Unter deutschen Dächern kehrt nachts keine Ruhe ein. Dafür sorgen Millionen Schnarchhähne und -hennen. Mit Hilfsmitteln gegen den großen Störenfried und vollmundigen Versprechen wird vor allem Kasse gemacht.

Wer Übergewicht mit sich herumschleppt, schon ein paar Jahre auf dem Buckel und vielleicht noch einen kurzen dicken Hals hat, gehört zum größten Orchester im Lande, dem Schnarchorchester. Nacht für Nacht finden seine Aufführungen statt. Von den Älteren ist schon jeder zweite Mitglied, aber auch Jüngere sind dabei. Den Ton geben vor allem Männer an. Instrumente sind Lungen, Hals und Rachen. Stoßweise entweichender Atem treibt das Klangbild zu stets neuen Höhen und Tiefen. Soli fallen schrill oder rasselnd aus, es flötet, pfeift, ächzt.

Die große Nachtmusik hat ihr festes Publikum. Zu­hörer spielen als Bettpartner auf ihre Weise mit: Sie knuffen, rütteln, boxen, rufen dazwischen, legen Hand an, versuchen, den Klangkörper in eine stabile Seitenlage zu bringen. Wenn gar nichts mehr hilft, wird die gemeinsame Schlafstatt verlassen – oft ein Abschied ohne Wiederkehr.

Weckruf für die Kräfte des Marktes

Schnarcher, das weiß die Wissenschaft, schlafen schlecht, schaden oft sogar ihrer Gesundheit. Sie müssen etwas dagegen tun. Geteiltes Leid zählt außerdem doppelt: Die Bettpartner brauchen ebenfalls Hilfe. Denn in der Nacht ist die Ruhe für Körper und Geist am wertvollsten. Wer sie nicht findet, riskiert seinen ausgeruhten, wachen Tag.

In den Anzeigen wird Schnarchern Abhilfe versprochen. Das schräge Nachtkonzert von Millionen Menschen hat die Kräfte des Marktes geweckt, die Fantasie von Bastlern und Erfindern beflügelt, wohl auch Scharlatane angelockt: Um notorischen Schnarchern die Flötentöne abzugewöhnen, wurden allerlei Konstrukte entwickelt. Ihre Aufmachung macht etwas her: Eine winzige Nasenklammer liegt zum Beispiel in einem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen – wie ein Brillant. Produkte werden in medizinisch-arzneilich anmutender Verpackung offeriert. Hersteller verweisen auf den wissenschaftlich belegten Nutzen spezieller Schnarch-Stop-Methoden.

Verdächtige Vielfalt

Doch schon die Fülle des Angebots nährt den Verdacht: Eine effektive Lösung des Problems muss wohl noch gefunden werden. Einen sicheren Weg, das Schnarchen in den Griff zu bekommen, gibt es mit Stützkissen, Arm- und Halsbändern, Gurten, Binden, Bandagen, Sprays, Tabletten, Spüllösungen und Impulsgebern nicht. Skurriles ist auch dabei: ein herzförmiges Kissen, das mit einer Anstecknadel an die Rückseite des Pyjamas geheftet werden soll. Bei einem Preis von 25 Euro hört der Spaß allerdings auf. Auch martialisch Anmutendes fehlt nicht: Durch leichte elektrische Impulse sollen Schnarcher zur Veränderung ihrer Schlafposition gebracht werden. Gebissschienen werden als Schnarchstopp auf die Zähne gepappt.

Leidensdruck und Hoffnung führen dazu, dass Fantasiepreise akzeptiert werden. Wir haben das Angebot geprüft. Sind die Wirkprinzipien nützlich? Können Hersteller ihre Aussagen belegen? Die Werbung zeigt glückliche Menschen. Warum nur? Das Ergebnis unserer Überprüfung kann wenig Hoffnung wecken: Die Hersteller legten – wenn überhaupt – vor allem Studien vor, die wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen.

Um rechtlich abgesichert zu sein, wählen Werbestrategen die Worte sehr bewusst. Sie schreiben, „dass das Produkt gegen Schnarchen und Atemstörungen helfen kann“ oder dass „führende Ärzte“ es einsetzen. Wer das alles glaubt, geht vielleicht zu spät zur Überprüfung in ein Schlaflabor, was bei gefährlichen schlafbezogenen Atemstörungen (Apnoe) aber wichtig ist. In der Anleitung zur „intelligenten Schlafhilfe pro Somnia“ wird sogar die ärztliche, international anerkannte Apnoe-Therapie mit Atemdruckgeräten (CPAP) als „nicht sinnvoll“ abqualifiziert – das kann gefährlich werden. Auch die Radikallösung einer Operation am weichen Gaumen hilft nicht weiter. Das Schnarchen kann danach zwar eventuell verschwinden, eine Apnoe mit ihren gefährlichen Aussetzern kann aber trotzdem weiter auftreten.

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