Homöopathie Meldung

Bei vielen Ärzten ist Homöopathie eine feste Größe. Doch die wissenschaftliche Datenlage ist zwiespältig: Hinweise für Wirksamkeit gibt es, aber Beweise fehlen.

Bei Allergien hat es funktioniert und bei Hautausschlag, bei Schmerzen und See­krankheit. Die Liste der Krankheitsbilder mit wissenschaftlich erbrachten, schwachen Wirksamkeitshinweisen nach einer Behandlung mit Globuli und hochverdünnten Tropfen ist lang. Die von Professor Edzard Ernst, Universität Exeter, Cornwall, England, erstellte Liste (siehe „Indikationen von A bis Z“) umfasst zurzeit 37 Indikationen. Obwohl in homöopathischen Mitteln (fast) nichts drinsteckt, steckt offensichtlich etwas dahinter.

Allerdings: Hinweise sind keine Beweise. Hinweise geben eine Orientierung, genügen aber in der modernen Medizin nicht, um der Homöopathie als genereller Therapie den wissenschaftlichen Segen zu erteilen. Wissenschaftliche Kriterien fordern wiederhol- und überprüfbare Wirksamkeitsbeweise (siehe „So wird Wirksamkeit nachgewiesen“). Kassen wünschen sie, damit Patienten effektiv behandelt werden können, für unwirksame oder unsichere Therapien wird kein Geld ausge­geben.

In der Schweiz politisch entschieden

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Homöopathische Mittel, Globuli und Tropfen, werden nach dem „Homöopathischen Arzneibuch“ hergestellt. Homöopathika entstehen unter anderem aus „Ursubstanzen“: zum Beispiel Mineralien, Pflanzen, Tieren. Beim Verdünnen wird die Zubereitung „verschüttelt“.

In der Schweiz wählten die Bürger den po­litischen Weg, alternativen, ergänzenden Medizinverfahren offizielle Anerkennung zuteil werden zu lassen: 67 Prozent der abstimmenden Eidgenossen sprachen sich im Mai per Volksab­stimmung dafür aus, im Gesundheitswe­sen ergänzende, alternative Medizinverfahren zu berücksichtigen – festgelegt als Verfassungsartikel. Homöopathie, Anthroposophie, Neuraltherapie und Traditionelle Chinesische Medizin waren 2005 aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung entfernt worden. Nun sollen sie zurückkehren. Wie in Deutschland muss in der Schweiz bei Diagnose und Therapie als Kassenleistung der Nachweis der Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit erbracht sein.

Homöopathie ist hierzulande die beliebteste alternative Heilmethode, in der gesetzlichen Krankenversicherung aber stark eingeschränkt, vor allem bei der homöopa­thischen Erstanamnese. Homöopathische Arznei wird zum Teil erstattet, es gibt Sonderverträge mit Kassenärzten oder zur „Integrierten Versorgung“. Private Krankenversicherungen zahlen für Homöopathisches laut Tarif (siehe auch Test Gesetzliche Krankenkassen, Test Alternative Medizin und Finanztest Spezial Gesundheit).

Suche nach Beweisen

In den letzten Jahren wurden zur alternativen Medizin zahlreiche Studien durchge­führt. Das Erkenntnismaterial ist reichhaltiger geworden. Professor Ernst beschäftigt sich seit Jahren mit Wirksamkeitsnachweisen für alternative und ergänzende medizinische Verfahren. Nach Auswertung von Studien fanden sich Wirksamkeitsbelege:

  • In der Pflanzenheilkunde bei Teufelskralle gegen Schmerzen am Bewegungsapparat, von Johanniskraut bei Depressionen.
  • Von Akupunktur bei bestimmten Arten von Schmerz­.
  • Belegt ist auch die Wirksamkeit von Massage bei Angstzuständen, von Hypnose bei Schlafstörungen, von autogenem Training bei Asthma, Ekzem oder Schlafstörungen.

Einzelnutzen, nicht als Ganzes

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Die Therapieregeln der Lehre werden heute oft großzügig ausgelegt und homöopathische Präparate vielfach ergänzend zur üblichen Medizin eingesetzt, so auch beim Kinderarzt.

Trotz vieler Wirksamkeitshinweise steht ein Nachweis der Wirksamkeit bei der Homöopathie aus. Beim Abwägen des Für und Wider zur Homöopathie als generelles Therapieverfahren haben laut Professor Ernst negative Bewertungen nun sogar mehr Gewicht als früher. „Homöopathie ist aufgrund der heutigen Datenlage eine widerlegte Methode“, sagte er in einem Interview mit dem Zürcher Tagesan­zeiger. Aber auch, dass wissenschaftliche Methoden an Grenzen stoßen – sie können bei hoher methodischer Qualität mit gewisser Wahrscheinlichkeit Wirksamkeit belegen, aber keinen Beweis für die Unwirksamkeit.

Bei der Bewertung der bisher durchge­führten Studien gab es ein Auf und Ab. In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde der Effekt der homöopathischen Therapie auch mit einer Scheinbehandlung verglichen. Im Jahr 1997 wertete eine Forschergruppe 89 derartige Studien aus. Berücksichtigt wurden homöopathische Behandlungen von 2 588 Personen und Studien zu 21 Krankheitsbildern. Das Fazit der Wissenschaftler: Eine homöopathische Behandlung sei im Schnitt zweieinhalbmal wahrschein­licher therapeutisch wirksam als eine Scheinbehandlung (Placebo).

Umstrittener „Meilenstein“

Homöopathen sahen darin einen Meilenstein zur Anerkennung ihrer Methode. Doch Kritik an dieser Untersuchung richtete sich vor allem darauf, dass pauschal die Ergebnisse „homöopathischer Behandlung“ herangezogen worden waren – unabhängig davon, welche Erkrankung wie behandelt wurde. Wenn bei einer speziellen Krankheit die Therapie mit einem homöopathischen Mittel erfolgreich war, so ist noch nicht gesagt, dass die Homöopa­thie auch als therapeutisches Konzept wirksam ist. Ob sich bei anderen Störungen mit anderen Homöopathika ein ähnlicher Erfolg einstellt, bleibt offen. Seit Veröffentlichung vor zehn Jahren wurden Studien mehrfach nach unterschiedlichen Kriterien ausge­wertet. Es zeigte sich: Der Studienaufbau beeinflusst das Ergebnis wesentlich – je wissenschaftlicher er gestaltet war, desto geringer waren die zu beobachtenden Effekte homöopathischer Behandlung.

Besser als Placebo? Die Datenlage

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Homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker nehmen sich für Befragung und Behandlung ihrer Patienten zudem oft relativ viel Zeit.

In elf weiteren Übersichtsarbeiten wurde spezifisch untersucht, ob homöopathische Mittel bei definierten Krankheitsbildern helfen: Bei Arthrose, rheumatischen Erkrankungen, bei chronischem Asthma, Muskelkater, bei postoperativem Darmverschluss, Migränevorbeugung, ADHS, Demenz, Krebs, Aids, Depression wirkten hochverdünnte Homöopathika nicht besser als Placebo. Auch die Wirkung homöopathischer Zubereitungen bei Muskelkater und Verletzungen wurde geprüft, ebenso Wirkung gegen Grippe sowie bei Schwindel. Es fanden sich Wirksamkeitshinweise. Einen Beleg für die therapeutische Wirksamkeit der Homöopathie als Methode sahen die Forscher dennoch nicht. Auch diesem Ergebnis wurde widersprochen.

Im Jahr 2005 erstellte ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern eine weite­re Studie zur homöopathischen Therapie in der Geburtshilfe. Sie spricht gegen eine Wirksamkeit. Eine weitere Übersicht bestätigte zudem die häufig vertretene Annahme nicht, Kinder sprächen besonders gut auf Homöopathie an. Erstellt wurden noch drei umfassende Arbeiten zur Datenlage. Schlussfolgerung: Es gibt derzeit keinen ausreichend begründeten wissenschaftlichen Nachweis, Homöopathie zu empfehlen. Die Daten stützten die These, klinische Effekte der Homöopathie beruhten auf Placeboeffekten. Anhänger der Homöopathie kamen dagegen zu dem Schluss einer belegten Wirksamkeit. Deren Analyse, so Professor Ernst, entspreche aber nicht den wissenschaftlichen Qualitätskriterien.

Tipp: Lassen Sie sich bei einer ernsten Krankheit stets zunächst schulmedizinisch untersuchen. Um keine Zeit zu verlieren, sollten Sie erprobte Therapien, die einen Wirksamkeitsnachweis haben, in Anspruch nehmen. Wenn Sie Homöopathie ergänzend oder unterstützend bei einem (anderen) Arzt oder Heilpraktiker wählen, sollte das dem behandelnden Arzt bekannt sein – schon wegen möglicher Nebenwirkungen.

10 000 Pfund für den Beweis

Simon Singh und Edzard Ernst, die Autoren des Buches „Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin?“ (Verlag Hanser Belletristik, 21,50 Euro), haben als Antwort auf Anfeindungen vor mehr als einem Jahr einen Preis ausgesetzt: Wer den wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit des Konzepts Homöopathie liefert, erhält von ihnen 10 000 Pfund, das sind etwa 11 500 Euro. Abgeholt hat sich das Preisgeld bisher allerdings noch niemand.

Patienten orientieren sich derweil am Sa­muel Hahnemann zugeschriebenen Spruch „Wer heilt, hat Recht“ – und profitieren wohl auch davon, dass sich Homöopathen oft viel Zeit für sie nehmen, das Befragen und Behandeln als Hinwendung und Handreichung begreifen (siehe auch www.alternative-heilmethoden-im-test.de).

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