Home Office Special

Blick in den Garten. Frank Meyersiek schätzt die Ruhe im Home Office. „In meinem Haus im Grünen zu arbeiten, gibt mir Flexibilität und mehr Zeit für Hobbys wie Mountain­biken.“

Viele Unternehmen erlauben Beschäftigten, von zu Hause aus zu arbeiten. Die gewinnen Zeit und Flexibilität. Bestimmte Regeln gelten aber auch im Home Office. test.de erklärt, welche Vorschriften Tele­arbeiter und ihre Arbeit­geber beachten müssen, und was in arbeits-, miet- und steuerrecht­licher Hinsicht für die Heim­arbeit gilt.

Jeden Tag über zwei Stunden auf der Straße

Gut 70 Kilo­meter liegen zwischen Frank Meyersieks Zuhause und seinem Platz im Groß­raumbüro. Um in die Firmenzentrale seines Arbeit­gebers zu gelangen, fährt er aus dem 600-Seelen-Dorf Wellie über Land­straßen, die Auto­bahn und durch die Innen­stadt von Hannover. Bis vor gut einem Jahr verbrachte der Programmierer Tag für Tag etwa zwei­einhalb Stunden auf der Straße.

Mehr Zeit für Familie und Hobbys

Inzwischen arbeitet er entspannter. Im Januar 2016 einigten sich Meyersiek und sein Arbeit­geber, die Concordia-Versicherung, auf ein neues Arbeits­modell. Seitdem pendelt der Programmierer nur noch zweimal pro Woche. Die restliche Zeit arbeitet er zu Hause. Statt stunden­lang im Stau zu stehen, wechselt er an diesen Tagen binnen Sekunden vom Früh­stücks- an den Schreibtisch. Das spart pro Woche etwa sieben­einhalb Stunden, die er für seine Familie und Hobbys nutzen kann.

„Hier schaffe ich mehr“

„Die neue Regelung hat für mich nur positive Seiten“, sagt der 49-Jährige. Er schätzt die ruhige Arbeits­atmosphäre im Erdgeschoss seines Einfamilien­hauses: „In unserem Groß­raumbüro in Hannover geht es oft laut und hektisch zu. Anrufe und Fragen von Kollegen unter­brechen die Konzentration. Hier schaffe ich mehr.“

Jeder achte Deutsche arbeitet von zu Hause aus

Rund 12 Prozent der Arbeitnehmer in Deutsch­land erledigen ihren Job ganz oder teil­weise von zu Hause aus. „Home Office“ heißen solche Modelle umgangs­sprach­lich. Personaler indes sprechen meist von Tele­arbeits­plätzen. Der Begriff stammt aus der Arbeits­stätten­ver­ordnung, einem Regel­werk, das die Sicherheit von Erwerbs­tätigen auch am heimischen Schreibtisch sichern soll. Tele­arbeit liegt danach vor, wenn Beschäftigte an Bild­schirm­arbeits­plätzen zu Hause Dienst tun, die vom Unternehmen einge­richtet wurden. Von alternierender Tele­arbeit spricht man, wenn sie, wie Meyersiek, zwischen Firma und Schreibtisch zu Hause wechseln.

Es könnte mehr Heim­arbeit geben

Deutsch­land hinkt im europa­weiten Vergleich bei Heim­arbeit hinterher. Laut Deutschem Institut für Wirt­schafts­forschung scheitert der Wunsch nach Heim­arbeit in den meisten Fällen an den Arbeit­gebern. Würden sie umdenken, so das DWI, könnte der Anteil der Heim­arbeiter auf über 30 Prozent steigen. Denn moderne Technologien, Smartphones und Laptops ermöglichen es Beschäftigten, fast von der ganzen Welt aus für ihre Firma zu arbeiten. Telefon- und Skype­konferenzen sind längst Stan­dard.

Kein Anspruch auf Home­office

In den Nieder­landen können Beschäftigte ein heimisches Büro gegen den Willen des Chefs durch­setzen, wenn die Firma mindestens zehn Mitarbeiter beschäftigt und der Job sich von zu Hause aus erledigen lässt. In Deutsch­land besteht kein verbindlicher Anspruch auf Home Office. Das letzte Wort hat hier noch immer der Vorgesetzte.

Als attraktiver Arbeit­geber punkten

Viele Firmen haben aber erkannt, dass sie als attraktive Arbeit­geber punkten, wenn sie der Belegschaft in Sachen Heim­arbeit entgegen­kommen. So auch die Concordia Versicherung. „Die Nach­frage ist groß, die meisten Anfragen kommen von Mitarbeitern mit langem Anfahrtsweg“, sagt Henning Meyer, Personalchef der Gesell­schaft. „Andere Kollegen wünschen sich Tele­arbeits­modelle, weil sich dadurch Beruf und Familie gut vereinbaren lassen.“ Um Rechts­sicherheit zu schaffen, hat die Versicherung die firmen­internen Rege­lungen zum Thema Home Office in einer Betriebs­ver­einbarung nieder­gelegt. Dort ist auch fest­gehalten, dass die Angestellten mindestens zwei Tage wöchentlich in der Firmenzentrale arbeiten müssen.

Nicht bei allen Tätig­keiten sinn­voll

Das Notebook aufklappen und die Büro­arbeit am Esstisch erledigen – so unkompliziert, wie sich einige die Tätig­keit im Home Office vorstellen, läuft es in der Praxis nicht. Ob ein Mitarbeiter tatsäch­lich zu Hause arbeiten darf, können Unternehmen stets individuell entscheiden. Das gilt selbst dann, wenn ein Tarif­vertrag oder eine Betriebs­ver­einbarung die Heim­arbeit grund­sätzlich erlaubt.

Unternehmen müssen Gleichbe­hand­lungs­grund­satz beachten

Nicht bei allen Tätig­keiten ist es sinn­voll, wenn ein oder mehrere Mitarbeiter sie zu Hause erledigen. Schreib­arbeiten etwa lassen sich oft problemlos ins Home Office verlegen, die Arbeit am Empfang nicht. „Bei der Entscheidung, ob Kollegen Tele­arbeit erlaubt wird oder nicht, müssen Unternehmen jedoch den Gleichbe­hand­lungs­grund­satz beachten“, sagt Martin Lützeler, Arbeits­rechtler der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Köln. Das verhindert, dass bei Team­mitgliedern mit gleichem Aufgaben­gebiet dem einen Home-Office-Arbeit erlaubt wird und dem anderen nicht.

Bedingungen vertraglich regeln

Die Arbeits­stätten­ordnung verpflichtet Unternehmen zudem, die Bedingungen der Tele­arbeit vertraglich zu fixieren. Das geschieht meist per Betriebs­ver­einbarung, im Tarif­vertrag oder durch Zusatz­ver­einbarungen zum Arbeits­vertrag. Wichtige Punkte, die zu regeln sind: Welches Mobiliar und welche Arbeits­mittel muss die Firma stellen? Beteiligt sie sich an Miete und Strom­kosten? „Wieweit der Betriebsrat bei Home-Office-Vereinbarungen mitreden darf, ist juristisch noch nicht entschieden“, sagt Lützeler. Angestellte, die zu Hause arbeiten wollen, tun deshalb gut daran, selbst auf die Details der vertraglichen Regeln zu achten. Idealer­weise sollte der Arbeit­geber zum Beispiel auch die Kosten für die Wartung und die Reparatur der gestellten Geräte tragen.

Kontrolle oder Vertrauens­vorschuss

Wenn Frank Meyersiek seinen Dienst am heimischen Rechner beginnt, loggt er sich ins Firmennetz ein. So kann sein Chef sehen, wie lange er im Home Office aktiv ist. An die tariflichen Arbeits­zeiten der Branche muss Meyersiek sich halten. Andere Modelle setzen im Home Office auf Vertrauens­arbeits­zeit. Die Mitarbeiter bestimmen dann selbst, wie sie ihr Arbeits­zeit­kontingent aufteilen und wann und wie viel sie am Schreibtisch sitzen.

Besuche vom Chef sind erlaubt

Wer von zu Hause aus arbeiten möchte, muss akzeptieren, dass Chefs oder Personal­ver­antwort­liche den Heim­arbeits­platz inspizieren. Laut Arbeits­stätten­ver­ordnung und Arbeits­schutz­gesetz müssen sie sicher­stellen, dass Tele­arbeits­plätze keine Gefahren bergen. Stol­perkabel oder wack­lige Bürostühle haben weder im Firmenbüro noch im Home Office etwas zu suchen. „Bislang haben meines Wissens nur wenige Unternehmen Tele­arbeits­plätze inspiziert. Durch die neue Arbeits­stätten­ver­ordnung werden sie nun stärker in die Pflicht genommen“, sagt Lützeler.

Vorgesetzte müssen sich anmelden

Prüfen dürfen Arbeit­geber auch, ob Mitarbeiter ihre Geheimhaltungs­pflichten einhalten. Wer Kunden­briefe offen liegen lässt, sodass die Mitbewohner sie lesen können, riskiert eine Abmahnung – theoretisch zumindest. Denn: „Chefs dürfen nicht spontan im Home­office vorbeischauen, sie müssen sich vorher anmelden“, beruhigt Rechts­anwalt Lützeler.

Keine Pflicht zur Heim­arbeit

Auch wenn viele Beschäftigte ihr Home­office schätzen – Tele­arbeits­plätze sind nicht jeder­manns Sache. Eltern fällt es mitunter schwer, sich von ihren Kindern abzu­grenzen. Andere haben Probleme, zum Feier­abend abzu­schalten, wenn auf dem Schreibtisch noch ein Stapel Akten liegt. Gut zu wissen, dass niemand gegen seinen Willen in seine Wohnung versetzt werden kann. Da die Privatsphäre der Beschäftigten geschützt ist, darf der Chef sie nicht gegen ihren Willen zur Arbeit von zu Hause aus verdonnern.

Manchen fehlen die Kollegen

Home Office Special

Team­spielerin. Nach drei Jahren im Home Office hatte Vera Eck genug. Ihr fehlte der Kontakt zu den Kollegen. „In meiner Home-Office-Zeit saß ich entweder alleine im Auto oder alleine im Büro. Nichts für mich!“ Vera Eck

„Nie wieder Home Office“, sagt Vera Eck. Die Berlinerin vertreibt Software­produkte für soziale Einrichtungen. Mehrere Tage pro Woche ist sie in ganz Deutsch­land unterwegs. Die restliche Zeit verbringt sie im Büro. Als ihr letzter Arbeit­geber seinen Stand­ort in der Haupt­stadt schloss, hatte sie die Wahl, im Home Office zu arbeiten oder nach Süddeutsch­land zu ziehen. Vera Eck votierte für die Arbeit daheim. Doch glück­lich war sie damit nicht: „Die Mischung aus Vertrieb und Home Office tat mir nicht gut, mir fehlten die sozialen Kontakte.“ Nach drei Jahren kündigte sie und stieg bei einem Konkurrenten ein, der einen Sitz in Berlin hat. Ihr eins­tiges Home Office ist heute ein Gästezimmer.

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