Gegen Blasenschwäche gibt es effektive Therapien. Je früher behandelt wird, umso größer die Erfolgsaussichten. Bei schweren Fällen sorgt eine neue Operation für Furore.

Spaziergänge oder Einkaufsbummel müssen an öffentlichen Toiletten vorbeiführen. Sport oder Sex sind gestrichen. Im Kino oder Theater kommt nur ein Platz am Gang infrage. Manche Menschen trauen sich kaum noch aus dem Haus: Harninkontinenz kann den Alltag erheblich beeinträchtigen. Obwohl der Leidensdruck groß ist, schweigen bis zu 40 Prozent der Betroffenen selbst ihrem Arzt gegenüber. Schamgefühl ist ein Grund, aber auch der Glaube, Inkontinenz sei ein Altersphänomen, das sich nicht behandeln lässt.

Dabei gilt: Es gibt mittlerweile effektive Therapien. „Je früher die Behandlung beginnt, desto eher ist eine Heilung möglich“, betont Privatdozent Dr. Ralf Tunn, Leiter des Deutschen Beckenbodenzentrums am Berliner St. Hedwig Krankenhaus. Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland werden wegen ihrer Harninkontinenz medizinisch betreut. Die Dunkelziffer der Inkontinenten dürfte deutlich höher liegen.

Inkontinenz durch Belastung

Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Etwa jede zweite Frau mit Kontinenzproblemen leidet an einer so genannten Stressinkontinenz. Wobei mit Stress nicht die seelische, sondern die körperliche Belastung gemeint ist, die beim Lachen, Husten, Niesen oder schweren Tragen entsteht. Mediziner sprechen deshalb lieber von Belastungsinkontinenz. Sie führt zum unwillkürlichen Urinverlust, ohne dass die Frau einen Harndrang verspürt. Je nachdem, ob bei starker Anstrengung einige Tropfen verloren gehen oder ob der Urin selbst im Liegen fließt, unterscheiden die Ärzte leichte, mittelgradige und schwere Formen der Erkrankung.

Die Ursachen sind vielfältig. Ein undichter Schließmuskel am Blasenausgang kann beteiligt sein, auch Lageveränderungen von Harnröhre und -blase, der Zustand des Bindegewebes oder die „Verklebung“ des Beckenbodens mit der seitlichen Vaginalwand spielen eine Rolle, und natürlich der Beckenboden selbst. Dessen gitterförmig verlaufende Muskeln umschlingen zum einen Harnröhre, Scheide und After, zum anderen bilden sie eine Art Hängematte, die Blase, Gebärmutter und Dickdarm stützt. Schwere körperliche Arbeit, Übergewicht, Schwangerschaft und Geburt sowie hormonelle Umstellungen während der Wechseljahre, aber auch das Alter selbst lassen die Schwäche voranschreiten.

Dranginkontinenz

Seltener als die Belastungsinkontinenz ist eine Dranginkontinenz, an der etwa jede fünfte Frau mit Blasenschwäche leidet. Sie ist gekennzeichnet durch häufiges Wasserlassen und einen plötzlichen, nicht zu beherrschenden Harndrang, der oft keine Zeit lässt, eine Toilette aufzusuchen. Die Gründe für die hyperaktive und übersensible Blase sind vielfältig: Psychosomatische Ursachen kommen ebenso infrage wie Harnweginfektionen, Tumore oder neurologische Erkrankungen. Besonders bei älteren Menschen liegt häufig eine Mischinkontinenz vor, also eine Kombination aus Belastungs- und Drang­inkontinenz.

Gymnastik

Je nach Art und Schweregrad der Erkrankung gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die sich ergänzen und aufeinander aufbauen. Da auch Übergewicht Einfluss auf die Kontinenz hat, ist oft auch Abnehmen angesagt. Die „klassische“ Therapie bei beiden Inkontinenzformen ist Beckenbodentraining unter physiotherapeutischer Anleitung.

Ziel der Beckenbodenübungen ist es, den gesamten Muskelapparat des Beckenbodens zu kräftigen. Weil häufig das Gespür für die richtigen Muskelpartien fehlt, stehen zunächst Wahrnehmungsübungen auf dem Programm. Im Sitzen, Liegen und Stehen versuchen die Patientinnen ihren Beckenboden zu erfühlen. Es folgt eine Trainingsphase, in der sie mithilfe von Basisübungen lernen, den Beckenboden zu koordinieren und die Muskeln aufzubauen. Später werden Übungen trainiert, die sich einfach in den Alltag integrieren lassen. Beckenbodentraining erfordert Geduld und tägliches Üben. Erste Trainingserfolge zeigen sich nach zwei bis acht Wochen.

Biofeedback und Elektrostimulation

Wenn jemand nur wenig Gefühl für den Beckenboden hat, helfen Biofeedback-Geräte. Dabei misst eine Sonde, die über die Scheide oder den After eingeführt wird, die kleinen elektrischen Impulse, die bei der Muskelanspannung entstehen. Das Ergebnis ist auf einer Skala abzulesen oder wird in ein akustisches Signal umgewandelt. Die Patientin kann dann sehen oder hören, was sie nicht fühlt: ob sie die Beckenbodenmuskeln richtig koordiniert oder nicht.

Den Patientinnen, die nicht in der Lage sind, den Beckenboden aktiv anzuspannen, zum Beispiel nach einer schweren Geburt mit Nervenverletzungen, kann die Elektrostimulation helfen. Ähnlich wie beim Biofeedback wird mit einer Vaginalsonde gearbeitet, über die Stromimpulse an den Beckenboden gelangen. Der Muskel wird passiv auftrainiert, bis sich ein aktives Beckenbodentraining anschließen kann.

Vibration plus Gymnastik

Auf passives und aktives Training des Beckenbodens setzt eine neue Methode, mit der bislang vor allem Hochleistungssportler ihre Muskeln trainierten. Bei dem Gerät „Galileo 2000“ steht die Patientin auf einer Platte, die mit wechselnden Schwingungen unterschiedlich schnell vibriert. Diese Stimulation wird über die Beine in den Beckenboden weitergeleitet. Dort kommt es kurzzeitig zur Überdehnung der Muskulatur, die mit Kontraktion reagiert. Aktives Beckenbodentraining steigert den Trainingseffekt, wie Dr. Volker Viereck, gynäkologischer Oberarzt an der Uniklinik Göttingen, im Rahmen von Studien mit 150 Frauen herausfand: „Nach sechs bis acht Wochen stellten sich in der Regel deutliche Erfolge ein.“ Husten, Gehen oder Springen waren meist wieder unbeschwert, ohne Urinverlust möglich.

Trainiert wird mindestens zweimal in der Woche unter Anleitung eines erfahrenen Physiotherapeuten. Die Methode ist allerdings noch so neu, dass die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Eine Therapieeinheit von 15 Minuten kostet etwa 15 Euro. Der Galileo 2000 ist derzeit vor allem in speziellen Kontinenzzentren im Einsatz (Informationen zum Beispiel über die Deutsche Kontinenzgesellschaft).

Medikamente

Mit Medikamenten behandelt wird bislang vor allem die Dranginkontinenz. In erster Linie werden Anticholinergika verordnet. Sie sollen beruhigend auf die Blase wirken, indem sie die Kontraktionsfähigkeit der Muskeln hemmen. Der Wermutstropfen: Viele Patienten klagen über Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Müdigkeit. Die neuen Retardpräparate, die nur einmal am Tag eingenommen werden, versprechen Abhilfe.

Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird eine Arznei auf den Markt kommen, mit der sich erstmals auch die Belastungsinkontinenz medikamentös behandeln lässt. Der Wirkstoff Duloxetin, eigentlich ein Antidepressivum, beeinflusst offenbar – laut Hersteller – gezielt den Beckenboden und soll die Spannkraft der quergestreiften Harnröhrenmuskulatur erhöhen. Die Substanz wird voraussichtlich ergänzend zu den gängigen Therapien eingesetzt werden können.

Frauen, die aufgrund der Wechseljahre unter Belastungsinkontinenz leiden, kann mit östrogenhaltigen Scheidencremes oder -zäpfchen geholfen werden. Estriolhaltige Präparate bauen die Schleimhaut der Scheide wieder auf – das stärkt auch die angrenzende Harnröhre.

Hilfsmittel

Die Belastungsinkontinenz lässt sich auch mit dem Einlegen eines Pessars behandeln. Diese Scheideneinlagen wirken wie ein mechanisches Widerlager. In die Vagina eingeführt, verhindern sie, dass die darüber liegende, übermobile Harnröhre abknickt.

Eine weitere, neue Möglichkeit, die Harnröhre zu stabilisieren, ist eine Unterspritzung des Blasenhalses mit einem Hyaluronsäure-Dextranomer-Gemisch. Diese Methode kommt zum Beispiel für Patientinnen infrage, die mehrfach erfolglos operiert wurden. Das Material wird vom Körper gut toleriert, doch ein Problem bereitet die Unterspritzung doch: Sie löst sich innerhalb von zwei bis drei Jahren auf.

Operationen

Schlagen die konservativen Behandlungsmethoden nicht an, bleibt noch die Operation, um eine Belastungsinkontinenz zu therapieren. Die klassische Variante ist die „Kolposuspension“, bei der mehrere Fäden spannungsfrei wie eine Hängematte geknüpft werden und so den Blasenhals stabilisieren. Die Operation erfolgt unter Vollnarkose mit einem Schnitt oberhalb des Schambeins. In der Regel müssen die Patientinnen drei bis sieben Tage im Krankenhaus verbringen.

TVT Torgt für Furore

Seit einiger Zeit sorgt ein neues Operationsverfahren für Furore: die „TVT“-Operation. Sie wurde in Schweden entwickelt und 1995 erstmals vorgestellt. Dabei verlegt der Operateur eine spannungsfreie Schlinge von der Scheide aus (Tension-free Vaginal Tape) U-förmig um die Harnröhre. Dann wird das Band unter lokaler Anästhesie so justiert, dass kein Urin mehr abgeht, wenn die Patientin hustet. Durch die geschickte Platzierung wird die Harnröhre gestützt. Der Eingriff kann minimal-invasiv in einer halben Stunde durchgeführt werden.

Das Vaginalband ist so grob geflochten, dass Bindegewebszellen einwachsen und das Band in den Körper integrieren können. Auch die Makrophagen, die körpereigenen Killerzellen, können einwandern und lokale Entzündungen beseitigen. Das Vaginalband wurde weltweit rund eine Million Mal eingesetzt. Abstoßungsreaktionen oder schwere Infektionen sind bisher nicht bekannt. Die Heilungsraten können sich sehen lassen: Klinischen Studien zufolge waren rund 85 Prozent der Patientinnen noch sieben Jahre nach der Operation beschwerdefrei. Untersuchungen über einen längeren Zeitraum liegen bislang noch nicht vor. Die TVT eignet sich aber nur für Frauen mit Belastungsinkontinenz, die mit konservativen Methoden austherapiert sind und bei denen der Leidensdruck so groß ist, dass sie eine Operation wirklich wollen.

Nachteil des einfachen und schnellen Eingriffs: In 10 bis 30 Prozent der Fälle kommt es nach der Operation zu Harndrang – meist dann, wenn eine Mischform von Belastungs- und Dranginkontinenz vorliegt. Urogynäkologe Tunn führt das vor allem darauf zurück, dass operiert wird, ohne zuvor die aufwendige Diagnostik durchzuführen. Auch die Patientinnen sollten darauf achten.

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