Interview: „Hoff­nungs­lose Fälle sind selten“

Gisele Schön

Gisele Schön war eine der ersten Kontinenz­schwestern Öster­reichs und hat mehrere Beratungs­stellen in Wien aufgebaut. Seit mehr als drei Jahr­zehnten betreut sie Menschen mit Inkontinenz­problemen und ist bis heute in Verbänden als Kontinenzberaterin und Auto­rin aktiv. Im Gespräch mit test erzählt sie, was Betroffenen hilft und was schadet.

Scham und Versteck­strategien

Frau Schön, mit welchen Gefühlen kommen Betroffene in die Beratung?

Mit großer Scham und einer gewissen Hoff­nungs­losig­keit. Allein die Information, dass viele Millionen andere Menschen betroffen sind, gibt Sicherheit. Haben sie im Beratungs­gespräch das Gefühl, dass ihr Gegen­über kompetent ist, dann macht das Mut.

Viele schweigen über ihr Problem.

Ja. Statt zu reden, entwickeln Betroffene Versteck­strategien: Sie trinken wenig, bewegen sich von einer Toilette zur anderen, gehen kaum raus. Wenn doch, sitzen sie im Kino am Rand, damit sie im Ernst­fall schnell raus können. Sie kaufen sich Hilfs­mittel, finden sich mit der Situation ab. Statt in das Versteck­spiel sollten sie ihre Energie in die Suche nach Experten stecken.

Beckenbodengymnastik kann helfen

Wie können Experten helfen?

Fast jede Inkontinenz kann durch eine geeignete Therapie verbessert werden. Bei einer Belastungs­inkontinenz helfen etwa Beckenbodengymnastik, Elektrostimulation oder Biofeedback, auch Vaginalkonen und Liebes­kugeln sind gute Trainings­geräte. Eine Drangin­kontinenz hat andere, meist physiologische Ursachen. Auch hier gibt es Therapie­möglich­keiten. Hoff­nungs­lose Fälle sind selten. Gerade bei der Belastungs­inkontinenz bleiben nur dann Erfolge aus, wenn Betroffene nicht gut mitarbeiten.

Ist Training auf eigene Faust gut?

Aktiv zu werden, ist ein guter Schritt. Sich professionell anleiten zu lassen, ist besser. Eine Frau kam frustriert in meine Beratung, weil sie ihren Beckenboden vier Jahre lang auf eigene Faust trainiert hat – ohne Erfolg. Nachdem sie von uns mithilfe von Biofeedback geschult wurde, zeigte sich nach wenigen Wochen eine Verbesserung.

Professionelle Ansprech­partner

Wer bietet Betroffenen Hilfe an?

Für viele ist eine Selbst­hilfegruppe der erste Schritt. Daneben sollten sie professionelle Ansprech­partner ihren Freunden oder Verwandten vorziehen. Die Deutsche Kontinenz Gesell­schaft bietet eine Über­sicht über Beratungs­stellen oder Fach­ärzte wie Urogynäkologen und Neuro-Urologen.

Was macht ein Beratungs­gespräch erfolg­reich?

Bereiten Sie einen Zettel mit Ihren Fragen und Problemen vor. Damit Sie am Ende mit einer optimalen Therapie dastehen, müssen Sie Ihr Problem genau schildern: Wie oft und wie viel Harn verlieren Sie? In welchen Situationen passiert das häufig? Ein Arzt oder Berater muss genau über andere Erkrankungen, Medikamente und Ihren Tages­ablauf Bescheid wissen.

Keine Binden nutzen

Wie sieht es bei Hilfs­mitteln aus?

Statt Produkte zu kaufen und auszupro­bieren, sollten Betroffene Beratung suchen: Profis wissen oft, welche Produkte passend sind. Außerdem wissen die beispiels­weise auch über Anwendung, Hygiene und andere Punkte Bescheid. Wichtig ist zum Beispiel, dass Frauen für ihre Harnin­kontinenz keine Binden nutzen – die sind nicht für Urin­aufnahme gemacht und können leicht eine Blasen­entzündung verursachen.

Wie finden Betroffene das richtige Hilfs­produkt für sich?

Sie sollten vorher den Test machen: Wiegen Sie erst eine trockene Einlage und dann die nasse – und das für alle Produkte, die Sie brauchen. Das sollten Sie an zwei Tagen hinter­einander machen. Die Gewichts­differenz verrät, wie viel Harn Sie verlieren und welche Saug­stärke Sie brauchen. Auch wichtig: Körpermaße. Halten Sie Körper- und Kleidergröße, Bauch- und Hüft­umfang für die Beratung parat. Welches Produkt den optimalen Trage­komfort bietet, finden Sie über das Ausprobieren verschiedener Marken und Modelle heraus. Fragen Sie immer nach Probe­exemplaren.

Aktiv werden

Wie machen Sie Betroffenen Mut?

Inkontinenz ist kein Schick­sal, mit dem Sie sich abfinden müssen. Werden Sie aktiv – es gibt so viele Möglich­keiten, etwas dagegen zu tun. Verbesserungen sind fast immer möglich.

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