Interview: Kein Ersatz für Effektives

Homöopathie Meldung

Professor Edzard Ernst, Universität Exeter in England, hat den seinerzeit weltweit ersten Lehrstuhl für alternative Medizin inne. Er forscht nach Wirksamkeitsbelegen auch für die Homöopathie.

Wie ist die wissenschaftliche Diskussion über Homöopathie in den vergangenen 50 Jahren verlaufen?

Seit es Homöopathie gibt, wird bezweifelt, dass ihre beiden Grundprinzipien („Ähnliches heilt Ähnliches“, „Weniger ist mehr“) wissenschaftlich nicht haltbar sind. Man hat mehr Wert gelegt auf wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit und den Wirkungsmechanismus erst mal auf Eis gelegt.

Wo liegen die Veränderungen bei der wissenschaftlichen Erkenntnis?

In den letzten Jahren haben sich die Qua­lität der Studien und deren Zusammenfassungen deutlich verbessert. Man begann zu differenzieren zwischen dem homöopathischen Mittel und der homöopathischen Patienten­befragung (Konsultation): Das eine mag wirken, das andere nicht.

Haben sich jetzt Hinweise auf eine Wirksamkeit erhöht oder verringert?

Die Studien und Reviews der letzten Jahre haben mit zunehmender Deutlichkeit die Wirksamkeit von Homöopathie widerlegt.

Liegen Studienergebnisse im Bereich von Placebo oder darüber?

Einige der rund 200 klinischen Studien zeigen Effekte, die über Placebo liegen. Bei dieser großen Anzahl ist das kaum anders zu erwarten. Die Mehrzahl der aussagekräftigen Studien spricht jedoch dafür, dass hochverdünnte Homöopathika reine Placebos sind.

Wie sind diese Effekte einzuordnen?

Placeboeffekte sind natürlich häufig hilfreich. Aber Placeboeffekte gibt es auch so: Ein mit Einfühlungsvermögen und Hinwendung verabreichtes Kopfschmerzmittel wird natürlich neben dem pharmakologischen auch einen Placeboeffekt hervorrufen.

Wie „geschieht“ Wirkung beim Tier?

Die Datenlage ist ähnlich wie beim Menschen, es kann Placeboeffekte geben, Studienergebnisse sind uneinheitlich, belegen in der Mehrzahl nicht die Wirksamkeit der Homöopathie.

Sind Homöopathika Vorbeugemittel?

Wenn Homöopathie als Alternative zur Impfung empfohlen wird, ist das ohne jeden wissenschaftlichen Nachweis und daher gemeingefährlich.

Es gibt Wirksamkeit bei Krankheiten.

Ein Schnupfen dauert mit Behandlung sieben Tage, ohne eine Woche. Vermeintliche Therapieerfolge können im Einzelfall viele Ursachen haben.

Können Urtinkturen schaden?

Sie können giftig sein (rezeptpflichtig). Auch Hochverdünntes kann großen Schaden anrichten – bei Einsatz statt nachweislich wirksamer Therapie.

Ist Homöopathie mehr Ergänzung?

Für Hahnemann waren diese Therapeuten „Verräter“. Heute sieht man das entspannter. Als Placebo ist natürlich der ergänzende Einsatz vorzuziehen.

Homöopathie ist in der Gesellschaft stark verankert – auch in Zukunft?

In Deutschland ist das wohl so. Zu hoffen wäre, dass Forderungen nach wissenschaftlicher Bestätigung an der Homöopathie nicht spurlos vorbeigehen. Sonst wäre sie keine Heilmethode, sondern ein Glaubensbekenntnis.

Ihre praktischen Empfehlungen?

Ich habe auf dem homöopathischen Bein begonnen, mich aber letztlich der Übermacht der Daten gebeugt. Ich hoffe, auch der Verbraucher ist lernfähig. Er sollte Geld für Mittel ausgeben, bei denen die therapeutische Wirksamkeit den Placeboeffekt eindeutig überwiegt.

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