Welche Impfungen sind für mein Kind sinn­voll? Welche nicht? Diese Fragen beschäftigen Eltern sehr. Wir helfen bei der Entscheidung.

Mit der ersten Impfung kamen die ersten Kontroversen. 1796 hatte der eng­lische Arzt Edward Jenner bewiesen, dass die harmlosen Kuhpo­cken Menschen vor den lebens­bedrohlichen echten Pocken schützen. Er hatte einem Jungen erst die einen, dann die anderen Erreger per Hautritz verabreicht. Die neue Methode verbreitete sich rasch. Sie erhitzte die Gemüter. Befür­worter feierten sie als Waffe gegen die Pockenseuche, die damals in Europa wütete. Aber immer mehr Gegner bezweifelten die Wirk­samkeit und Verträglich­keit und gaben kräftig Kontra – mit Demons­trationen und Petitionen, in Büchern, Zeit­schriften und Pam­phleten.

Die Skeptiker der Gegen­wart

Heute läuft die Kontroverse vor allem im Internet. Auch wir haben uns dort getummelt und Ende 2011 eine Onlineumfrage durch­geführt (siehe auch test.de/impfen). Mehr als 10 000 Personen nahmen teil. 17 Prozent sehen Impfungen für sich selbst grund­sätzlich skeptisch; 22 Prozent tun dies bei Impfungen für ihre Kinder. Die übrigen verfügen über einen voll­ständigen Impf­schutz, ließen sich oder ihre Kinder in den vergangenen zwei Jahren impfen oder planen Impfungen. Rund 40 Prozent haben sich aber auch mindestens einmal gegen einen Piks entschieden.

Das steht jedem frei. In Deutsch­land gibt es keine Impf­pflicht – und vieles abzu­wägen. Allein für Kinder und Jugend­liche empfiehlt die verantwort­liche Ständige Impf­kommis­sion, kurz Stiko, 13 Stan­dard­impfungen. Die Krankenkassen erstatten die Kosten. Doch viele fragen sich: Welche ist wirk­lich sinn­voll? Welche nicht? Wie lässt sich eine persönliche Abwägung treffen?

Kinder­impfungen bewertet

Wir möchten helfen – mit einer drei­teiligen Serie. Den Anfang machen in diesem Heft Kinder und Jugend­liche. An drei Stellen weichen wir von gängigen Impf­kalendern, die es etwa beim Kinder­arzt gibt, ab: bei Rotaviren, Meningokokken und Wind­pocken (siehe „Impfkalender“ und weitere Tabellen).

Ansonsten bekräftigen wir die üblichen Empfehlungen – auch recht neue, etwa gegen Pneumokokken und HPV sowie gegen Meningokokken für Klein­kinder, die Eltern laut Onlineumfrage mit am häufigsten ablehnen. Und wir raten zum Piks gegen Masern, Mumps und Röteln, die oft als „Kinder­kram“ gelten. Diese Krankheiten sind deutlich riskanter als ihr Ruf, können über­aus schwere Folgen haben. Dazu zählen lebens­bedrohliche Gehirn­entzündungen durch Masern. Daher sind Masern-Partys, auf denen sich Kinder gegen­seitig anste­cken sollen, strikt abzu­lehnen.

Tipp: Unsere Einschät­zungen zu vierzehn Impfungen finden Sie in den Tabellen. Betrachten Sie sie als grund­sätzliche Hilfe. Die individuelle Entscheidung hängt vom Gesund­heits­zustand ab und ist mit dem Arzt zu treffen. Bei immun­geschwächten und chro­nisch kranken Kindern ist jede Impfung abzu­wägen. Bei schweren akuten Erkrankungen werden Impfungen verschoben. Bei leichten Infekten mit einer Körpertemperatur unter 38,5 Grad Celsius ist das meist unnötig – was viele nicht wissen.

Die Argumente der Kritiker

Impfungen für Kinder Test

Abwägen ist das eine, strikt ablehnen das andere. Was bemängeln die Gegner? „Impf­empfehlungen werden ausschließ­lich von der Pharma­industrie gesteuert“, lautet das Haupt­argument in der Onlineumfrage. 90 Prozent, die sich kritisch über Impfungen äußerten, nannten diesen Punkt. Auf Platz zwei (87 Prozent): „Impfungen nehmen dem Körper die Chance zur natürlichen Auseinander­setzung mit der Erkrankung“. Auf Platz drei (84 Prozent): „Infektionskrankheiten lassen sich durch Hygiene und Lebens­stan­dard vermeiden.“ Dann folgten Ängste vor Neben­wirkungen – dass Impf­stoffe das Immun­system über­fordern und schwächen, schädliche Konservierungs­mittel enthalten, für die Zunahme chro­nischer Krankheiten mit verantwort­lich sind.

Befür­worter halten Impfungen dagegen für äußerst wichtig, um Infektions­krankheiten vorzubeugen – im Trio mit Hygiene und Lebens­stan­dard. Moderne Impf­stoffe funk­tionieren immer noch nach dem ursprüng­lichen Prinzip: Abge­schwächte oder abge­tötete Erreger beziehungs­weise deren Bruch­stücke werden in den Organismus einge­schleust. Sie lösen keine gefähr­liche Krankheit aus, stacheln aber als Antigene das Immun­system an, etwa zur Bildung von Antikörpern. Diese patrouillieren fortan im Körper und starten, falls echte Erreger eindringen, sofort einen Angriff.

Für Impf­stoffe gelten in Deutsch­land ähnlich strenge Regeln wie für Medikamente. Sie dürfen nur auf den Markt kommen, wenn klinische Zulassungs­studien ihre Wirk­samkeit und Sicherheit beweisen. Dennoch, ähnlich wie bei Arznei­mitteln: Kein Impf­stoff zeigt bei allen Anwendern volle Wirkung. Und lang­fristige unerwünschte Effekte, etwa die Verschiebung einer Erkrankung ins Erwachsenen­alter, stellen sich zuweilen erst später heraus. Aber viele empfohlene Impfungen sind praxis­bewährt – durch jahre­langen Einsatz bei hundert­tausenden von Kindern.

Wichtig: Halten Sie den Impf­plan ein – er ist für die Wirkung entscheidend. Viele Impf­stoffe, besonders Totimpf­stoffe, akti­vieren das Immun­system eher schwach. Dann sind zum Aufbau des Schutzes mehrere Portionen erforderlich, oft auch alle paar Jahre eine Auffrischung. Lebend­impf­stoffe wirken meist stärker und länger. Aber bei denen gegen Masern, Mumps und Röteln gibt es ein Problem: Manche Kinder bilden erst beim zweiten Piks schützende Antikörper.

Wie bei Medikamenten kommen auch bei Impf­stoffen Neben­wirkungen vor – aber in Maßen. Das zeigen 2011 veröffent­lichte Daten aus der Kiggs-Studie, einer Unter­suchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Kinder- und Jugend­gesundheit zwischen 2003 und 2006. Die Forscher hatten auch die Impf­ausweise kontrolliert und die Eltern gefragt: „Hat Ihr Kind eine Impfung schlecht vertragen?“ Bei 332 von 15 958 – in der Regel mehr­fach geimpften – Kindern gab es Neben­wirkungen, am häufigsten Fieber (113 Nennungen), gefolgt von „massive Schwellung“ an der Einstich­stelle, „unstill­bares Schreien“, „Haut­ausschlag“ und „Krampf­anfall/Fieberkrampf“.

Das Immun­system reagiert

Insgesamt entsprächen die Symptome der 332 Kinder „weit­gehend dem bekannten Neben­wirkungs­spektrum“, schreiben die Autoren. So führen Impfungen besonders oft kurz­fristig zu Schwel­lungen, Rötungen und Schmerzen an der Einstich­stelle und Allgemein­beschwerden wie Fieber, Ermattung, Magen-Darm-Beschwerden – alles Signale, dass das Immun­system reagiert.

Lebend­impf­stoffe können zudem ähnliche Symptome verursachen wie die Krankheit, vor der sie schützen. So gab es bei zehn Kindern der Kiggs-Studie „Impf­masern“, bei weiteren schwer davon abgrenz­bare Haut­ausschläge. Impf­krankheiten verlaufen aber fast immer leicht, ohne Anste­ckungs­gefahr und Komplikationen.

Zwei Lebend­impf­stoffe aus früheren Zeiten waren deutlich aggressiver: der Polio-Impf­stoff zum Schlu­cken und der Ganz­keim-Keuchhusten-Impf­stoff. Beide sind in Deutsch­land aber abge­schafft und durch viel verträglichere Totimpf­stoffe ersetzt. Insgesamt sind moderne Impf­stoffe deutlich schonender. In allen empfohlenen Schutz­impfungen zusammen fänden sich anstatt tausender nur noch etwa 150 Antigene, schreibt das RKI. Das über­laste das kindliche Immun­system nicht. Es setze sich tagtäglich mit vielfach größeren Mengen an Fremdmolekülen auseinander.

Auf die Begleit­stoffe achten

Und die anderen Sorgen unserer Umfrage­teilnehmer? Dass Impf­stoffe chro­nische Krankheiten mit verursachen und schädliche Konservierungs­mittel enthalten? In der Tat setzten die Hersteller zur Halt­barmachung lange Zeit das queck­silber­haltige Thiomersal bei. Es ruft oft Allergien hervor und geriet vor einigen Jahren in den Verdacht, Autismus auszulösen. Sicher­heits­halber reagierten die Hersteller: Die empfohlenen Kinder­impfungen sind heute in aller Regel ohne das queck­silber­haltige Thiomersal möglich. Fragen Sie Ihren Arzt.

In manchen Impf­stoffen stecken, möglichst nied­rig konzentriert, weitere Zusatz­stoffe, etwa phenolhaltige Konservierungs­mittel und Aluminium­verbindungen. Letztere nennen sich „Adjuv­anzien“ und kommen seit Jahren zum Einsatz, um die Immun­antwort, etwa die Antikör­perbildung, zu stärken. Wenn der Arzt den Impf­stoff nicht tief genug ins Gewebe spritzt, können sie Haut­verhärtungen auslösen.

Auch Reste von Substanzen, die für die Herstellung nötig waren, kommen in manchen Impf­stoffen vor, etwa von Antibiotika, Form­aldehyd oder Hühner­eiweiß. Es steckt in manchen Impf­stoffen gegen Grippe, in Spuren auch in denen gegen Masern, Mumps und Röteln.

Wichtig: Informieren Sie recht­zeitig den Arzt, falls Ihr Kind gegen Hühner­eiweiß allergisch ist. Gegen Masern, Mumps und Röteln kann er meist trotzdem impfen. Grund­sätzlich kann jeder Impf­stoff allergische Reaktionen verursachen, sehr selten sogar einen lebens­bedrohlichen allergischen Schock. Der trat bei einem der 15 958 Kinder aus der Kiggs-Unter­suchung auf.

Diskussion um chro­nische Folgen

Auch andere Komplikationen gibt es wohl nur sehr selten. Solche Zusammenhänge zu belegen, ist aber nicht ganz einfach. Ob Impfungen chro­nische Krankheiten, etwa Allergien und Auto­immunkrankheiten wie Diabetes-Typ-1 oder multiple Sklerose mit verursachen, wird heftig diskutiert. Bisher sprechen die Studien eher dagegen. Eine sehr verbreitete These – dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Darm­schäden und Autismus verursache –, gilt als widerlegt. Das Fachjournal „The Lancet“ zog die zugrunde liegende Studie 2010 zurück.

Wichtig: Wenn Sie nach einer Impfung Symptome bemerken, die Sie als bedrohlich empfinden, sprechen Sie unbe­dingt mit Ihrem Arzt. Er braucht die Information für etwaige Folg­eimpfungen. Außerdem ist er verpflichtet, Verdachts­fälle, die über die üblichen Impf­reaktionen hinaus­gehen, ans Gesund­heits­amt zu melden. Sie werden beim Paul-Ehrlich-Institut gesammelt und geprüft. Dadurch lassen sich sehr seltene und lang­fristige Neben­wirkungen, die in den Zulassungs­studien nicht aufgefallen sind, erkennen – für den Patienten­schutz.

Krank­heits­risiken beachten

Die Risiken von Impf­stoffen stehen oft weit mehr im Rampenlicht als die der zugehörigen Krankheiten. Denn viele davon kommen in Europa kaum noch vor – gerade wegen der Impfungen –, geraten also als Gefahrenquelle in Vergessenheit.

Tipp: Betrachten Sie bei Ihren Impf­entscheidungen immer beide Seiten der Medaille. Unsere Tabellen bieten deshalb auch Informationen zu den Krankheiten und ihren Komplikationen.

Noch etwas ist beim Abwägen wichtig: Viele Impfungen nützen nicht nur dem Einzelnen, sondern der Gesell­schaft. Denn wer nicht erkrankt, steckt niemanden an. Diese „Herden­immunität“ schützt auch Menschen, die nicht geimpft werden dürfen. So sind Babys meist nur die ersten Wochen durch mütterliche Antikörper vor Masern, Mumps und Röteln gefeit – dürfen aber den ersten Piks dagegen erst mit etwa einem Jahr bekommen. Zuweilen wiegt der gesell­schaftliche Nutzen mehr als der persönliche. So erkranken manche nur ganz leicht an Mumps oder Röteln und gefährden als „stille Über­träger“ ihr Umfeld. Einige Krankheiten ließen sich durch hohe Impf­quoten sogar ausrotten. Eine gilt seit 1980 welt­weit als besiegt: die Pocken.

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