­industrie (BVE). Die Deutschen würden seltener im Handel einkaufen, weniger zuhause essen und weniger selbst kochen. Dennoch gebe es Segmente mit großer Umsatz­steigerung: Seit 2012 hätten laktosefreie Produkte um 93 Prozent, Fleisch­ersatz­produkte um 88 Prozent zugelegt.

Tipp: Einen Über­blick über die Lebens­mittel­tests der Stiftung Warentest finden Sie auf der Ressortseite Essen und Trinken auf test.de. Den besten Einstieg für Vegetarier und Veganer bietet die Themenseite Vegetarisch und vegan essen.

Bioland­bau mit Zuwächsen

Die Biobranche hingegen blickt auf ein erfolg­reiches Jahr 2015 zurück. Genaue Wachs­tums­zahlen legt sie erst im Februar 2016 vor, doch schon jetzt ist klar: Die Zahl der Bauern, die von konventionellem auf den ökologischen Land­bau umge­stellt haben, ist deutlich gestiegen. „Das ist eine Trendwende“, berichtete Jan Plagge, Vorstands­mitglied des Branchen­verbands Bund Ökologische Lebens­mittel­wirt­schaft. Jetzt müsse aber auch die Finanzierung der Umsteller gesichert werden, einige Bundes­länder hätten ihre Fördergelder bereits ausgeschöpft. Hintergrund: Die Umstellung dauert mehrere Jahre. Da Bauern in dieser Zeit Einkommens­einbußen haben, erhalten sie staatliche Fördergelder. Daneben treibt die Biobranche die Über­arbeitung der EU-Öko-Verordnung an, die Grund­lage für das EU-Biosiegel ist und seit längerem auf EU-Ebene verhandelt wird. Biovertreter wollen um jeden Preis verhindern, dass ein eigener Pestizid­grenz­wert für Bioware einge­führt wird Reform der EU-Ökoverordnung versetzt Biobranche in Aufruhr.

Ringen um mehr Tier­wohl

Auch 2016 weiter auf der Agenda: Tier­schutz in der konventionellen Land­wirt­schaft. Das Bundes­ministerium für Ernährung und Land­wirt­schaft (BMEL) hatte die Initiative Tierwohl ins Lebens gerufen, an der sich inzwischen viele deutsche Lebens­mittel­händler beteiligen Mehr Geld fürs Fleisch statt mehr Fleisch fürs Geld. Pro verkauftem Kilogramm Fleisch zahlen sie 4 Cent in einen Fonds ein, damit sollen bessere Haltungs­bedingungen in der Schweine- und Geflügel­zucht finanziert werden. Daneben gibt es seit drei Jahren das Tierschutzlabel des Deutschen Tier­schutz­bundes. Dem Verbraucherzentrale Bundes­verband geht das alles nicht weit genug: Auf einer Presse­konferenz zur Grünen Woche forderte er die Einführung eines verpflichtenden, nationalen Tier­schutz­labels. Als Vergleich wurde der Erfolg der Eierkenn­zeichnung heran­gezogen, die seit 2004 den Anteil an Eiern aus alternativen Haltungs­formen (Frei­land und Bio) deutlich vergrößert hat. Eine Umfrage des vzbv belegt: Verbraucher wären bereit, mehr für Tier­schutz zu zahlen – wenn sie sicher wären, dass die Tierhaltung tatsäch­lich besser ist. Knapp die Hälfte der Befragten wussten nicht, woran sie Fleisch aus artgerechter Haltung erkennen können, mehr als Drei­viertel kannten kein einziges Tier­schutz­label.

Mit Hülsenfrüchten den Welt­hunger bekämpfen

Neu auf der Grünen Woche: Zum ersten Mal stellt das Bundes­ministerium für Wirt­schaftliche Zusammen­arbeit und Entwick­lung (BMZ) eine ihrer Initiativen vor. „EINE­WELT ohne Hunger“ fördert neue Entwick­lungen in Dritte-Welt-Ländern, etwa effekti­vere Anbau­methoden oder die Umstellung auf ertragreichere Pflanzen. So soll eines der Nach­haltig­keits­ziele erreicht werden, auf die sich die Vereinten Nationen 2015 geeinigt haben: die Bekämpfung von Unter- und Mangel­ernährung. Ein Projekt der Initiative unterstützt Kleinbauern in Äthiopien, durch verbesserte Abläufe ihre Ackerbohnen-Ernte zu steigern. Hülsenfrüchte wie Bohnen, Soja oder Erbsen spielen auf Grund ihres hohen pflanzlichen Eiweiß­gehalts und der nach­haltigen Produktion eine immer größere Rolle, um Hunger entgegen­zuwirken. Auch deshalb hat die UNO 2016 zum „Interna­tionalen Jahr der Hülsenfrüchte“ erklärt. Die Pflanzen sichern nicht nur die Ernährung in Latein­amerika, Afrika oder Asien, sie erhöhen zudem die Frucht­barkeit der Böden. Dieser Aspekt wird auch für die Land­wirt­schaft in Nicht­entwick­lungs­ländern immer wichtiger, um Erträge und Produktivität zu sichern. Hinzu kommt: Hülsenfrüchte haben eine gesund­heits­fördernde Wirkung – sie sollen beispiels­weise Überge­wicht, Herz-Kreis­lauf-Leiden und chro­nischen Krankheiten vorbeugen.

Lebens­mittel sollen klarer bezeichnet werden

Klarere und nach­voll­zieh­barere Bezeichnungen von Lebens­mitteln – darüber wird parallel zur Messe im Bundes­tag diskutiert. Es geht um Etikettierungen wie beispiels­weise auf Leberwurst-Verpackungen: Um als Kalbs­leberwurst bezeichnet zu werden, muss sie nicht über­wiegend aus Kalbs­leber bestehen, in manchen Fällen ist der Anteil von Schweineleber an der Wurst viel höher. Verbraucherschützer sehen dann in den Bezeichnungen eine Täuschung der Käufer. Auch die Stiftung Warentest stößt in ihren Tests von Lebens­mitteln immer wieder auf verbraucherunfreundliche Auslobungen. Der zuständige Bundes­ernährungs­minister Christian Schmidt (CSU) bekräftigte seine Pläne, die Lebens­mittel­buch-Kommis­sion zügig reformieren zu wollen. „Primäres Ziel“ ihrer Arbeit solle künftig sein, Verbraucher vor Irreführungen zu schützen. Die Kommis­sion besteht aus Wissenschaft­lern, Vertretern der Lebens­mittel­über­wachung, der Verbraucher­organisationen und der Lebens­mittel­industrie. Gemein­sam erarbeiten sie die Leitsätze für viele Produkte. Sie beschreiben also, was zum Beispiel unter „Kirschtee“ oder „Frisch­käse mit Ziegenmilch“ zu verstehen ist. Recht­lich bindend sind die Leitsätze nicht, sie haben den Charakter eines Sach­verständigen-Gutachtens. Soll ein Leit­satz geändert werden, müssen mehr als Drei­viertel der Kommis­sions-Mitglieder zustimmen.

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