Honig und Gentechnik Meldung

Deutsche Imker, Gentechnik-Kritiker und Verbrau­cher freuen sich: Honig, der auch nur Pollenspuren von genetisch veränderten Pflanzen enthält, darf nur noch mit vorheriger Zulassung in den Handel. So hat es der Europäische Gerichts­hof (EuGH) jetzt entschieden. Damit bestätigt er für Honig die Forderung nach einer „Null-Toleranz“-Regelung für jegliche Spuren genetisch veränderten Materials. Das Urteil hat weitreichende Folgen für den Markt und die Verbraucher. test.de klärt auf.

[Update 04.11.2014] Der Sach­stand zu diesem Thema hat sich geändert. Lesen Sie dazu die aktuel­lere Meldung: Gentechnik in Honig: Europaparlament stellt alte Regelung wieder her. [Update Ende]

Imker aus Augs­burg setzt sich durch

Honig mit Pollen, die von genetisch veränderten Pflanzen stammen, darf nicht mehr verkauft werden. Ausnahme: Der Honig hat eine spezielle Zulassung und ist entsprechend gekenn­zeichnet. Das hat der Europäische Gerichts­hof (EuGH) klar gestellt. Bislang wurden Pollen genetisch veränderter Pflanzen im Honig hingenommen. Denn sie galten als zufäl­lig und unver­meid­bar, weil die Bienen Nektar von gentech­nisch veränderten Pflanzen sammeln und dabei Pollen dieser Pflanzen mitnehmen. Doch 2005 hatte ein Imker aus Augs­burg auf Schaden­ersatz geklagt. Der Anlass: In seiner Honigernte waren Pollen von genetisch verändertem Mais der Sorte MON 810. Den Mais hatte der Frei­staat Bayern auf einem Versuchs­feld in der Nach­barschaft angebaut. Der Imker, der seinen Honig aus eigenen Stücken vernichtete, hat nun durch das EuGH-Urteil die Aussicht auf Schaden­ersatz.

Bisherige Rechts­lage

Bislang musste „gentech­nisch verändert“ nur auf Lebens­mitteln stehen, wenn der Anteil an gentech­nisch veränderten Organismen (GVO) im Produkt mehr als 0,9 Prozent betrug. Lag er darunter und war er zufäl­lig oder tech­nisch unver­meid­bar, galt keine Kenn­zeichnungs­pflicht.

Pollen sind jetzt eine „Zutat“

Das Urteil des EuGH markiert eine Kehrt­wende von der bisherigen Rechts­auffassung. Der Schwellen­wert von 0,9 Prozent traf für Honig praktisch nie zu. Denn Honig enthält insgesamt nur 0,1 bis 0,5 Prozent an Pollen. Davon wiederum kann nur ein minimaler Anteil über­haupt gentech­nisch verändert sein und ist somit nur sehr schwer aufzuspüren. Neu ist: Seit dem Urteil gelten solche Pollen als „aus GVO hergestellt“ und als „Zutat“ im Honig. Damit beschreitet der EuGH Neuland, denn diese Zutat wird weder absicht­lich in den Honig gegeben noch wirkt sie sich qualitativ aus. Nun fallen dadurch auch Spuren von GVO-Pollen unter die Zulassungs­pflicht. Somit ergeben sich folgende Fälle:

  • Eine genetisch veränderte Pflanze ist für Lebens­mittel zugelassen. In diesem Fall erstreckt sich die Zulassung nun auch auf Honig. Er darf dann verkauft werden, unterliegt jetzt jedoch der üblichen Kenn­zeichnungs­pflicht.
  • Eine genetisch veränderte Pflanze ist für Lebens­mittel nicht zugelassen. In diesem Fall führen nun bereits Spuren von GVO-Pollen im Honig dazu, dass der Honig nicht verkauft werden darf.

Einschnitt für den deutschen Honigmarkt

Betroffen sind in erster Linie Honige aus Nicht-EU-Ländern. Trotzdem ist das Urteil auch für den deutschen Honigmarkt einschneidend. Denn 80 Prozent der hier verkauften Honige stammen aus Importen. Der hiesige Honig könnte die große Nach­frage nicht decken. Immerhin verzehrt jeder Bundes­bürger im Jahr 1,5 Kilogramm Honig. Bedeutend sind die Importe aus Kanada, Argentinien und Brasilien – alles Länder, in denen genetisch veränderte Nutz­pflanzen wie Mais, Raps und Soja legal angebaut werden. In Deutsch­land spielt Gentechnik in der Land­wirt­schaft hingegen kaum eine Rolle; in Frei­land­versuchen werden genetisch veränderte Pflanzen lediglich auf Ackerflächen von insgesamt 10 Hektar angebaut. Zum Vergleich: Die gesamte land­wirt­schaftlich genutzte Fläche beträgt 16 Millionen Hektar. Daher schließt das Bundes­ministerium für Ernährung, Land­wirt­schaft und Verbrauch­schutz (BMELV) auch nahezu aus, dass in Deutsch­land gewonnener Honig des Jahr­gangs 2011 Pollen von genetisch veränderten Pflanzen enthält.

35 Honige im Test

Die Stiftung Warentest hat 2009 mit aktuellen Analysemethoden 35 Honige untersucht siehe Test Honig. Dabei fand sie keinen Hinweis auf gentech­nisch veränderte Pollen. Auf dem Prüf­stand standen auch zahlreiche Produkte, die nicht aus Deutsch­land oder der EU stammten. Bei einer solchen Moment­aufnahme kann sich von Glas zu Glas in punkto gentech­nisch veränderter Pollen ein anderes Bild ergeben. Zudem verteilen sich die wenigen Pollen nicht gleich­mäßig im Honig.

Klarheit für die Verbraucher

Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass gentech­nisch veränderte Pollen gesund­heits­schädlich wirken. Allerdings befürchten Umwelt­schützer Nachteile für das Ökosystem. Wichtige Folge des Urteils: Der Verbraucher wird jetzt die Wahl­freiheit erhalten, zu Honig von gentech­nisch veränderten Pflanzen zu greifen oder nicht.

Heraus­forderung für die Anbieter

Honig-Importeure haben es künftig schwerer: Sie müssen sicher­stellen, dass keine GVO-Pollen in den Produkten sind. Das bedeutet: viele Analysen und trotzdem keine absolute Sicherheit. Das liegt auch daran, dass die Nach­weis-Methoden nicht einheitlich sind. Offen ist noch, wie ein Anbieter einen Honig mit gentech­nisch verändertem Pollen über­haupt zulassen kann. Abzu­warten bleibt auch, ob durch die neue Rechts­lage nun vermehrt filtrierter Honig in den Handel gelangen wird. Bei der Filtration gehen dem Honig Pollen verloren. Das hat negative Folgen: So lässt sich der Nach­weis auf GVO-Pollen noch schwieriger führen. Und ohne Pollen lässt sich kaum über­prüfen, ob ein Honig für Sortenbezeichnungen wie Akazie, Raps, Sonnenblume typisch ist. Über Pollen führen Honig­experten – wie auch bei den Unter­suchungen der Stiftung Warentest – nämlich nicht nur den bota­nischen, sondern auch den geografischen Herkunfts­nach­weis. Auf Honigetiketten muss die Filtration zwar angegeben sein, sie lässt sich aber nicht immer belegen. Bei Honiglieb­habern kommt filtrierter Honig ohnehin nicht auf den Tisch: Für sie hat ein solcher Honig seinen natürlichen Charakter verloren.

Politische Konsequenzen

Das Verbraucher­ministerium will das Urteil prüfen und mit den zuständigen Über­wachungs­behörden der Länder über Konsequenzen beraten. Zudem soll ein einheitliches Vorgehen in den EU-Ländern abge­stimmt werden. Für die amtliche Lebens­mittel­über­wachung in Deutsch­land ergeben sich möglicher­weise neue Kontroll-Schwer­punkte. Darüber hinaus ist geplant, herkömm­liche Ackerflächen besser von denen mit genetisch veränderten Pflanzen zu trennen. Das alles sind gute Pläne – die Umsetzung wird aber nicht ganz einfach sein.

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