Der Europäische Gerichts­hof hat geur­teilt: Die deutschen Regeln über die Verbaucher­informationen zu Kredit­verträgen sind unzu­reichend. Die Widerrufs­belehrungen zu zahlreichen Kredit­verträgen sind fehler­haft. Folge: Fast alle von 14. Juni 2010 bis 20. März 2016 geschlossenen Verträge können Verbraucher auch heute noch widerrufen. Dadurch können Kreditnehmer Tausende von Euro sparen. test.de erklärt die Rechts­lage und gibt ausführ­liche Tipps.

Widerrufs­recht seit 2002

Recht­licher Hintergrund: Seit November 2002 steht Verbrauchern auch bei Abschluss von Immobilien­kredit­verträgen immer ein Widerrufs­recht zu. Die Banken müssen über das Widerrufs­recht und vor allem den Beginn der Widerrufs­frist deutlich, richtig und verständlich informieren. Das gelang den Banken und Sparkassen schon vor 2010 mehr schlecht als recht. Für bis 10. Juni 2010 abge­schlossene Immobilien­kredit­verträge ist das Widerrufs­recht inzwischen erloschen, nachdem der Bundes­tag auf Wunsch der Kredit­wirt­schaft eine Gesetzes­änderung verabschiedet hat. Dabei bleibt es auch nach dem neuen Urteil des Europäischen Gerichts­hofs (vom 26.03.2020, Aktenzeichen: C-66/19). Praktisch alle danach bis 20. März 2016 geschlossenen Verträge sind nach den Ansagen der Richter aus Luxemburg widerruflich, so lange sie nicht voll­ständig getilgt und abge­wickelt sind. Vom 21. März 2016 an geschlossene Verträge sind auch oft fehler­haft, sie können aber nach einer Gesetzes­änderung nur höchs­tens ein Jahr und zwei Wochen lang widerrufen werden, sofern die Information über das Widerrufs­recht nicht voll­ständig fehlt.

Gewinn durch Widerruf

Für betroffene Kreditnehmer erfreuliche Folge der unzu­reichenden Verbraucher­informationen: Sie können ihren Vertrag auch Jahre nach Vertrags­schluss noch widerrufen. Er bringt Betroffenen fast immer viele Tausend Euro; gar nicht selten sind 30 000 Euro oder sogar mehr drin. Haupt­grund: Die Zinsen jetzt sind viel nied­riger als in früheren Jahren.

Ablösung ohne Vorfälligkeits­entschädigung

Wer seinen Kredit etwa wegen des Verkaufs von Haus oder Wohnung kündigen möchte, muss eigentlich eine Vorfälligkeits­entschädigung zahlen. Sie soll der Bank den Verlust der bis zum Ende der Zins­bindungs­frist fälligen Zinsen ausgleichen. Die Höhe der Vorfälligkeits­entschädigung hängt vor allem vom Unterschied zwischen vereinbartem und aktuell üblichem Zins­satz sowie der verbleibenden Dauer der Zins­bindung ab. Sie erreicht bei hoch­verzinsten Altkrediten mit langer Zins­bindung gar nicht selten Beträge um 50 000 Euro. Die Vorfälligkeits­entschädigung fällt weg, wenn Kreditnehmer ihren Vertrag wirk­sam widerrufen.

Zusatz­chance Rück­abwick­lung

Zusätzlich stehen Kreditnehmern nach Widerruf des Vertrags über die Ersparnis von Zinsen oder Vorfälligkeits­entschädigung hinaus noch Tausende von Euro zu. Der Vertrag ist dann nämlich rück­abzuwickeln. Im Special erklärt Finanztest, wie Kunden auf diese Weise einen oft fünf­stel­ligen Betrag zurück­bekommen.

Fort­laufend aktualisierte Bericht­erstattung

Was bei der Durch­setzung des Widerruf­rechts zu beachten ist, erklärt Finanztest in den Fragen & Antworten zum Thema. test.de hat außerdem in Zusammen­arbeit mit der Verbraucherzentrale Hamburg eine Liste mit Rechtsanwälten zusammen­gestellt, die bereits Verbraucher in Widerrufs­fällen erfolg­reich vertreten haben. Außerdem gibt es eine Liste mit verbraucherfreundlichen Urteilen zu Widerrufsfällen. test.de und Finanztest werden die Bericht­erstattung fort­laufend aktualisieren.

Letzte Aktualisierung: 26. März 2020. Vorher erschienene Nutzer­kommentare beziehen sich auf einen früheren Stand des Berichts.

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