Hygiene im Haushalt: Antibakterielle Ausrüstung Meldung

Die Industrie macht mobil: Mit einer antibakteriellen Ausrüstung von Artikeln des Tages- und Haushaltsbedarfs sollen angebliche Infektionsgefahren gebannt werden. Das ist unnötig. Erhöht wird nur das Allergierisiko, sagen kritische Hygieniker.

Der Milliardär, Erfinder und Sonderling Howard Hughes fürchtete die wahren Herrscher der Welt mehr als alles andere: Abgeschottet versuchte er jahrzehntelang, möglichst keimfrei zu leben. Donald Trump, dessen Häuser in den Himmel wachsen, hasst die unsichtbaren Winzlinge ebenfalls. Er meidet das Händeschütteln und hatte laut New York Post bei seiner früh beendeten Präsidentschaftskampagne stets ein paar Flaschen mit einer antibakteriell wirkenden Reinigungsflüssigkeit bei sich.

Hierzulande tanzen im Werbefernsehen glückliche Hausfrauen durch blitzblanke Küchen, jonglieren mit Begriffen wie "sauber" und "rein". Seit einiger Zeit werden Werbesprüche und Produkte immer häufiger mit dem Begriff "antibakteriell" garniert, vorwiegend bei Haushaltsreinigern. Hersteller versuchen, in unserem Alltag einen neuen Trend gegen die Kleinstlebewesen zu etablieren: Bakterien, Viren, Pilzen und anderen Mikrolebewesen soll es verstärkt an den Kragen gehen.

Antibakteriell ausgerüstete Produkte werden vor allem mit Hinweis auf die ansteigenden Lebensmittelinfektionen, auf die zunehmend älter und damit infektionsanfälliger werdende Bevölkerung und mit Hinweisen auf wissenschaftliche Literatur begründet.

Bedrückendes Szenario

Hygiene im Haushalt: Antibakterielle Ausrüstung Meldung

Teilweise sehr weitgehende "Hygieneratschläge" veröffentlicht zum Beispiel das International Scientific Forum on Home Hygiene (IFH) in Großbritannien: Toilettenbecken, Siphons, Abwaschschüsseln, Abtropfbretter werden dort als Reservoir und Weiterverbreiter von Krankheits-erregern definiert. Das IFH empfiehlt "Desinfektionsmittel mit Langzeitwirkung". Tücher und Utensilien zur Nassreinigung sollten nach IFH-Vorstellungen mindestens täglich entkeimt werden (heiße Wäsche, Auskochen oder Desinfektionsmittel). Weitere regelmäßige Desinfektionsmaßnahmen legt es für die Hände, den Küchenbereich (Arbeitsflächen, Wasserhähne, Kühlschrank) und den Sanitärbereich (Wasserhähne, Toilettensitze) fest. Auch alle von Kleinkindern beschmutzten Flächen (Tränen, Speichel, Erbrochenes, Urin, Fäkalien) und die Aufenthaltsbereiche von Haustieren müssen laut IFH desinfiziert werden ­ und selbstverständlich auch jedes Spielzeug, bevor es von einem weiteren Kind benutzt werden darf. Immerhin stellt das IFH fest, dass es "unmöglich und nicht erstrebenswert (ist), die normale, residente mikrobielle Flora des Körpers auszurotten".

Ein bedrückendes Szenario eröffnet sich so an der "Haushaltsfront", doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Wurden gereinigte häusliche Flächen in Küche, Bad- und Sanitärbereich sowie Gebrauchsgegenstände mikrobiologisch untersucht, konnte bisher stets Entwarnung gegeben werden. Regelmäßig zeigte sich, dass gerade die für Lebensmittelinfektionen wichtigen Krankheitserreger dort so gut wie keine Rolle spielen: Es gibt zum Beispiel keine objektiven Belege dafür, dass sich Lebensmittelinfektionen durch zusätzliche, über eine gründliche Reinigung hinausgehende Maßnahmen vermeiden ließen. "Antibakterielle" Reinigungs- und Handspülmittel sind deshalb überflüssig.

Kochen, waschen, trocknen

Obwohl in Küchen- und Sanitärbereichen an manchen Stellen erhebliche Keimzahlen zu finden sind, besteht kein Grund für spezielle Hygienemaßnahmen: Die hier vertretenen Arten stellen in Privathaushalten kein besonderes Risiko dar. Orte mit hohen Keimzahlen sind zum Beispiel alle "nassen" Stellen wie Wischlappen, Schwämme, Waschlappen, Spülen, Waschtische, Armaturen und Handtücher. Arbeits- und Bodenflächen, sogar das WC ­ inklusive Sitz und Wasser in der Kloschüssel ­ zählen sogar zu den keimärmsten Stellen im Haushalt überhaupt. Generell sind im Küchenbereich höhere Keimzahlen als im Sanitärbereich zu finden. Es gibt aber keine Hinweise auf Gesundheitsgefahren, die konkret von solchen Stellen ausgehen.

Lebensmittelinfektionen, die in den letzten beiden Jahrzehnten stark zugenommen haben, werden in erster Linie durch bereits primär mit Krankheitserregern kontaminierte Nahrungsmittel, durch Keimverschleppung während der Zubereitung und Temperaturfehler verursacht. Vor allem aber durch
• fehlende oder mangelhafte Kühlung,
• zu langsame Abkühlung, ungenügende Erhitzung beim Kochen und Aufwärmen,
• lang dauerndes Warmhalten bei zu niedriger Temperatur.

Eine ähnliche Entwarnung gilt für das Wäschewaschen: Im Vergleich zu früher hat sich die Leistungsfähigkeit von Waschmaschinen und Waschmitteln deutlich verbessert. Alle Infektionsfälle, die im Haushaltsbereich dokumentiert sind, liegen Jahrzehnte zurück, etwa von Staphylokokken-Übertragung. Bei ordnungsgemäßer Bedienung der Waschmaschine (richtige Dosierung des Waschmittels, keine Überladung) können im Haushaltsbereich nach heutiger Erkenntnis über die Wäsche keine Infektionen übertragen werden. Besonders hohe hygienische Sicherheit besteht bereits bei Waschtemperaturen über 60°C und beim Einsatz von bleichmittelhaltigen Waschmitteln. Auch bei niedrigen Waschtemperaturen sind keine Erkrankungen zu befürchten. Zusätzliche Sicherheit bringt das Trocknen, das den Keimgehalt nochmals deutlich reduziert. Aus hygienischen Gründen ist es nicht erforderlich, die Wäsche zu kochen.

Spezielle Wäschedesinfektionsmittel oder "antimikrobielle" Zusätze sind deshalb in diesem Bereich ebenfalls überflüssig. Gegen "antimikrobielle" Textilien können die gleichen Bedenken hervorgebracht werden. Vorteile sind nicht nachgewiesen.

Allergierisiko

Durch die antibakterielle Ausrüstung von Haushaltsprodukten scheint eher eine neue Gefährdung zu entstehen: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass zwischen "zu viel Hygiene" und der Anfälligkeit für allergische Krankheitsbilder ein Zusammenhang bestehen könnte: Von einer Reihe "antibakterieller" oder desinfizierender Substanzen ist bekannt, dass sie Allergien auslösen können.

Stoffe: Benzalkoniumchlorid

Ein professioneller Desinfektionsstoff hat seinen Weg in die Privathaushalte gefunden. Benzalkoniumchlorid ist zum Beispiel in "Der General Antibakteriell" von Henkel enthalten. Bei einer neueren Studie an 11.485 Allergiepatienten stand für die Frauen dieser Untersuchungsgruppe das Benzalkoniumchlorid unter den allergieauslösenden antimikrobiellen Stoffen an dritter Stelle. Benzalkoniumchlorid gilt im Bereich des Arbeitsschutzes in Deutschland "nach gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen" als sensibilisierender Stoff, bei dem ein Hautkontakt unbedingt zu vermeiden ist. Nach der Gefahrstoffverordnung muss es allerdings bislang noch nicht als sensibilisierend gekennzeichnet werden.

D-Limonen

Wegen seiner pflanzlichen Herkunft wird das zum Beispiel aus Orangenschalen gewonnene D-Limonen von Herstellern gern als "völlig unbedenklich und natürlich" charakterisiert. D-Limonen ist zwar im Frischzustand nicht allergen. Bei den schnell einsetzenden oxidativen Alterungsprozessen entstehen aber stark sensibilisierende Stoffe. D-Limonen wird nach Ermittlungen des Instituts für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Freiburg in "antibakteriellen" Handspülmitteln eingesetzt, zum Beispiel in Palmolive Antibakteriell. Das in einem anderen Handgeschirrspülmittel verwendete Geraniol ist ebenfalls ein natürlicher Pflanzeninhaltsstoff mit "antibakteriellem" Potenzial. Geraniol ist ein bekanntes Allergen.

Triclosan

Der Wirkstoff Triclosan wird in Zahncremes verwendet: Obwohl in der Literatur sechs Fälle beschrieben sind, wird Triclosan von den jeweiligen Herstellern noch immer als generell nicht allergisierend bezeichnet.

Damit nicht genug: Im Haushaltsbereich haben "antibakterielle" Produkte zwar meist eine geringe Wirkstoffkonzentration. Erreichen solche Produkte aber wesentliche Marktanteile, entsteht ein beträchtliches Potenzial für Resistenzen durch Desinfektionsmittel.

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