Die Insolvenz von Lehman Brothers ist vor allem ein Schock für jene, die Zertifikate der Investmentbank gekauft haben. Ob für deren Inhaber aus der Insolvenzmasse noch Geld übrig bleibt, ist sehr fraglich.

Mehrere Zehntausend Anleger mit Lehman-Papieren

Die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers ist seit Mitte September zahlungsunfähig. Anleihen von Lehman gab es in rund 170 Varianten. In Deutschland haben schätzungsweise mehrere zehntausend Menschen in Lehman-Zertifikate investiert. Sie haben zusammen eine Eurosumme in hoher dreistelliger Millionenhöhe angelegt. Werbeleute hatten für Lehman-Papiere zum Beispiel folgenden Köder ausgeworfen: „Deutschland Garant Anleihe“ – ein Name wie in Stein gemeißelt. Noch im Juli warb die DAB-Bank damit um Käufer.

Sparkassen bündeln Forderungen

Die Vertreter der meisten Geldinstitute heben bislang nur bedauernd die Schultern. Die Sparkassen strecken ein Stück weit die Hand zur Hilfestellung aus: Sparkassenkunden, die auf Lehman-Zertifikaten sitzen, können sich in ihrer Filiale anmelden, um als Gruppe ihre Forderungen im amerikanischen Insolvenzverfahren anzumelden. Das hat der Deutsche Sparkassen- und Giroverband bestätigt.

Zertifikate-Inhaber stehen als Gläubiger weit hinten

Bernd Jochem, der in der Münchner Anwaltskanzlei Rotter Mandanten betreut, die mit dem Kauf von Lehman-Zertifikaten viel Geld verloren haben, macht den Kunden jedoch wenig Hoffnung: „Es kann Jahre dauern, bis Anleger etwas von ihrem Geld wiedersehen. Inhaber von Zertifikaten werden bei einer Insolvenz nicht bevorzugt behandelt.“ Weil zahlreiche Gläubiger sich vor ihnen aus der Insolvenzmasse bedienen dürfen, hält Jochem die Aussichten für gering. Wie das Insolvenzverfahren ablaufen wird, ist zurzeit nicht abzusehen. Viele Zertifikate sind von Lehman-Töchtern aus verschiedenen Ländern ausgegeben worden, so dass unterschiedliche Regeln gelten können.

Beratungsfehler nachweisen sehr schwierig

Auch die Hoffnung das Kunden der Citibank, der Dresdnerbank, der DZ Bank, der Postbank oder gar der Sparkasse 1822 Beratungsfehler nachweisen könnten, ist trügerisch. Dass eine Großbank wie Lehman Brothers Pleite gehen kann, zählt für den Tübinger Anlegeranwalt Andreas Tilp zum Allgemeinwissen, auf das kein Berater ausdrücklich hinweisen müsse. Häufig war Lehman nicht selbst die Herausgeberin der Zertifikate, sondern eine eine Lehman-Tochter auf den Niederländischen-Antillen. Dann hätte der Berater auf das besondere Risiko hinweisen müssen, meint Tilp. Aber: Der Beratene muss der Bank ihren Fehler nachweisen. Das ist schwer. Meist steht Aussage gegen Aussage.

Lehman stand seit März auf der Warnliste

Die Fragen stellen sich für Verbraucherschützer daher etwas anders: Lag die Gefahr eines Totalverlustes nicht schon in der Luft, als die Banken noch fleißig Lehman-Zertifikate unter die Leute brachten? Durften die Banken im Jahr 2008 überhaupt noch Zertifikate von Lehman verkaufen, vor allem wenn sie im Namen – Deutschland Garant – Sicherheit vorspiegelten, wo längst keine mehr war? Die Ratingagentur Standard & Poors habe die Bank bereits im März auf eine Art Warnliste gesetzt, sagt Anwalt Jochem. Deutliche Hinweise auf eine Krise bei Lehman Brothers schon Anfang des Jahres hat auch der Anwalt Klaus Nieding aus Frankfurt am Main ausgemacht. Wegen hoher Verluste war der Aktienkurs um die Hälfte eingebrochen. Nach schlechten Noten auch von der Ratingagentur Moody's hätten Analysten die Aktie auf „verkaufen“ gestuft. Deshalb ist auch für die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) klar: Je kurzfristiger die Papiere vor der Insolvenz der US-Bank gekauft wurden, desto höher war der Anspruch an die Beratung. So heißt es in einem Schreiben, das die DSW allen Ratsuchenden zukommen lässt. Vor Gericht wäre das aber in jedem einzelnen Fall zu prüfen.

Banken kassierten versteckte Provisionen

Die Riege der Anlegeranwälte kritisiert einen anderen Fehler. Die Juristen werfen den Banken vor, ihre Kunden beim Kauf von Lehman-Zertifikaten nicht darüber aufgeklärt zu haben, wie viel sie selbst daran verdienten. Die Banken hatten die branchenüblichen versteckten Vertriebsprovisionen kassiert, vermutet Andreas Tilp. Über die müssen die Verkäufer die Anleger vorab aufklären. Das hat auch der Bundesgerichtshof schon verlangt. Schließlich können Anleger nur aufgrund solcher Informationen einschätzen, ob eine Bank ihnen ein Produkt verkauft, weil es zu ihnen und ihrem Anlageziel passt, oder aus reinem Eigeninteresse.

Streit um Schadenersatz

In der Schweiz verhandeln die Bank Credit Suisse und einige Kantonalbanken mit ihren Kunden bereits über Schadenersatzzahlungen. Von einer solchen Lösung will Christian Achilles vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband nichts wissen. Er unterstelle, dass in den Sparkassen richtig beraten worden sei. Wer richtig informiert Anlagerisiken eingehe, könne bei einem Verlust nicht Dritte haftbar machen, sagt der Kommunikationsdirektor des Verbandes. Den Instituten, denen der Vorwurf der Falschberatung gemacht werde, empfehle der Verband, die Fälle sorgfältig zu prüfen.

Tipps für Lehman-Anleger

  • Nachfragen: Anleger, die Lehman-Zertifikate haben, sollten sich auf jeden Fall beraten lassen und auch bei ihrer Bank nachfragen.
  • Verbraucherzentrale: Bei den Verbraucherzentralen bekommen Sie für 10 bis 50 Euro eine Beratung. Sie können sich auch bei der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz unter Telefon 02 11-66  97  02 melden.
  • Anspruch: Unterschreiben Sie keine Formulare, in denen Sie auf Ansprüche gegen Ihre Bank verzichten. Achten Sie auf Kleingedrucktes in Beitrittserklärungen zu Gruppen, die am Insolvenzverfahren teilnehmen wollen.
  • Abschrift: Hat Ihre Bank Sie telefonisch beraten, ist das Gespräch vielleicht aufgezeichnet worden. Ob eine Bank das tut, steht oft in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Muss die Bank die Auszeichnung noch gespeichert halten, haben Sie das Recht auf eine vollständige Abschrift.

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