Hormonersatztherapie: Vor dem Aus?

In den USA wurde eine wissenschaftliche Studie zur Hormonersatztherapie vorzeitig beendet. Die Risiken waren größer als der medizinische Nutzen. Was bedeutet das für Frauen in Deutschland?

Für die Wechseljahre habe ich keine Zeit“. Darunter das Foto einer Frau um die 50, schickes Kostüm, Baupläne unter dem Arm – das Klischee einer Karrierefrau. Mit solchen Anzeigen wirbt die Pharmaindustrie unter Ärzten für ihre Östrogenpräparate. Und suggeriert: Ohne Hormone läuft rund um die Menopause nichts.

Doch was bringt die Hormonersatztherapie wirklich? Fest steht: Sie lindert psychische und körperliche Begleiterscheinungen der Wechseljahre wie Depressionen, Hitzewallungen oder das Austrocknen der Scheide. Für diese Indikation ist die Wirksamkeit gut untersucht.

Von den Hormongaben erhofft man sich aber auch, dass sie gegen Schlaganfall, Herzinfarkt und Osteoporose vorbeugen. Hier waren gute Studien jedoch bisher Mangelware. Eine amerikanische Untersuchung der Women’s Health Initiative (WHI) wollte dies klären. Dabei stellte sich heraus, dass bei der langfristigen Einnahme von Hormonen zur Prävention chronischer Krankheiten die Nachteile offenbar größer sind als der Nutzen. Deshalb wurde die Studie nach fünf Jahren abgebrochen – drei Jahre vor dem geplanten Studienende.

Von den 16 600 gesunden Frauen zwischen 50 und 79 Jahren, die sich an der Studie beteiligten, nahm die Hälfte ein Kombinationspräparat aus Östrogen und Gestagen ein („Prempro“) – das Östrogen wirkt gegen Wechseljahrsbeschwerden, das Gestagen verhindert ein Wuchern der Gebärmutterschleimhaut. Die andere Hälfte der Frauen bekam, wie in solchen wissenschaftlichen Studien üblich, ein Scheinmedikament.

Gefährliche Überraschung

Gegenüber dieser unbehandelten Gruppe stiegen in der Hormongruppe die Brustkrebs- und Throm­bosezahlen leicht an. Alle bisherigen Untersu­chungen waren schon zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Überrascht wurden die Wissenschaftler jedoch von den zusätzlichen Herzinfarkten und Schlaganfällen, denn eigentlich hatten sie einen Schutzeffekt der Hormone erwartet. Allerdings zeigten schon zuvor zwei andere große Studien: Die medikamentös verab­reichten Hormone schützen herzkranke Frauen nicht vor einem weiteren Infarkt, sondern begünstigen ihn vielleicht sogar. Immerhin schützt die Hormonersatztherapie, das ergab die WHI-Studie auch, die Knochen und verringert das Darmkrebsrisiko.

Eine separate Studie mit 10 700 Frauen, die ein reines Östrogenpräparat einnehmen, wird fortgesetzt. Diese Behandlung ist Frauen vorbehalten, die keine Gebärmutter mehr haben. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind Nutzen und Risiken noch nicht sicher gegeneinander abzuwägen. Die Forscher erhoffen sich ein klares Ergebnis mit dem Ende der Studie im Jahr 2005. Dann können sie auch erst mit Sicherheit sagen, ob die Risiken der Kombinationstherapie eher dem Östrogen oder dem Gestagen zuzuschreiben sind.

Das untersuchte Präparat „Prempro“ nehmen in den USA 85 Prozent aller Frauen ein, die eine Hormonersatztherapie mit einem Kombinationspräparat bekommen. In Deutschland wird ein breites Spektrum verschiedener Hormonmittel verordnet. Der Anteil von Medikamenten mit der in der Studie überprüften Kombination ist hierzulande relativ gering. Ärzte, Behörden und die Pharmaindustrie versuchen nun einzuschätzen, was die Studienergebnisse für die viereinhalb Millionen Frauen in Deutschland bedeuten, die in und nach den Wechseljahren Hormone einnehmen.

Langjähriger Einsatz nicht sinnvoll

Fachleute sind sich noch nicht einig, ob die Ergebnisse auch für andere Präparate mit anderen Hormonkombinationen und anderen Dosierungen gelten. In Deutschland gebräuchliche Medikamente sind so bisher nicht untersucht worden. Das aber bedeutet nicht automatisch, dass sie unschädlich sind. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geht deshalb erst einmal auf Nummer Sicher: „Die Annahme, dass die in der WHI-Studie ... erhobenen Befunde auch auf andere Östrogen-Gestagen-Behandlungsregime übertragbar sind, liegt nahe.“ Ihr langjähriger Einsatz zum Zweck der Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen „erscheint nach dieser Studie keinesfalls mehr sinnvoll.“

Ähnlich vorsichtig äußern sich die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, so die Endokrinologen, sprechen die Risiken gegen eine präventive Verwendung von Hormonen zum Schutz der Gesundheit und vor Alterserscheinungen, also als „Lifestyle-Medikation“. Die kurzfristige Behandlung von starken Wechseljahrsbeschwerden wie Schlaflosigkeit, Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen halten die meisten Experten hingegen weiterhin für vertretbar. Entscheidend sei aber, so Professor Hans Georg Bender, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, für jede Patientin eine individuelle Diagnose zu stellen und für sie persönlich alle Vor- und Nachteile abzuwägen.

Durch gezielte Fragen und einige einfache Untersuchungen kann der Arzt schon abschätzen, welche Frauen möglicherweise ein erhöhtes Risiko haben, meint auch Professor Martina Dören vom Klinischen Forschungszentrum Frauengesundheit der Freien Universität Berlin. Sie sagt: „Brustkrebs bei Verwandten ersten Grades sowie Herzinfarkte und Thrombosen in der Familie erhöhen das jeweilige Risiko einer Frau für eine dieser Erkrankungen.“

Angaben zur eigenen Krankengeschichte und zum Lebensstil, regelmäßige Gesundheitschecks, Blutdruckmessen, die Überprüfung von Stoffwechselwerten geben Hinweise auf eine Gefährdung. Mithilfe einer speziellen, allerdings sehr teuren Blutuntersuchung kann auch die Neigung zu Blutgerinnseln ermittelt werden. Ohnehin erscheint es sinnvoll, so Professor Bender, nicht nur den Frauenarzt, sondern auch einen Internisten um Rat zu fragen.

Patientinnen mit chronischen Leberfunktionsstörungen und östrogenabhängig wachsenden Tumoren, wie Brustkrebs oder Gebärmutterschleimhautkrebs sollten keine Hormone einnehmen. Einige Internisten warnen auch vor der Hormonbehandlung von Diabetikerinnen.

Gegen chronische Krankheiten gibt es wirksame und unschädliche Präventionsstrategien: Körperliche Aktivität schützt Herz, Gehirn, Gefäße und stärkt die Knochen. Abspecken, Normalisierung des Fettstoffwechsels und Abschied von der Zigarette sind gut fürs Herz-Kreislauf-System, und Kalzium erhält die Knochengesundheit.

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