Hochschulabsolventen Meldung

Stillsitzen und ­warten will Susanne Rinecker nicht: Bisher hat es mit einer Stelle im Kulturmanagement nicht geklappt. Aber die ­27-Jährige hat diesen Traum noch nicht aufgegeben.

Das Examen geschafft – doch der Traumjob ist noch nicht in Sicht. Mit diesen Tipps überbrücken Hochschulabsolventen die schwierige Wartezeit besser.

Der Lebenslauf von Susanne Rinecker hat einiges zu bieten: Ihr Magisterstudium an der Humboldt-Universität in Berlin hat die Theaterwissenschaftlerin mit „sehr gut“ abgeschlossen. Sie hat Praktika bei Medien und in der Öffentlichkeitsarbeit absolviert sowie bei der Organisation von Theaterfestivals mitgearbeitet.

Am liebsten würde sie im Kultur­management arbeiten, doch sie weiß ­genau, dass die Konkurrenz Schlange steht. „Deshalb habe ich ja auch nach anderen Stellen gesucht“, sagt die 27-Jährige nach knapp 100 Bewerbungen. Heute arbeitet sie im Kundenservice einer Internetfirma in Berlin. Mit ihrem Traumberuf hat diese Position wenig zu tun. Bis Susanne die Stelle hatte, musste sie mehr als ein Jahr überbrücken.

So wie ihr geht es vielen Hochschulabsolventen. Sie haben zwar das Examen, aber keinen Arbeitsvertrag in der Tasche. Sie müssen sich ­neben der Jobsuche mehreren Herausforderungen stellen: Wie komme ich über die Runden? Wie kann ich die Wartezeit sinnvoll nutzen? Welche Veränderungen muss ich beachten?

Sich selbst versichern

Nach dem Abschluss müssen Absolventen zunächst beim Versicherungsschutz aufpassen. Beispiel Privathaftpflicht: Sie ist sehr wichtig, denn sie zahlt für selbstverschuldete oder unabsichtliche Sach- und Personenschäden. Der Absolvent ist meist nicht mehr über die Eltern versichert und braucht einen eigenen Vertrag.

Da mögliche Schäden sehr teuer sein können, empfiehlt Finanztest eine Versicherungssumme von mindestens drei Millionen Euro. Der Schutz ist bereits ab 50 Euro pro Jahr zu haben. Günstige Anbieter sind NV, Medien und Europa.

Mit Ablauf des letzten Semesters fallen Absolventen aus dem günstigen Tarif der studentischen Krankenversicherung. Wer danach keine versicherungspflichtige Beschäftigung findet und kein Arbeitslosengeld bekommt, hat höchstens drei Monate Zeit, um sich freiwillig in einer gesetzlichen Krankenkasse zu versichern. Bis zu ­einem Einkommen von 805 Euro zahlen die Versicherten den Mindestbeitrag. Der beträgt dann je nach Beitragssatz der Krankenkasse etwa 120 Euro im Monat. Die Wahl einer günstigen Kasse spart Geld. Verheiratete können sich über den Partner gesetzlich absichern.

Jobben anstatt Arbeitslosengeld

An die finanzielle Situation nach dem Examen erinnert sich Susanne Rinecker ungern. Ohne die Hilfe ihrer Eltern wäre es eng geworden. Sie stand nach den Prüfungen vor der Frage: Jobben im Callcenter oder Praktika im angestrebten Beruf?

Hochschulabsolventen können mit ­einem oder mehreren Minijobs bis zu 400 Euro im Monat verdienen, ohne Steuer- und Sozialabgaben zu zahlen. Teilzeitkräfte, die mehr verdienen, arbeiten auf Steuerkarte. Zumindest bis zu einem Einkommen von 800 Euro pro Monat zahlen sie nur reduzierte Beiträge zur Sozialversicherung und meist keine Steuern.

Wer nur Teilzeit arbeitet, kann sich zusätzlich einen Minijob besorgen und einen Aushilfsjob annehmen. Ist dieser von ­vornherein auf zwei Monate oder 50 ­Arbeitstage im Jahr befristet, fallen dafür keine Sozialabgaben an.

Kaum ein Hochschulabsolvent hat ­Anspruch auf monatliche Leistungen der Agentur für Arbeit. Nur wer in den zwei vorangegangenen Jahren mindestens zwölf Monate lang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, kann Arbeitslosengeld I bekommen.

Seit Anfang 2005 können Absolventen, die erwerbsfähig und hilfebedürftig sind, Arbeitslosengeld II beantragen. Sie bekommen je nach Wohnort (alte bzw. neue Bundesländer) und Familienstand zwischen 298 und 345 Euro. Hinzu kommen Leistungen für Unterkunft sowie gegebenenfalls für Mehrbedarf, zum Beispiel bei Alleinerziehenden.

Bewerbung, Beratung, Bezahlung

Wer sich – mit oder ohne Anspruch auf monatliche Zahlungen – bei der Arbeitsagentur meldet, kann bis zu 260 Euro im Jahr als Unterstützung für Bewerbungskosten bekommen, auch schon kurz vor der letzten Prüfung. Fahrtkosten zum Vorstellungsgespräch zahlt die Agentur, wenn der potenzielle Arbeitgeber bestätigt, dass er sie nicht übernimmt und der Zuschuss vor der Reise beantragt wurde.

Bei einzelnen Arbeitsagenturen können Absolventen, die kein Arbeitslosengeld erhalten, einen Zuschuss für ein Praktikum beantragen. Wichtig für die Förderung ist, dass die Praktikumsbedingungen genau geregelt sind und die Absolventen dadurch ihre Chancen verbessern, anschließend ­eine Stelle zu finden. Ein Anspruch auf all diese Leistungen besteht jedoch nicht. ­Bewerber müssen hoffen, dass das Budget ihrer Arbeitsagentur reicht.

Doch nicht nur aus finanziellen Gründen lohnt sich der Besuch bei der Arbeitsagentur. Die Hochschulteams dort versuchen, Absolventen und Studenten in den letzten Semestern mit vielen Veranstaltungen auf den Berufseinstieg vorzubereiten: von der persönlichen Karriereplanung über Unternehmenspräsentationen bis zu Trainings für ein sicheres Auftreten.

Die Hochschulteams arbeiten meist eng mit den Career-Services und -Centern der Unis zusammen. Viele Hochschulen haben solche Anlaufstellen und informieren über Berufseinstieg, offene Stellen und Fördermöglichkeiten.

Genau hinsehen bei Praktika

Die Informationsangebote hat auch ­Susanne Rinecker genutzt. Sie entschied sich zunächst dafür, weitere Praktika zu absolvieren – in der Hoffnung, darüber eine feste Stelle zu bekommen. Doch ihre Erfahrungen waren schlecht: „Bei einer Stelle habe ich 45 Stunden und mehr pro Woche gearbeitet und zunächst gar nichts verdient, dann 250 Euro pro Monat. Leben konnte ich davon nicht.“

Nach einem halben Jahr zog sie die Notbremse. „Nur weil ein Absolvent keinen festen Job findet, sollte er sich nicht unter Wert verkaufen“, rät sie. Ihre Erfahrungen gibt sie jetzt an andere weiter und hat ­deshalb mit anderen Betroffenen den Verein Fairwork gegründet. Er setzt sich für faire Arbeitsbedingungen für Praktikanten ein.

Chancen im Ausland

Praktika nach dem Examen beurteilt auch Heike Kuss vom Hochschulteam der ­Arbeitsagentur Berlin Mitte skeptisch. „Natürlich sind Erfahrungen wichtig, aber ein Praktikum nach dem Examen muss schon besonders zugkräftig sein.“

Eine Möglichkeit, etwas für den Lebenslauf zu tun, ist ein Auslandsaufenthalt. „Zu teuer! Zu aufwendig! Zu schwierig zu organisieren!“, denken viele. Doch es gibt auch spezielle Programme und Stipendien für Absolventen. So unterstützt etwa das EU-Berufsbildungsprogramm „Leonardo da Vinci“ Unternehmenspraktika in Europa. Die Teilnehmer erhalten ein Stipendium von durchschnittlich 350 Euro pro Monat sowie Reise- und Sprachkurskosten.

Praktikumsprogramme in aller Welt hat die Informations- und Beratungsstelle zur beruflichen Aus- und Weiterbildung im Ausland (IBS) in einer Broschüre zusammengefasst. Ohne Eigenbeteiligung geht es bei den meisten Angeboten leider nicht, aber Teilstipendien und Darlehen helfen bei der Finanzierung.

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