Impfen Test

Impfen ist für viele Erwachsene kein Thema. Sollte es aber sein. Manche Impfungen sind auch jenseits der Kindheit wichtig. Lesen Sie hier, welche.

Ein Stirnrunzeln, ein paar Sekunden Bedenk­zeit, dann die Antwort: „Die Pocken­impfung muss ich bekommen haben. Schließ­lich habe ich am Ober­arm die Narbe.“ Sonst erinnere er sich an keine Impfung, sagt Dr. Joseph Peickers*, 74, Jurist im Ruhe­stand aus Kiel. Er kann auch nicht im Impf­pass nach­sehen – er besitzt keinen. Sorgen bereitet ihm das nicht: „Ich reise nicht in Länder mit gefähr­lichen Erregern. Und von den Kinder­krankheiten hier­zulande fühle ich mich nicht bedroht.“

Impfen Test

Peickers steht stell­vertretend für das Phänomen „Impf­lücken bei Erwachsenen“. Viele haben nicht alle Impfungen, welche die zuständige Ständige Impf­kommis­sion offiziell empfiehlt und die Krankenkassen erstatten. So sind zum Beispiel nur 72 Prozent der Erwachsenen ausreichend gegen Tetanus geschützt. Das zeigt eine Umfrage des Robert-Koch-Instituts. Andere Impf­raten liegen noch nied­riger. Ein wichtiger Grund: Viele Leute wissen schlichtweg nicht, dass manche Impfungen auch jenseits der Kindheit nützen – weil die zugehörigen Krankheiten in jedem Alter zuschlagen können.

Peickers hat, so weit er weiß, wirk­lich noch keine erwischt. Doch seine Frau bekam mit Anfang 40 Keuchhusten – in ihrer dritten Schwangerschaft. Er erinnert sich gut an die wochen­langen Atta­cken: „Manchmal dachten wir, sie hustet sich das Kind aus dem Leib.“ Zum Glück verschwand die Krankheit vor der Entbindung. Bei Säuglingen kann sie schwere Komplikationen verursachen, sogar tödlichen Atem­still­stand. Geimpft werden dürfen die Kleinen erst mit zwei Monaten. Vorher kann jeder sie anste­cken – auch die Mama oder der Opa.

Sinn­volle Impfungen in jedem Alter

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Hoffentlich hat der Vater keinen Keuchhusten. Junge Säuglinge sind ohne Schutz und können daran sogar sterben.

Diese Gefahr ist deutlich gestiegen, weil seit einigen Jahren vermehrt Erwachsene Keuchhusten bekommen. Ein wichtiger Grund: Frühere Erkrankungen und Impfungen schützen nicht dauer­haft. Seit 2009 empfiehlt die Ständige Impf­kommis­sion (Stiko) daher allen Erwachsenen eine einmalige Impfung gegen Keuchhusten – wir teilen diese Einschät­zung. Das gilt auch für die Impfung gegen Tetanus und Diph­therie, zwei lebens­bedrohliche Krankheiten. Sie ist alle zehn Jahre aufzufrischen. Manche Erwachsenen brauchen sogar eine Grund­immunisierung mit drei Dosen oder Nach­hol­impfungen gegen Polio, Masern, Mumps und Röteln – wenn sie keinen voll­ständigen Impf­schutz aus der Kindheit haben. Hier gilt wie bei Keuchhusten: Hohe Impf­raten schützen auch Menschen, die nicht geimpft werden dürfen. So bekommen Babys den ersten Piks gegen Masern, Mumps und Röteln erst mit etwa einem Jahr, vorher sind sie kaum dagegen gefeit.

Doch ist es aus unserer Sicht wenig sinn­voll, ältere Menschen generell gegen Grippe, Pneumokokken und Gürtelrose zu impfen. Die Wirk­samkeit ist bei dieser Alters­gruppe nicht gut belegt beziehungs­weise bei der Grippeimpfung sinkt sie nach­weislich im höheren Alter. Eine andere Strategie scheint uns besser geeignet: durch hohe Impf­raten gegen Pneumokokken und Grippe bei Kindern und Jugend­lichen auch die Anste­ckung älterer Menschen verhindern.

Tipp: In den Tabellen und Unter­seiten dieses Specials finden Sie unsere Einschät­zungen zu den einzelnen Impfungen. Betrachten Sie sie als grund­sätzliche Hilfe. Die persönliche Entscheidung hängt vom Gesund­heits­zustand ab; treffen Sie sie mit Ihrem Arzt. Bei Immun­geschwächten, Schwangeren und Stillenden ist jede Impfung sorg­sam abzu­wägen.

Die Wirk­samkeit ist lange bekannt

Für unsere Einschät­zungen hat ein Experten­kreis Daten zur Wirk­samkeit und Sicherheit von Impfungen sowie zur Gefähr­lich­keit der zugehörigen Krankheiten abge­wägt. Ihre Wirk­samkeit müssen Impf­stoffe vor der deutschen Markt­zulassung in klinischen Studien beweisen. Dabei werden Test­personen in zwei Gruppen einge­teilt. Die eine bekommt den zu testenden Impf­stoff, die andere einen Schein- oder Vergleichs­impf­stoff. Nach einiger Zeit werden die Erkrankungs­raten verglichen – aus ethischen Gründen ohne die Studien­teilnehmer vorsätzlich mit dem Erreger zu infizieren. Solche Unter­suchungen gibt es zum Beispiel für die recht neuen Impf­stoffe gegen Pneumokokken und Gürtelrose.

Doch viele Präparate, etwa gegen Tetanus und Diph­therie, sind Fort­entwick­lungen altbekannter Impfungen. Hier reicht der Nach­weis der „Immunogenität“, meist gemessen als Anstieg von Antikörpern im Blut der Test­personen. Diese Abwehr­stoffe bildet das Immun­system als Reaktion auf einen Impf­stoff, um die zugehörige Krankheit zu bekämpfen. Dass „Immunogenität“ Schutz bedeutet, gilt als bewiesen: durch frühere Studien – auch wenn sie oft nicht modernen wissenschaftlichen Stan­dards entsprechen –, und durch den Rück­gang von Krankheiten nach dem Start von Impf­programmen.

Beispiel Masern-Impfung. In Nord- und Südamerika müssen Kinder sie meist bei Schul­eintritt nach­weisen. Inzwischen sind die Masern auf dem ganzen Kontinent so gut wie ausgerottet. Ganz anders in Europa mit seinen meist freiwil­ligen Impfungen. Wie schnell und schwer die Masern zuschlagen können, zeigt ein Mann, der sich 2009 in Hamburg infizierte und in Bulgarien eine Anste­ckungs­welle auslöste. Die Bilanz: 24 000 Patienten, 24 Tote.

Keine Wirkung ohne Neben­wirkung

Dennoch: Kein Impf­stoff schützt 100 Prozent der Geimpften. Und es können Neben­wirkungen auftreten, besonders Reaktionen an der Einstich­stelle und allgemeine Beschwerden wie Fieber – alles Zeichen, dass das Immun­system reagiert. Lebend­impf­stoffe, etwa gegen Masern, Mumps und Röteln, können zudem ähnliche Symptome auslösen wie die Krankheit selbst. Solche Impf­krankheiten verlaufen fast immer leicht. Auch allergische Reaktionen sind möglich, vereinzelt sogar ein lebens­bedrohlicher allergischer Schock. Andere schwere Neben­wirkungen sind wohl sehr selten – aber auch nur schwer zu belegen und von vielen Menschen gefürchtet.

Tipp: Wer nach einer Impfung bedrohliche Symptome bemerkt, kann das künftig selbst bei den Behörden melden – wie bei Medikamenten. Dazu entwickeln das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundes­institut für Arznei­mittel und Medizin­produkte derzeit ein Internetportal. Sie setzen damit eine neue EU-Richt­linie um. Bisher meldeten vor allem Ärzte Neben­wirkungen – aber nicht immer mit Feuer­eifer. Dabei ist diese Aufgabe wichtig für den Patienten­schutz.

„Probier die Krankheit“

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Gürtelrose betrifft meist nur eine Körperregion, besonders oft den Rumpf.

„Wenn du die Impfung nicht magst, probier die Krankheit.“ Das Sprich­wort aus dem Eng­lischen zeigt etwas salopp, dass immer beide Seiten der Medaille zu betrachten sind: die Risiken der Impfung und der zugehörigen Krankheit. Wir stellen beide in den Tabellen gegen­über. Und wir betonen: Hohe Impf­raten trugen wesentlich dazu bei, dass viele Krankheiten in Europa kaum noch vorkommen. Zudem schützen sie oft auch Menschen, die selbst nicht geimpft werden dürfen. Es geht also nicht nur um den persönlichen, sondern auch um den gesell­schaftlichen Nutzen.

Impf­lücken schließen

Wer Impf­lücken schließen möchte, kann zum Beispiel seinen Allgemeinmediziner beim nächsten Routine­termin fragen. Auch Inter­nisten und Reisemediziner eignen sich als Ansprech­partner.

Tipp: Egal zu welchem Arzt Sie gehen – nehmen Sie möglichst Ihren Impf­pass mit. Im einfachsten Fall stehen bloß die Auffrischungen gegen Tetanus und Diph­therie an, eventuell auch weitere Impfungen (siehe test-Impfkalender für Erwachsene).

Ein Erwachsener ganz ohne Schutz braucht eine Grund­immunisierung gegen Tetanus, Diph­therie und Polio mit drei Dosen. Beim ersten Termin bekommt er außerdem eine Impfung gegen Keuchhusten. Es gibt passende Kombiimpf­stoffe, genau wie gegen Masern, Mumps und Röteln. Diese Nach­hol­impfung brauchen vor allem jüngere Erwachsene, die als Kind keine oder nur eine Impfung bekamen. Ältere Erwachsene sind meist immun gegen Masern, Mumps und Röteln, weil sie schon als Kind daran erkrankten. Das war vor Einführung der entsprechenden Impfungen ab 1970 meistens der Fall (siehe „Masern, Mumps, Röteln“).

Im Zweifel – zum Beispiel weil der Impf­pass fehlt – gilt: Lieber eine Impfung zu viel als eine zu wenig. Sehr häufige gegen Tetanus und Diph­therie können jedoch kurz­fristig starke Schwel­lungen an der Einstich­stelle verursachen. Dann sollte der Arzt vor weiteren Impfungen die Antikörper im Blut bestimmen.

Ärzte fragen kaum nach

„Jeder Arzt­besuch sollte dazu genutzt werden, den Impf­status zu über­prüfen“, schreibt die Ständige Impf­kommis­sion. Bei Erwachsenen scheint das nicht besonders zu klappen. Das zeigt unsere Online­umfrage mit mehr als 10 000 Teilnehmern (siehe www.test.de/impfen). Nur etwa 40 Prozent wurden je vom Haus­arzt gebeten, ihr Impf­buch vorzulegen. Das deckt sich mit Peickers’ Erfahrungen. „Ich gehe von Zeit zu Zeit zu Ärzten – aber keiner hat mich je mit dem Thema Impfen konfrontiert.“ Vielleicht hätte er seine Haltung über­dacht. Diesen Artikel will er aufmerk­sam lesen.

*) Name von der Redak­tion geändert.

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