Inflation Starker Preis­anstieg im 2. Halb­jahr

17.08.2021
Inflation - Starker Preis­anstieg im 2. Halb­jahr
Stephan Kühnlenz, wissenschaftlicher Leiter des Bereichs Geld­anlage bei der Stiftung Warentest. © Stiftung Warentest / Ralph Kaiser

Die Inflation dürfte weiter anziehen, vermutet Stephan Kühnlenz. Im Interview erläutert der Finanztest-Experte, was das für die Geld­anlage bedeutet.

Auswirkung der Mehr­wert­steuer-Anpassung

Die Inflation ist im Juli auf 3,8 Prozent gestiegen. Was sind die Gründe dafür?

Der Anstieg hängt vor allem mit der Absenkung der Mehr­wert­steuer von 19 auf 16 Prozent in der zweiten Hälfte 2020 zusammen. Nun ist die Mehr­wert­steuer wieder auf dem alten Stand. Der positive Effekt der Senkung von damals führt jetzt zum negativen Effekt einer stärkeren Erhöhung. Dazu kommt, dass die Rohstoff­preise angezogen haben.

Manche fürchten zum Jahres­ende eine Inflation von 5 Prozent. Was droht den Preisen, wenn die Konjunktur noch kräftig anzieht?

Aufgrund des Basis­effektes sind 4 Prozent Inflation in der zweiten Jahres­hälfte nicht unwahr­scheinlich. Dieser Effekt läuft aber aus, sodass es im ersten Halb­jahr 2022 auch wieder Entlastungen geben sollte. Länger­fristig höhere Inflations­raten dürfte es nur geben, wenn die Preissteigerung auf die gesamte Wirt­schaft durch­schlägt, weil etwa durch einen starken Aufschwung weitere Güter und auch Arbeits­kräfte knapp werden und somit die Preise auf breiter Front steigen.

Preissteigerung hausgemacht

Die Europäische Zentral­bank (EZB) peilt eine Inflations­rate von 2 Prozent an. Wird sie nun die Zinsen erhöhen?

Europaweit ist die Inflations­rate nied­riger, weil die derzeitige Preissteigerung in Deutsch­land zum Teil hausgemacht ist. Deshalb sieht es derzeit nicht danach aus, dass die EZB Hand­lungs­bedarf hat.

Können Zinsen auch ohne Eingreifen der EZB steigen?

Schwankungen am Markt von bis zu 1 Prozent sind immer drin. Das macht in den Kursen von lang laufenden Anleihen gleich 7 oder 8 Prozent Kurs­gewinne oder -verluste aus.

Risiko eingehen – oder Nied­rigzins­phase aussitzen

Was raten Sie Sparern?

Sie sollten bei den Anlageformen bleiben, die zu ihnen passen. Wer kein Risiko eingehen möchte und sich daher mit Tages- und Festgeld wohl­fühlt, muss die Zeiten nied­riger Zinsen aussitzen. Auf keinen Fall sollten Anleger leicht­fertig Produkte wählen, die vermeintlich hohe Zinsen versprechen, denn hoher Zins heißt in der Regel hohes Risiko.

Was sollten Aktien­einsteiger tun?

Eine Investition in Aktienfonds Welt ist sinn­voll. Wer bislang keine Erfahrung mit Aktien hat, sollte höchs­tens 25 Prozent seines Ersparten dorthin lenken. Mit mehr Erfahrung kann man das Risiko ruhig erhöhen.

Gewinn­chancen für Unternehmen

Reagieren Aktien nicht auch mit fallenden Kursen auf Inflation?

Das passiert, sofern durch die Inflation die Zinsen steigen und damit die Konkurrenz­produkte, etwa Fest­gelder, wieder attraktiver werden. Im Prinzip bietet eine Inflation für Unternehmen auch Gewinn­chancen dank steigender Verkaufs­preise.

Sind inflations­geschützte Anleihen eine gute Anlageidee?

Eher nicht – lang­fristig hatten die nie über­zeugende Renditen.

Gold und Immobilien bergen Risiken

Und wie wäre es mit Gold?

Gold schwankt stark im Preis und bringt keine Zinsen. Letzteres fällt gerade nicht ins Gewicht, sodass man Gold bis zu 10 Prozent in sein Portfolio beimischen kann.

Bleibt also noch der Immobilienkauf als sicherer Hafen?

Die Strategie verfolgen viele Anleger. Es ist schwer zu beur­teilen, wie weit Immobilien dadurch über­teuert sind. Ob der Preis für die Lage und den Zustand der Immobilie stimmt, ist immer eine individuelle Entscheidung.

17.08.2021
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