Wenn Ärzte eine Krankheit nicht mehr heilen können, unterstützen Hospizdienste Schwerkranke und ihre Familien.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 300 000 Menschen neu an Krebs. Schätzungen zufolge leiden mehr als 200 000 Krebspatienten unter behandlungsbedürftigen Tumorschmerzen. Besonders im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung stehen Schmerzen und andere schwere Symptome wie Atemnot, Übelkeit und Schwäche im Mittelpunkt der Behandlung. Angesichts der existenziellen Krise können auch Ängste und seelische Nöte die Schwerkranken belasten. Entsprechend ist vor allem in der letzten Lebensphase eine umfassende Betreuung von Tumorpatienten erforderlich, die weit über die medizinische Regelversorgung hinausgeht. Palliativ- und Hospizeinrichtungen können hier Unterstützung anbieten.

Beschwerden lindern

Wenn eine krankheitsspezifische Behandlung keine Heilung mehr verspricht, sorgt die Palliativmedizin dafür, Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität von Schwerkranken zu verbessern. Der Begriff leitet sich vom lateinischen pallium (Mantel, Überwurf) ab. Er verdeutlicht das Anliegen der Betreuer, Patienten auch in Zeiten einer schweren Erkrankung ein Leben in Geborgenheit zu ermöglichen.

Die meisten palliativmedizinisch betreuten Patienten sind krebskrank. Aber auch andere unheilbar Kranke können eine solch umfassende Behandlung und Begleitung nötig haben. Das betrifft zum Beispiel Patienten mit Aids sowie schweren neurologischen Erkrankungen. Viele Grundsätze der Palliativmedizin können auch schon in frühen Krankheitsstadien zusammen mit der auf Heilung zielenden Therapie eingesetzt werden.

Oft vernachlässigt

Die moderne Palliativmedizin hat sich aus den Anliegen der Hospizbewegung entwickelt. Als ihre „Geburtsstunde“ gilt die Gründung des St. Christopher’s Hospice durch Cicely Saunders 1967 in London. Die Krankenschwester und Ärztin hatte festgestellt, dass Schwerkranke und Sterbende in einem auf Heilung ausgerichteten Gesundheitssystem menschlich und medizinisch oft vernachlässigt werden. Aus dieser Erkenntnis entstand die Idee, diesen Patienten und ihren Angehörigen eine umfassende medizinische, pflegerische, psychische, soziale und spirituelle Betreuung anzubieten.

Wieder lebenswert

Die Hospizidee und die Palliativmedizin stehen ausdrücklich im Gegensatz zur Sterbehilfe. Sie wollen die Lebensqualität von Menschen verbessern, deren Beschwerden so belastend sein können, dass ihnen das Leben unerträglich erscheint. Mit Medikamenten und physikalischen Therapien wie Lymphödembehandlung oder Krankengymnastik können die Symptome so weit gelindert werden, dass wieder andere Gedanken und Tätigkeiten möglich sind und das Leben wieder als lebenswert empfunden wird.

Die Hospizbewegung orientiert sich in erster Linie an den Wünschen Schwerkranker, Sterbender und ihrer Angehörigen. In verschiedenen Umfragen haben 80 bis 90 Prozent der Befragten den Wunsch geäußert, zu Hause zu sterben. Die meisten Hospizdienste sind deshalb ambulant tätig und betreuen die Kranken in ihrer vertrauten Umgebung.

Dort lassen sich auch am ehesten die anderen vordringlichen Wünsche Sterbender realisieren, die, so der Leiter des Stuttgarter Hospizes und Palliativmediziner Johann-Christoph Student, den Kern aller Wünsche bilden: Sie wollen in den letzten Tagen des Lebens nicht allein sein, sie wollen ohne Schmerzen sterben, sie wollen wichtige Dinge noch zu Ende bringen und sie wollen sich mit dem Sinn des Lebens auseinander setzen.

Ambulante Hospizdienste

Zu Hause bleiben können die Patienten allerdings nur, wenn Angehörige oder Freunde da sind, die sich um sie kümmern. Notwendig ist auch die Unterstützung des Hausarztes und eines Pflegedienstes, denn Hausarbeiten oder Pflegeleistungen übernehmen die Hospizdienste nicht. Sie wollen den Kranken in erster Linie Gesellschaft leisten, sie bei der Bewältigung ihrer Situation unterstützen oder auch einfach ein wenig Abwechslung in ihren Alltag bringen, zum Beispiel mit ihnen musizieren oder Karten spielen. Die Mitarbeiter von ambulanten Hospizdiensten besuchen auch Menschen im Pflegeheim oder Krankenhaus.

Stationäre Hospize

Stationäre Hospize betreuen in der Regel Patienten, die allein leben. Die Aufnahme in ein Hospiz kommt aber auch infrage, wenn die Familie der Belastung nicht mehr gewachsen ist, den Kranken selbst zu versorgen. Im Hospiz sind rund um die Uhr examinierte Pflegekräfte im Einsatz. Durch eine gute personelle Ausstattung, wohnlich gestaltete Räume und das Eingehen auf unterschiedliche Bedürfnisse geben sie den Patienten Raum zur individuellen Gestaltung der letzten Lebensphase. Die medizinische Betreuung übernehmen niedergelassene Ärzte.

Es gibt auch einige Hospize, die sich speziell an Kinder mit einer unheilbaren Krankheit und deren Familien richten. Neben der symptomlindernden Pflege und Behandlung bieten Kinderhospize Eltern und Geschwistern der kleinen Patienten während der Krankheitsphase Entlastungsmöglichkeiten und Zeit für Erholung. Sie wollen aber auch die Familie und ihr Kind auf das bevorstehende Lebensende vorbereiten und die letzte Lebensstrecke so würdevoll und erfüllt wie möglich gestalten.

Palliativstationen

Auf einer Palliativstation werden Patienten mit schwerwiegenden Krankheitssymptomen und akuten medizinischen Problemen behandelt. Ziel ist, ihre krankheits- und therapiebedingten Beschwerden zu lindern und ihren Zustand so zu stabilisieren, dass sie wieder in ihr gewohntes Umfeld entlassen werden können. Auf der Station arbeitet ein Team spezialisierter Ärzte und Pfleger gemeinsam mit Sozialarbeitern, Seelsorgern, Psychologen und weiteren Therapeuten. Die Räume sind in der Regel wohnlicher gestaltet als auf einer regulären Krankenhausstation und für die Patienten gibt es sowohl Rückzugsmöglichkeiten als auch Angebote zur Teilnahme an sozialen Aktivitäten. Vereinzelt betreuen auch ambulante Palliativdienste Patienten zu Hause.

Ehrenamtliche Helfer

Auch Hospize arbeiten mit interdisziplinären Teams. Insbesondere Sozialarbeiter, Seelsorger und Pfleger begleiten die Kranken, Sterbenden und ihre Familien und unterstützen sie bei ihrer Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben, Abschied und Trauer. Die ambulanten Hospizdienste werden im Wesentlichen vom Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter getragen. Hauptamtliche Kräfte koordinieren die Tätigkeit der psychosozial geschulten freiwilligen Helfer. Stationäre Hospize beschäftigen neben Sozialarbeitern Pflegekräfte mit einer Spezialausbildung in palliativer Pflege. Auch sie kooperieren mit ehrenamtlichen Helfern.

Der Bedarf steigt

Fachleute sehen mit der Zunahme allein stehender älterer Menschen einen steigenden Bedarf an spezialisierten medizinischen, pflegerischen, psychosozialen und seelsorgerischen Diensten. In Deutschland fand die Hospizidee in den vergangenen Jahren zunehmend Verbreitung und Akzeptanz. Das Bundesministerium für Gesundheit unterstützte im Rahmen eines Modellprojekts die Förderung von Palliativstationen. An den Universitäten in Aachen, Bonn und München gibt es inzwischen einen Lehrstuhl für Palliativmedizin. In München und Bonn ist die Palliativmedizin vom Spezialgebiet, das im Verborgenen dämmerte, jetzt auch zum Pflicht- und Prüfungsfach für angehende Ärzte geworden. Immer häufiger bieten auch Ärztekammern palliativmedizinische Fortbildungsveranstaltungen an, und das Interesse praktizierender Hausärzte an solchen Kursen hat spürbar zugenommen.

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