Die Rentenversicherer in Deutschland informieren ihre Kunden schlecht. Andere Länder sind längst weiter.

Wenn Carsten Holdum wissen will, was er bisher fürs Alter gespart hat, geht er ins Internet. Mit seiner persönlichen Kennnummer loggt er sich unter www.pensionsinfo.dk ein. Auf einen Blick sieht der Ökonom aus Kopenhagen seine Ansprüche aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersvorsorge und privaten Versicherungen.

Holdum erfährt aufgeschlüsselt, wie viel seine Rentenzahlungen hochgerechnet einmal ausmachen. Denn alle Versorgungsträger speisen die notwendigen Daten ins Info-System ein. Die Hochrechnungen für alle Ansprüche – gesetzlich, betrieblich, privat – sind standardisiert und damit vergleichbar.

Holdum hält das System nicht für perfekt, weil es zum Beispiel nicht kalkulieren kann, wie hoch seine Rente im Fall der Erwerbsunfähigkeit wäre. „Ich hoffe, dass die Qualität des Informationssystems noch weiter verbessert wird“, sagt er.

Doch die Dänen haben mithilfe von „Pensionsinfo“ einen viel besseren Überblick beim Sparen fürs Alter als die Menschen in Deutschland. Ein ähnliches System wie in Dänemark gibt es in Schweden.

In Deutschland gleicht die Suche nach Informationen über die persönlichen Rentenansprüche einem Weg durch den Irrgarten. Die Versicherten müssen sich die Informationen mühsam zusammensuchen, um festzustellen, ob sie im Alter eine Rentenlücke haben oder ob die Renten, die sie aus den verschiedenen Alterssicherungssystemen voraussichtlich bekommen, ausreichen (siehe oben „Rentenlückenrechner“).

Viele Versicherte haben nicht die geringste Ahnung, was sie aus der gesetzlichen, aus der privaten und der betrieblichen Altersvorsorge insgesamt zu erwarten haben. Die Schuld daran tragen die Versicherungsträger aller drei Säulen der Altersvorsorge.

Verwirrende Vorsorgeinformationen

Zwar schreiben die Versicherer ihren Kunden mehr oder weniger regelmäßig etwas zusammen – doch ohne einheitliche Standards, oft unverständlich formuliert und ohne jeden Nutzwert. Das wissen wir aus der Auswertung von Standmitteilungen der Rentenversicherer, aus unserem Test der Riester-Standmitteilungen und aus zahlreichen Leserzuschriften (siehe etwa Meldung Fondsgebundene Rentenversicherung und Test Riester-Rente).

Dabei beraten Fachleute seit mehr als sechs Jahren über eine bessere Information der Versicherten. Alle sind dabei: die Deutsche Rentenversicherung, die private Versicherungswirtschaft, Vertreter der betrieblichen Altersvorsorge, berufsständischen Versorgungswerke, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Wissenschaftler und andere Experten.

All diese Rentenfachleute beraten sich im Ausschuss für Alterssicherung der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG). Diese Organisation gibt es seit mehr als 60 Jahren, und sie erarbeitet Konzepte, um das soziale Sicherungssystem weiterzuentwickeln.

Mitglieder des GVG-Rentenausschusses sind unter anderem der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV Bund), Herbert Rische, und die Chefin der Abteilung Sozialpolitik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Gabriele Hoffmann. Leiter des Ausschusses ist der ehemalige Vorsitzende des Sozialbeirats der Bundesregierung, Professor Winfried Schmähl.

Bereits 2004 plädierte der Ausschuss in einem gemeinsamen Papier für „einheitliche Erläuterungen und Formulierungen“ in den Vorsorgeinformationen aller gesetzlichen, privaten und betrieblichen Rentenversicherer und forderte darüber hinaus eine „koordinierte Vorsorgeinformation – das heißt eine Zusammenschau der zu erwartenden Einkünfte aus den verschiedenen Säulen“ der Altersvorsorge.

Das Papier wurde auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Dort kündigte der damals im GDV für Lebensversicherungen zuständige Geschäftsführer Günter Bost „namhafte Fortschritte“ an, um die Informationen der verschiedenen Säulen der Alterssicherung vergleichbar zu machen. Auch in den folgenden Jahren gab es einen endlosen Reigen von wohlfeilen Appellen, Ankündigungen und Absichtserklärungen. Doch passiert ist seither nichts.

„Die Experten im GVG-Ausschuss sind sich einig, dass eine gemeinsame Vorsorgeinformation nötig ist“, sagt Marco Arteaga, Geschäftsführer der Consulting-Firma Aon, die Firmen bei der betrieblichen Altersvorsorge berät. „Doch die Verbände blockieren eine Lösung“, bedauert Arteaga, der selbst dem Expertengremium angehört.

Die Trägerverbände von Leistungen der Altersvorsorge mauern, erheben immer wieder neu ihre alten Einwände, schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu.

So sagt Stephan Gelhausen, Sprecher des GDV, des Verbandes der privaten Versicherer: „Ein gemeinsames Informationssystem darf nicht bei der Deutschen Rentenversicherung angesiedelt sein.“

Die Deutsche Rentenversicherung ist die Trägerin der gesetzlichen Rente. Sie fordert: „Die gemeinsame Vorsorgeinformation muss mindestens den Standards genügen, die der Gesetzgeber aus gutem Grund für die Renteninformation der gesetzlichen Rentenversicherung festgelegt hat .“

Die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (verdi), Judith Kerschbaumer, sagt: „Viele private Versicherer wollen keine Vergleichbarkeit der Produkte.“ Und dies obwohl ihr Branchenverband GDV selbst eine bessere, einheitliche Information möchte: „Über kurz oder lang gibt es keinen anderen Weg“, so die Sozialexpertin der Versichererlobby, Gabriele Hoffmann. Doch bei den Unternehmen ist sie damit bisher nicht durchgedrungen.

Altersvorsorge-Experte Arteaga hat eine Erklärung für die Widerstände von privaten Versicherungsunternehmen: „Private Altersvorsorge – das bedeutete viele Jahre lang private Kapitallebensversicherung. Doch wie rechnet man eine Kapitalleistung von beispielsweise 80 000 Euro in eine Rente um? Der Kunde fragt sich: Was heißt das für meine Altersvorsorge, reicht das Geld bis zum Lebensende?“ Womöglich ist das Geld lange vorher verbraucht. Deshalb hören Lebensversicherer solche Fragen nicht gern.

„Faszinierend einfach“ in Dänemark

Auf Initiative des Branchenverbandes GDV gibt es seit 2006 immerhin den „Eigenvorsorge-Report“. Dies ist ein Vordruck, den die privaten Versicherer ihren Kunden regelmäßig mit der Standmitteilung über den Wert ihrer Versicherung zuschicken sollen. Die Kunden sollen eintragen, welche Ansprüche sie aus privater, gesetzlicher und betrieblicher Vorsorge haben. Das soll ihnen helfen, sich einen ersten Überblick zu verschaffen.

Doch was nützt so ein Vordruck, wenn viele Kunden von ihrem Versicherer nicht einmal erfahren, wie hoch ihre garantierte Rente sein wird oder wenn sie nicht erfahren, wie ihre voraussichtliche Rente hochgerechnet wurde?

Außerdem halten sich viele Unternehmen nicht an die Empfehlung ihres Verbandes, den „Eigenvorsorge-Report“ der Standmitteilung beizulegen. Eine Umfrage von Finanztest nach dem Zufallsprinzip unter zehn Versicherern ergab, dass nur fünf so verfahren.

Auf keinen Fall kann der „Report“ eine standardisierte Zusammenschau aller Rentenansprüche ersetzen, wie es sie in Dänemark längst gibt. „ Die Dänen“, so Altersvorsorge-Experte Arteaga „haben das auf faszinierend einfache Weise gelöst.“

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