Immobilienauktion: ...zum Zweiten und zum Dritten!

Auf Versteigerungen können Immobilienkäufer so manches Schnäppchen machen.

Ein Star des Tages ist ohne Zweifel die alte Burgruine Kempe aus dem zwölften Jahrhundert. Einst Flucht- und Wohnturm derer von Mals auf Mahlitsch wartet das Baudenkmal jetzt auf einen neuen Besitzer. Der soll an diesem Tag im März im Rahmen der Frühjahrsauktion der Sächsischen Grundstücksauktionen AG in Leipzig gefunden werden. Das Exposé bescheinigt der Ruine einen passablen Zustand. Ob ein neuer Besitzer für das Mindestgebot von 1.000 Mark auch ein Burggespenst erwirbt, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Auch von wem er es kauft, erfährt er erst nach dem Zuschlag.

Gemischtes Publikum

Immobilienauktion Meldung

Doch die Burg ist erst am Ende dran. Wie schrullige Liebhaber einer Burgruine sehen die Besucher der Auktion im Leipziger Marriott-Hotel auch nicht aus. Das Publikum, das den Saal zu zwei Dritteln füllt, ist bunt gemischt. Schwer zu sagen, wer aus Neugier, wer aus Geschäftsinteresse kommt.

Der ältere Herr mit dem Lederhut sieht nicht aus wie ein Profi, der Endfünfziger und seine Frau waren gestern schon mal hier. Die beiden jungen Burschen, die sich gegenseitig Mut zuflüstern, setzen sich dicht an die Tür. Drei leere Plätze weiter nimmt ein noch jüngeres Mädchen Platz, sie schläft im Laufe der Veranstaltung ein. Mittendrin sitzen noch einige Herren, denen man, ohne sie zu kennen, neben genügend Geld auch Erfahrungen in Grundstücksgeschäften zubilligen möchte.

An der Stirnseite des Saales steht das Pult des Auktionators, rechts und links flankiert von zwei langen Tischen. An denen sitzen Mitarbeiter des Auktionshauses, Gastauktionäre und Notare. Die Leitung der Veranstaltung liegt in den Händen von Martina Stein. Routiniert führt die junge Frau, Stellvertreterin des Vorstands der Sächsischen Grundstücksauktionen AG, in die Gepflogenheiten der Veranstaltung ein.

Die Sächsische Grundstücksauktionen AG mit Sitz in Dresden ist eine Tochterfirma der Deutsche Grundstücksauktionen AG. Sie hat sich auf Versteigerungen von Immobilien aus den neuen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen spezialisiert.

Schlag auf Schlag

Auch an diesem Tag geht die Versteigerung zügig voran: Eine Immobilie nach der anderen wird vorgestellt. Ein Auktionator verliest die Angaben über Lage, Größe, Beschreibung des Objekts. Die Zuschauer lesen alles im Katalog mit. Dann nennt der Auktionator das Mindestgebot. "Das Objekt wird verkauft wie besichtigt, nicht besichtigt, ohne Garantie für Größe, Güte, Beschaffenheit, Bebaubarkeit oder etwaige sichtbare oder nicht sichtbare Mängel" ist das Stichwort für den zweiten Auktionator. Er tritt an das Pult, sagt, dass in Raten von 1.000 Mark gesteigert wird, und fragt nach höheren Geboten.

Wer mitsteigern will, hebt nur kurz den Arm. Das heißt wortlos: 1.000 Mark mehr. Er wartet, bis der Auktionator ihn und sein Gebot wahrnimmt. Der Versteigerer nennt den neuen Preis, folgt ihm kein höheres Gebot, fällt der Hammer zum ersten Mal. Zum zweiten Mal saust er nieder, wenn auch dann kein höheres Gebot zustande kommt. Für die Zeit zwischen dem zweiten und dritten Hammerschlag braucht der Bieter mit dem bis dahin höchsten Gebot gute Nerven. Kracht das Hämmerchen auf das Pult, gehört die Immobilie ihm.

Der letzte Hammerschlag trennt gewöhnlich den Glücklichen für einige Zeit vom Publikum im Saal. Denn jetzt tritt ein Mitarbeiter des Auktionshauses auf ihn zu und führt ihn in die abgetrennten Notarräume. Hier wird unter notarieller Aufsicht sofort der Kaufvertrag verbindlich geschlossen und kann auch vom Verkäufer im Nachhinein nicht widerrufen werden.

Billig kaufen und sanieren

Im Saal ist der Auktionator inzwischen bei der nächsten Position im Katalog angelangt. Etwas schäbig präsentiert sich ein einsames Bahnwärterhaus an der Strecke Leipzig­Altenburg, 40 Kilometer von der Messestadt entfernt. Der Auktionator zählt alles auf, was das Häuschen noch unattraktiver macht: "Baujahr 1900, einfachste Ausstattung, Klärgrube. Aufgrund des langen Leerstands stark sanierungsbedürftig, Pflanzen- und Tierbefall nicht ausgeschlossen. Mindestgebot 15.000 Mark", so hallt es durch den Saal und nach dem üblichen Spruch von "... besichtigt, nicht besichtigt" herrscht langes Schweigen im Saal, das Haus fällt dann auch prompt durch.

"Wir müssen dem Käufer die Wahrheit sagen, sonst ruinieren wir unsere Glaubwürdigkeit", sagt Michael Plettner, Vorstand der Sächsischen Grundstücksauktionen AG.

Eine halb verfallene Scheune, Mindestgebot 6.000 Mark, geht dennoch für 6.500 Mark an einen neuen Besitzer. Er stammt aus dem Ort und kennt das Objekt schon seit Jahren.

"Ungewöhnlich moderate Verkaufspreise sind ein Teil unseres Erfolgs", sagt Michael Plettner. "Wir versteigern in den neuen Bundesländern sehr viele Immobilien, die zuvor vergeblich auf einen Käufer gewartet haben und die kein Makler in die Hand nehmen würde, weil er damit keinen Schnitt macht." Oft seien es gerade Leute aus der Umgebung, teilweise sogar die Gemeinden selber, die sich dann auf die angebotenen Objekte stürzen. "Sie kaufen das Haus samt Grundstück vergleichsweise billig für fünf- bis zehntausend Mark und können mehr Geld in die Sanierung stecken."

Kleine Perlen

"500.000 Mark bietet der Herr dort rechts am Gang. Gibt es ein höheres Gebot?" Martina Stein hat jetzt die Leitung der Auktion übernommen. Zur Versteigerung steht ein vollständig saniertes und vermietetes Mehrfamilienhaus in Sachsen-Anhalt.

Zwei Herren mittleren Alters heben abwechselnd ihren Arm, um ein höheres Gebot anzuzeigen. Sie sind nicht die einzigen Interessenten. Vorn am Tisch halten gleich vier Mitarbeiter des Auktionshauses Telefonhörer ans Ohr und geben Gebote im Kundenauftrag ab.

Während der Preis für die Immobilie so langsam, aber stetig steigt, würdigen sich die beiden im Saal keines Blickes und zeigen auch sonst kaum Emotionen. Bei 520.000 Mark steigen sie aus, das Haus geht schließlich an einen der Kunden am Telefon.

Diese "Fernbieter" sind an diesem Tag fast allgegenwärtig. Es sind Leute, die sich Objekte im Vorfeld angeschaut haben, am Tag der Versteigerung jedoch nicht anwesend sein können oder wollen. Kurz vor dem Aufruf "ihres Objekts" werden sie angerufen, hören über das Telefon den Versteigerungsvorgang mit, geben ihr Gebot ab. Weil sie bei einem Zuschlag das übliche Prozedere vor Ort nicht mitmachen können, haben sie die Mitarbeiter des Auktionshauses zuvor schriftlich bevollmächtigt, das Versteigerungsprotokoll zu unterschreiben.

Der Star des Tages, die alte Burgruine, versetzt die Teilnehmer der Versteigerung am Ende noch einmal in Hochstimmung. Nur wenige Sekunden hat das Mindestgebot von 1.000 Mark Bestand. Ein "harter Kern" von sechs bis acht Bietern treibt den Preis schnell in die Höhe. Auch am Telefon wird mitgesteigert. Bei 16.000 Mark fällt schließlich der Hammer. "Herzlichen Glückwunsch", sagt der Auktionator zu dem Käufer und man darf annehmen, dass er auch dem Burggespenst zu seinem neuen Besitzer gratuliert.

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