Wer den Urin nicht halten kann, braucht zuver­lässige Vorlagen, Windeln oder Pants. Von den güns­tigen Produkten, die viele Kassenpatienten bekommen, halten die meisten nicht dicht und trocken.

Bloß nicht auffallen – mit diesem alles dominierenden Gefühl bewegen sich Menschen mit Inkontinenz durch den Alltag. Wer seine Blase nicht kontrollieren kann, fürchtet ständig peinliche Momente. „Am schlimmsten wäre, wenn ein Fremder etwas mitbekommt“, so oder ähnlich sagen es viele der knapp 200 Betroffenen, die für uns aufsaugende Hilfs­mittel auf Tauglich­keit prüften. Flecken auf der Hose, Knistern beim Laufen, ein strenger Geruch – davor graut es ihnen.

Zeit für Mutmacher

Inkontinenz, so der Fach­begriff für ungewollt abge­henden Urin und Stuhl, ist ein Tabu. Rund jeder Zehnte ist betroffen, Frauen häufiger als Männer. Die Scham ist groß, viele leiden im Stillen. „Die größte Heraus­forderung besteht darin, die eigene Situation zu akzeptieren und zu verstehen, dass man mit dem Problem nicht allein ist“, sagt Christoph Saloschin. Bis ins Detail kennt sich der 63-Jährige mit Hilfs­mitteln aus, war früher Vorstand in einem Selbst­hilfe­ver­ein. Er geht mit dem Thema an die Öffent­lich­keit – ein Schritt, den nur ganz wenige wagen. Ihn und andere Mutmacher porträtieren wir auf diesen Seiten.

19 medizi­nische Hilfs­mittel getestet

Saloschin ist einer der Betroffenen, die für uns 19 Unisex-Produkte im Alltag erprobten: Vorlagen, Windels­lips und Einmalhosen, Pants genannt. Alle sind als Hilfs­mittel für mitt­lere Harnin­kontinenz zugelassen und nehmen die vorgeschriebenen Mindest­mengen Urin auf: Vorlagen 600, Slips und Pants 750 Milliliter. Alle können ohne Rezept bestellt werden, etwa in der Apotheke. Sie erfüllen Mindest­anforderungen an die Flüssig­keits­aufnahme und -abgabe sowie die Saug­geschwindig­keit. Wer gesetzlich versichert ist und eine Verordnung vom Arzt hat, muss notwendige Hilfs­mittel nicht selbst bezahlen. Die Krankenkasse erstattet die Kosten. Welches Produkt er erhält, entscheidet der Versorger, mit dem die Kasse einen Vertrag hat (Was sich Patienten nicht gefallen müssen).

Hartmann und Tena sind Testsieger

Wir wählten elf Produkte von Herstel­lern mit hoher Markt­bedeutung aus sowie acht von Anbietern, die Vertrags­partner großer Krankenkassen sind: etwa der Techniker Krankenkasse oder der Barmer.

Das Test­ergebnis ist eindeutig: Die zuver­lässigsten Helfer sind die teuren Marken­produkte von Hartmann sowie die im Vergleich etwas preis­werteren von Tena. Sie bewiesen in allen drei Produkt­gruppen, dass viele Betroffene mit ihnen trocken und komfortabel durch Tag und Nacht kommen. Güns­tigstes gutes Mittel ist die Vorlage von Attends. Gut und im mitt­leren Preis­bereich: Vorlage und Pants von Seni.

Acht Windeln und Vorlagen schneiden insgesamt nur ausreichend ab – fünf davon kosten viel weniger als der Durch­schnitt, vor allem Nona und Unizell. Diese fünf halten nicht dicht und trocken. Sie laufen häufiger aus, geben Harn wieder an die Haut ab (Testergebnisse und Pants, Windeln und Vorlagen im Vergleich).

Kassen sparen, Patienten zahlen drauf

Für gesetzlich Versicherte bedeutet das: Sie bleiben häufig auf der Strecke. Wie viele Betroffene berichten, bekommen sie meist güns­tige Aufsaug­hilfen und nicht etwa die Sieger­produkte. Dabei teilten uns Hartmann und Tena-Hersteller SCA mit, dass ihre Produkte an Versicherte abge­geben werden – an welche Kasse will SCA aus „daten­schutz­recht­lichen Gründen“ nicht sagen. Hartmann hat Verträge mit rund 100 Kassen, etwa der Techniker Krankenkasse (TK) und der AOK Bayern. Er versorgt aber nur zirka 70 000 Patienten – gerade mal 5 Prozent der Versicherten, die Inkontinenz-Hilfs­mittel erhalten. Dreißig Prozent dieser Hartmann-Kunden zahlen aus eigenen Stücken drauf – ein übliches Prozedere, wenn Versicherte Produkte wählen, die mehr kosten, als die Kasse zahlt.

Gesetzlich Versicherte sollten bei ihrer Kasse ein anderes Hilfs­mittel einfordern, wenn sie unzufrieden sind (Was sich Patienten nicht gefallen müssen). Bei Privatversicherten hängt es vom gewählten Tarif ab, welche Mittel sie bekommen.

Erst­mals nach Jahren neue Stan­dards

Warum ist auf manche Produkte kein Verlass? Viele entsprechen nicht dem Stand der Entwick­lung. Für die Zulassung reichte es bisher, wenn sie im Labortest Mindest­anforderungen bestanden. Ab 10. März treten erst­mals seit 23 Jahren neue Qualitäts­stan­dards für aufsaugende Hilfs­mittel in Kraft. Zugelassen werden nur noch Produkte, die einen praxis­näheren Labortest bestehen: Sie sollen schneller Flüssig­keit aufnehmen, weniger davon an die Haut abgeben und Gerüche besser absorbieren. „Alle Produkte, die im Test nur ausreichend sind, erfüllen das neue Kriterium für die Rück­nässung nicht“, sagt Konrad Giers­dorf, Projektleiter des Tests.

Hinzu kommt: „Kriterien wie Weichheit und Diskretion können nur im Praxis­test ermittelt werden“, so Giers­dorf. Darum ließ er knapp 200 Betroffene beur­teilen, die aktiv im Leben stehen. Lutz H., einer der Teilnehmer, sagt: „Hundert Milliliter Fassungs­vermögen mehr oder weniger – für mich macht das in puncto Bewegung, Sicherheit und Lebens­gefühl enorm viel aus.“ Wolf­ram S. erzählt: „Mir ist der Trage­komfort sehr wichtig, sonst gibt es Scheuer­stellen und Haut­probleme.“

Slips knistern und reißen

Der Test offen­barte weitere Schwach­stellen. Einige Windeln knisterten beim Laufen leicht, außerdem rissen beim Wieder­verschließen mitunter ihre Folien. Viele Anbieter schreiben auf die Verpackungen nicht alle wichtigen Infos für Nutzer. Für Medizin­produkte müssen sie gesetzliche Vorschriften einhalten, etwa die Produktart angeben. Bei Unizell suchen Nutzer danach vergebens. Bei sechs Produkten lässt sich nicht ablesen, wie hoch deren Saug­leistung ist. Eine einheitliche Kenn­zeichnung wäre für die Käufer wünschens­wert.

Versicherte beschweren sich

Den Patienten­beauftragten der Bundes­regierung, Karl-Josef Laumann, über­raschen die Test­ergeb­nisse nicht: „Gerade bei den Inkontinenz­mitteln habe ich viele Beschwerden von Versicherten erhalten.“

Uns ging es während der Recherche ähnlich. „Man bekommt einfach nicht die gute Qualität“, sagt etwa die 56-Jährige Marion Jerzsabek. Ihre Vorlagen seien im Laufe der Jahre schlechter geworden. „Mir hat die Kasse vorgeworfen, ich würde zu viel verbrauchen“, erzählt die 73-jährige Ilona Wagener. Viele Versicherte führen lange Verhand­lungen mit ihrer Kasse.

Welche Pauschalen Kassen zahlen

Das wird sich vorläufig wohl nicht ändern. Viele Krankenkassen haben ihre Monats­pauschalen deutlich gesenkt. Karl-Josef Laumann sagt: „Auf der einen Seite höhere Qualitäts­anforderungen, auf der anderen Seite nied­rigere Pauschalen: Das passt beim besten Willen nicht zusammen.“

Die TK, Deutsch­lands größte Kasse, argumentiert, sie könne beides vereinbaren. Sie zahlt pro Monat 18,45 Euro – 8 Euro weniger als früher. „Die Lieferanten verlangen inzwischen für die gleiche Qualität deutlich nied­rigere Preise als in früheren Jahren“, sagt Sabine Hilker, Hilfs­mittel-Expertin der TK. Aber: „Bestimmte Marken sind per se zu teuer, die kann man sich im Rahmen der Pauschale nicht leisten.“ Andere Krankenkassen wie die AOK Plus zahlen 24 Euro Monats­pauschale, die Barmer 16,66 Euro.

Bis zu 50 Prozent der Fälle heil­bar

Manche Versicherte wenden sich erst gar nicht an ihre Kasse. Aus Scham gehen sie nicht mal zum Arzt. Dabei kann er nahezu jedem helfen. Es gibt zahlreiche Behand­lungen von Beckenbodentraining bis Blasen­schritt­macher (Hoffnungslose Fälle sind selten). Die Deutsche Kontinenz Gesell­schaft schätzt, dass Inkontinenz zu 30 bis 50 Prozent heil­bar ist und zu 80 Prozent linder­bar.

Frauen fällt es besonders schwer, professionelle Hilfe zu suchen. Viele leiden unter einer Belastungs­inkontinenz: Die Harn­röhre dichtet bei Husten, Lachen, Niesen nicht mehr ab. Ursache ist ein schwacher Beckenboden. Blasen­entzündungen, Operationen, Schwangerschaft oder Hormon­umstel­lungen in den Wechsel­jahren machen sie anfäl­lig. Bei Männern können Probleme mit der Prostata Auslöser sein, aber auch Nervenschäden oder neurologische Erkrankungen. Sie leiden eher unter einer Drangin­kontinenz, einem plötzlichen, heftigen Harn­drang.

Eines sollten Betroffene keinesfalls tun: aufgeben. Die Erfahrung der 63-jährigen Barbara B. macht Mut: „Techniken aus der Krankengymnastik helfen mir, den Harn­drang zu kontrollieren.“

Dieser Artikel ist hilfreich. 87 Nutzer finden das hilfreich.