Interview: Spürbarer Aufwärtstrend

Stephan Pfisterer sieht das IT-Weiterbildungssystem (ITWS) nach schleppendem Beginn auf dem richtigen Weg. Im Jahre 2005 sei, so der Projektleiter Kibnet (Kompetenzzentrum IT-Bildungsnetzwerke) des Bitkom, die Nachfrage nach Arbeitsprozessorientierten Weiterbildungen (APO) stark gestiegen.

Das IT-Weiterbildungssystem (ITWS) ist drei Jahre nach seinem Start selbst in der IT-Branche nicht immer ein Begriff. Dementsprechend gering nehmen sich die Teilnehmerzahlen aus. Woran liegt das und wo sehen Sie das ITWS gegenwärtig?

Das ITWS hat eine längere Anlaufphase gebraucht, das ist richtig. Derzeit haben wir 500 IT-Spezialisten im System. Allerdings sehen wir einen erhöhten Bedarf: Im ausgehenden Jahr sind die Teilnehmerzahlen erheblich gestiegen, und wir hoffen, dass wir eine Zahl von 1 000 bis 1 500 Absolventen pro Jahr erreichen werden.
Ein Grund für diese Anlaufphase war zum Beispiel, dass die größeren Unternehmen eine Zeit lang gebraucht haben, um geeignete Kandidaten für die Lernprozessbegleitung zu finden und diese dann auch dementsprechend zu schulen. Dass sich dieser Weg auszahlen kann, zeigt das Beispiel Deutsche Telekom: Sie hat mit ihrem Weiterbildungsprogramm zum Lernprozessbegleiter den „Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung 2005“ erhalten.

Welche der insgesamt 29 existierenden Spezialistenprofile werden besonders nachgefragt?

Deutschlands Stärken liegen in den Bereichen Software, Service und Beratung, während die Hardware-Fertigung an Boden verliert. Daher werden die Profile für Administratoren, Developer, Projektkoordinatoren oder IT-Trainer stärker nachgefragt als Hardware-orientierte Profile, die so genannten Technicians. Allerdings könnte die Nachfrage europäischer Firmen an IT-Spezialisten die Gewichte noch verlagern. Airbus hat zum Beispiel konkret Interesse angemeldet. Auch Unternehmen in Mittel- und Osteuropa sind potenzielle Arbeitgeber für IT-Spezialisten.

Der Ansatz der Arbeitsprozessorientierten Weiterbildung (Apo) birgt für Selbstständige und Arbeitslose die Schwierigkeit, ein Qualifizierungsprojekt am Arbeitsplatz, also in einem Unternehmen zu organisieren. Muss von dem Anspruch abgerückt werden, ein System für Arbeitnehmer, Selbstständige und Arbeitslose zu schaffen?

Dieser Anspruch hat nie bestanden. Das ITWS ist vor allem ein Konzept zur Personalentwicklung, das einen Arbeitsplatz voraussetzt. Sicherlich lassen sich Teile einer APO-Weiterbildung in einer Laborumgebung abbilden. Aber in der IT-Branche sind zum Beispiel Budgetkürzungen, sich ändernde Kundenwünsche oder technische Probleme bei der Implementierung einer neuen Software alltäglich. Das sind alles Dinge, die in der klinischen Umgebung eines Seminarraumes nicht vorkommen. Uns geht es um nachgewiesene Handlungskompetenz. Deshalb stehen die Beschäftigten im Fokus; sie sind die Hauptzielgruppe des ITWS.

Wie sieht diese Zielgruppe Ihrer Erfahrung nach genau aus?

An erster Stelle stehen die Absolventen der IT-Berufe und Quereinsteiger, die bisher noch über keinen IT-spezifischen Abschluss verfügen. Aber die Palette ist breit gestreut: Auslerner der E-Technik-Berufe gehören ebenso dazu wie Studienabbrecher unterschiedlichster Fachrichtungen. Selbst Absolventen der Informatikstudiengänge bilden sich mitunter zum IT-Spezialisten weiter, um methodisches und prozessorientiertes Know how zu erwerben. Das hat auch uns überrascht, ist eigentlich aber folgerichtig: Hochschulen bilden traditionell eher theorieorientiert aus und vernachlässigen den Praxis- und Projektbezug. Der wird aber in den Unternehmen dringend gebraucht.

Was sollte noch geschehen, um das ITWS besser und bekannter zu machen?

Es gibt in vielen Bereichen Nachholbedarf. So werden zum Beispiel voraussichtlich bis Herbst 2006 die Spezialistenprofile überarbeitet. So wie es aussieht, werden es dann weniger als 29 sein. Ein ganz wichtiger Punkt ist das Thema Marketing: Wir müssen die Marke „APO-IT“ und das Projekt „IT-Weiterbildung“ klarer kommunizieren. Aber auch dann gilt: Es wird nie so sein, dass man in Apo einsteigt wie in einen gewöhnlichen Fernlernkurs. Deshalb muss man marketingorientiert denken und den Menschen die Vorteile des Systems nahe bringen. Wir brauchen ein ganz griffiges Kommunikationskonzept, das darüber informiert, was das ITWS ist, was es bringt und was es kostet. Wir brauchen weniger bildungspolitische Grundsatzdiskussionen und mehr produktorientiertes Denken.

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