Heuschnupfen Test

Pollen-Alarm für Allergiker: Im warmen Winter macht der Pollenflug kaum eine Pause. Nun soll eine neue „Grastablette“ die Patienten pollenfest machen.

Jan hat Heuschnupfen, Beate reagiert allergisch auf Wespenstiche, Thomas leidet an einer Katzenhaarallergie und Bill verträgt keine Haselnüsse. Allergien sind weit verbreitet und treten schon im Kindes- und Jugendalter auf.“ Im Plauderton verweist das Robert-Koch-Institut in einer Elternbroschüre auf einen ernsten Zustand: den Allergiealltag in Deutschland. Er bereitet Ärzten Sorgen. Allergische Reaktionen nehmen bei Kindern und Jugendlichen dramatisch zu, vor allem der Heuschnupfen. Vorbeugen könnte helfen, eine laufende Nase und tränende Augen zu verhindern und unter Umständen auch einen „Etagenwechsel“ der allergischen Reaktionen in die Bronchien. Dann droht Asthmagefahr.

Immer mehr junge Leute betroffen

Pollenallergie ist die wichtigste saisonale Allergie. Sie beginnt je nach Blütezeit in der Regel im Frühjahr, zum Beispiel mit Haselstrauch, Erle und Birke oder ab Mai und Juni mit Gräsern, Getreide oder Kräutern. Sie dauert bis August, September.

Immer mehr Menschen, vor allem junge, sind von Allergien betroffen. Rund 80 Prozent erkranken bereits vor dem 30. Lebensjahr. Das bestätigen aktuelle Erhebungen, zum Beispiel des Robert-Koch-Instituts. Nahezu 18 000 Kinder und Jugendliche aus 167 Städten und Gemeinden lieferten dafür Daten. Die Ergebnisse:

  • Allergischer Schnupfen gehört zu den häufigsten Krankheiten überhaupt.
  • Fast 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen haben mit einer allergischen Erkrankung zu tun, mit Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma.
  • Die Verbreitung von Heuschnupfen steigt mit dem Alter.
  • Nicht immer bricht die Allergie aus, aber fast 41 Prozent der Kinder und Jugendlichen waren gegen mindestens eins von 20 getesteten Allergenen sensibilisiert.

Auch die Zahl älterer Patienten nimmt zu. Sie bekommen die ersten Beschwerden oft jenseits ihres 50. Geburtstags.

Insgesamt ist bereits jeder Vierte Allergiker. Die Ursache für das um sich greifende Phänomen ist noch nicht geklärt. Die „Hygiene-Hypothese“ schließt zum Beispiel auf mangelndes Training der Immunabwehr, wenn Kinder nicht gewohnt sind, auch mal im Dreck zu spielen. Neben den alltäglichen Lebensgewohnheiten spielen aber auch Umwelt- und berufsbedingte Faktoren eine Rolle.

Heuschnupfen tritt ausschließlich zur Zeit des jeweiligen Pollenflugs auf. Wer zusätzlich allergisch auf Hausstaubmilben, Tierhaare oder Schimmelsporen reagiert, wird von chronischen Beschwerden geplagt. Solche Patienten entwickeln oft noch Asthma oder Neurodermitis.

In diesem Jahr kommt erschwerend hinzu, dass bei mildem Wetter der Pollenflug früher beginnt, verstärkt und verlängert wird. „Frühe Triefnasen: Statt Schneeflocken fliegen Pollen“, titelte zum Jahresbeginn „Der Tagesspiegel“ in Berlin. Bereits Mitte Dezember schwebten die ersten Haselnusspollen durch die Luft – fast sechs Wochen zu früh.

Bis zu 50 Prozent sparen

Wer auf Pollen allergisch reagiert, wird zunächst zu vorbeugenden Mitteln greifen. Sind die Heuschnupfensymptome schon akut, helfen lindernde Medikamente. Eine Auflistung mit Mitteln ohne Konservierungsstoffe ist in der Tabelle zu finden – meist preisgünstige Nachahmerpräparate, die in der Apotheke selbst gekauft werden müssen. Cromoglizinpräparate sollten etwa 14 Tage vor dem vermuteten Beginn der allergischen Reaktion eingenommen werden. Mit Nachahmerpräparaten (Generika) sind bei ihnen zum Teil Preisersparnisse von mehr als 50 Prozent gegenüber den Originalmedikamenten möglich. Generikapräparate zur Akutbehandlung mit den Wirkstoffen Loratadin oder Cetirizin liegen mit Preisen von 6 bis 7 Euro pro Packung mit 20 Tabletten relativ nah beeinander, aber ebenfalls weit unter den 17,29 Euro, die zum Beispiel 20 Zyrtec-Filmtabletten mit 10 Milligramm Cetirizin kosten. Die Therapiekosten (siehe „Vergleich“) für Erwachsene übernehmen die Kassen nicht mehr.

Desensibilisierung zahlt sich aus

Eine nachhaltige Verbesserung verspricht eine Therapie, die Allergiker widerstandsfähig gegenüber Allergenen macht (Desensibilisierung). Sie wird in der Regel nach Ende des Pollenflugs im Herbst und Winter begonnen. Bei der spezifischen Immuntherapie (SIT) spritzt ein Arzt das Allergen in zunehmender Dosierung zum Teil mehrmals pro Woche unter die Haut. Studien zeigen, dass sie bei Pollenallergikern langfristig die Beschwerden deutlich lindern kann.

Die Desensibilisierung kann sich auch finanziell lohnen: Experten der Universität Hannover haben zum Beispiel die Kosten von Medikamenten zur Akuttherapie und zur Desensibilisierungstherapie für Patienten mit Pollenallergie beziehungsweise Asthma berechnet. Bei einer erfolgreichen Immuntherapie konnten die Kosten für Arzneimittel und die ambulante Behandlung um etwa die Hälfte gesenkt werden. Zur Einsparung trug vor allem die Verringerung des Verbrauchs an symptomlindernden Medikamenten bei.

100 Grastabletten für 372 Euro

Weltweit wird intensiv an der Erforschung weiterer Arzneimittel gegen Allergien gearbeitet. Inzwischen machen neue Medikamente von sich reden. Allerdings ist die Wirksamkeit der meisten Substanzen noch nicht ausreichend nachgewiesen.

Etwa jeder zweite Heuschnupfenpatient reagiert allergisch auf Gräserpollen. Steht dieser Allergieauslöser fest, könnte ein seit Ende vergangenen Jahres in Deutschland neu zugelassenes Medikament zur Behandlung tränender Augen und triefender Nasen (Rhinokonjunktivitis) helfen: die „Grastablette“ Grazax der Firma ALK-Scherax – für Erwachsene mit klinisch relevanten Allergiesymptomen. Patienten sollen sich die Tablette unter der Zunge zergehen lassen: Die Tablette setzt dort (sublingual) ihren Wirkstoff frei – gefriergetrocknete, standardisierte Bestandteile von Wiesenlieschgraspollen. Die Substanz wird über die Mundschleimhaut aufgenommen.

Der Hersteller sieht darin einen Anwendungsvorteil gegenüber Tropfen und eine bequemere Lösung im Vergleich zu Injektionsterminen, die einmal oder mehrmals pro Woche beim Arzt stattfinden. Eine Tablette ist im Erfolgsfall über drei Jahre täglich einzunehmen. 100 Tabletten kosten 372,45 Euro laut Lauer-Taxe, dem Preisverzeichnis für Apotheken. Bei einer dreijährigen Behandlung kostet die Grastablette laut Hersteller etwa zehn Prozent mehr als die Desensibilisierungstherapie durch Injektionen.

Auf den deutschen Markt soll im zweiten Halbjahr dieses Jahres übrigens noch ein ähnliches Präparat aus Frankreich kommen, das Desensibilisierungsmittel Oralair der Firma Stallergenes.

Zu früh für eine Empfehlung

Aus Studien geht hervor, dass „Gräsertabletten“ vor allem bei Heuschnupfen hilfreich sein können. Für eine Empfehlung ist es aber noch zu früh. Der praktische Nutzen konnte bisher nicht sicher erwiesen und der Nutzen gegenüber der spezifischen Immuntherapie nicht wissenschaftlich gesichert belegt werden. Die Studienergebnisse sind zum Teil sehr uneinheitlich. Bisher nahmen mehr als 1 700 Personen an den Studien zu Grazax teil. In der ersten Pollensaison verbesserten sich die Allergiesymptome an Augen und Nase im Vergleich zu einer Behandlung mit einem Scheinmedikament (Placebo) um 36 Prozent. Der Bedarf an symptomlindernden Medikamenten sank um etwas mehr als die Hälfte. In der zweiten Pollensaison verbesserte sich das Ergebnis beim Rückgang der Symptome auf 44 Prozent, der Arzneiverbrauch sank gegenüber dem Placebo um 73 Prozent. Der Hersteller sagt, bei Einnahme bis acht Wochen vor der Gräserpollensaison seien positive Effekte möglich, optimal wären vier Monate. Tritt keine relevante Besserung ein, wird die Behandlung beendet.

Unerwünschte Wirkungen

Dem pharmakritischen „arznei-telegramm“ erscheint die Datenlage „bisher ungenügend“: Grazax sei zwar im Vergleich zu einem Scheinmedikament geprüft worden, nicht aber gegen die Immuntherapie mit Spritzen. Zwar ergebe sich während der Pollenflugsaison eine geringe Verbesserung von Heuschnupfensymptomen gegenüber einem Scheinmedikament, aber „lokale Störwirkungen im Mund und Rachenraum“ seien häufig, teils sogar „bedrohlich“. Langzeitdaten bleiben noch abzuwarten.

Patienten sind bei der Desensibilisierungstherapie dem Allergen ausgesetzt, das allergische Symptome verursacht. Nach Anwendung von Grazax wird bei den allergischen Reaktionen ein häufig auftretender, erst stärkerer, dann meist rasch abnehmender Juckreiz („Kribbeln“) im Mund und im Ohrenbereich beschrieben. Rachenreizungen können auftreten. Einmal gab es ein Anschwellen des Rachenraums unter normaler Dosierung. Das machte eine ärztliche Behandlung notwendig. Die Ersteinnahme soll unter Aufsicht des Arztes erfolgen, um so auf starke Reaktionen rasch reagieren zu können. Bei Engegefühl im Hals zum Beispiel soll sofort ein Arzt aufgesucht werden.

Neue „Impfungen“

Wenn Allergiker „pollenfest“ gemacht werden sollen, entscheidet der Arzt über die Mittel. Die spezifische Immuntherapie, also Allergene in zunehmender Dosis unter die Haut zu spritzen, ist bislang die effektivste Methode. Grazax ist als Neuentwicklung auf die Anwendung bei Erwachsenen beschränkt.

Weitere Forschungen richten sich auf vergleichbare Präparate gegen Milben und Birkenpollen. Die Wirkung von „Bakterien-­Impfungen“ (Schluck­impfungen mit Lipopolysacchariden) zur vorbeugenden Behandlung bei allergiegefährdeten Säuglingen, eine weitere Innovation, bleibt abzuwarten. Eine Studie an der Charité endet 2009. In der nächsten test-Ausgabe folgt ein Bericht zum Thema Lebensmittelallergien. 

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