Herzinfarkt Meldung

Herzinfarkt und Depressionen kommen häufig gemeinsam vor. Wer die Vorboten beachtet, kann noch die Notbremse ziehen und einem Herzinfarkt vorbeugen.

Der Patient klagt zunehmend über Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Seine Arbeit wächst ihm über den Kopf. Der Hausarzt verschreibt ihm Beruhigungsmittel. Wie hätte er ahnen können, dass sein Patient kurz vor einem Herzinfarkt stand? Der einzelne Arzt kommt nicht unbedingt auf die Idee, dass auch die Seele kurz vor einem Infarkt Notsignale sendet. Doch Depressivität und Herzinfarkt haben offenbar mehr miteinander zu tun, als gemeinhin bekannt ist. Wissenschaftler, die weltweit in Studien insgesamt über hunderttausend Teilnehmer begleitet, beobachtet und befragt haben, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass viele Betroffene vor dem Infarkt zunehmend depressiv und hoffnungslos gestimmt sind.

Arztbesuche nehmen vor Infarkt zu

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Andauernde Belastungen wie depressive Verstimmungen oder fehlende Anerkennung lösen dauerhafte körperliche Stressreaktionen aus.

Professor Karl-Heinz Ladwig vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg wertete zum Beispiel Krankenkassendaten aus Ingolstadt aus. Dabei zeigte sich, dass Patienten in dem halben Jahr vor einem Infarkt immer häufiger zum Arzt gingen. Wenige Tage vorher nahmen die Arztbesuche noch einmal zu. Doch offenbar standen nicht Herz-Kreislauf-Probleme im Mittelpunkt, sondern seelische Nöte. Denn es war auffällig, dass die Ärzte in dieser Phase kurz vor Krankheitsausbruch verstärkt Schlaf- und Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka verordneten.

Im Rahmen einer großen Herz-Kreislauf-Studie mit fast 13 000 Teilnehmern in Augsburg, die Mitte der 80er Jahre begann, fanden Professor Ladwig und seine Kollegen weitere Anzeichen dafür, dass Patienten mit erhöhten Depressionswerten stärker gefährdet sind, einen Herzinfarkt zu erleiden.

Allgemeiner Leistungsabfall

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In Kombination mit anderen Risiken, wie häufigem Zigarettenkonsum oder Übergewicht, schädigen sie die Blut- und Herzgefäße.

Schon Ende der 80er Jahre ergab eine niederländische Präventionsstudie, dass „vitale Erschöpfung“ auf einen drohenden Infarkt hinweisen kann. Die Forscher der Universität Maastricht fragten sich damals: Was haben Frauen bei ihren Männern vor einem Infarkt beobachtet, was wir mit unseren technischen Untersuchungsmethoden nicht sehen konnten? Die Antwort: Sie bemerkten einen allgemeinen Leistungsabfall und damit einen Knick in der Lebenslinie.

Stimmung akut verschlechtert

Ebenso konnten Mediziner aus Skandinavien, England und den USA in großen Bevölkerungsstudien zeigen, dass eine pessimistische Grundeinstellung und Hoffnungslosigkeit einen brisanten Zündstoff liefern. Rückblickend stellten auch sie fest: In den Wochen vor einem Infarkt hatte sich die Stimmung der Betroffenen zunehmend verschlechtert. Meist handelt es sich nicht um eine schwere Depression. Die Patienten zeigen eher unspezifische Symptome, die sich nicht unbedingt einer bestimmten Erkrankung zuordnen lassen. Die Betroffenen klagen zum Beispiel über vermehrte Müdigkeit nach geistiger Anstrengung, über Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit, über abnehmende Arbeitsleistung, Gefühle körperlicher Schwäche und Erschöpfung nach nur geringer Anstrengung.

Eine gefährliche Mischung

Angesichts der Erkenntnisse der vergangenen Jahre fordert Professor Ladwig, neben den klassischen Risikofaktoren für einen Herzinfarkt – Rauchen sowie erhöhte Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterinwerte – auch depressiver Verstimmung verstärkt Beachtung zu schenken. Wenn all diese Risiken in Kombination auftreten, ist das eine gefährliche Mischung, denn sie fügen den Blut- und Herzkranzgefäßen jeweils andere Schäden zu.

Blutgefäße gefährdet

Die Gefäßveränderungen, die zur Arteriosklerose und schließlich zum Herzinfarkt führen, entwickeln sich meist über viele Jahre. Nach und nach verengen und verhärten sich die elastischen Blutgefäße, Fett- und Kalkablagerungen behindern die Durchblutung und die Versorgung der Organe mit Sauerstoff. Wenn die Arteriosklerose die Herzkranzgefäße – ein dichtes Netz feiner und feinster Äderchen – erfasst, entsteht die koronare Herzkrankheit. Das Herz reagiert mit Schmerzen, wenn es nicht mehr genügend Sauerstoff und Nährstoffe erhält. Wenn in einer Herzkranzarterie ein Fettpolster plötzlich aufbricht, bildet sich ein Blutgerinnsel, das den Blutfluss blockiert: Ein Herzinfarkt entsteht. Dann stirbt ein Teil des Herzmuskels ab.

Selbstschädigendes Verhalten

Wie aber trägt die depressive Stimmung zu diesen schädlichen körperlichen Auswirkungen bei? Die genauen Ursachen und Wirkmechanismen sind noch nicht ausreichend bekannt. Mediziner und Psychologen erklären den Zusammenhang zwischen negativen Gefühlen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunächst mit dem selbstschädigenden Verhalten deprimierter oder pessimistisch gestimmter Menschen: Sie gehen häufig nachlässig mit ihrem eigenen Körper um, ernähren sich ungesund, bewegen sich zu wenig und rauchen zu viel. In der Folge haben sie häufig Übergewicht, leiden unter Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen, verstärken also die klassischen Risiken fürs Herz.

Krankheitsprozesse erhöhen Risiko

Wissenschaftler haben in neuester Zeit aber auch herausgefunden, dass im Körper depressiver Herzpatienten Krankheitsprozesse ablaufen, die sich direkt auf das Herz und die Blutgefäße auswirken und so das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen können:

  • Häufig ist die Blutgerinnung verändert, die Blutplättchen verklumpen leichter, die Gefäße können verstopfen.
  • Das Immunsystem schüttet vermehrt Entzündungsstoffe aus. Das passiert nicht nur zur Abwehr von Krankheitserregern, sondern offenbar auch bei emotionalen Belastungen. Die eigentlich „heilsamen“ Stoffe verstärken möglicherweise Entzündungsprozesse und Gewebeverletzungen in der Gefäßwand.
  • Das Herz reagiert nicht flexibel genug auf wechselnde Belastungen – äußere Belastungen wie Anstrengung, Hitze, Kälte und innere wie Stress oder Ärger. Zum Beispiel ist der Pulsschlag dauerhaft unangemessen hoch. Mediziner sprechen dann von niedriger Herzfrequenzvariabilität – ein weiteres Herzinfarktrisiko.

Warnsignal ernst nehmen

Diese körperlichen Veränderungen nehmen die Betroffenen selbst gar nicht wahr, und auch der Arzt kann sie äußerlich nicht feststellen. „Deshalb sollte der Hausarzt es als Warnsignal sehen, wenn ein Patient depressiv und ausgebrannt ist, über einen Knick in der Lebenslinie klagt“, erklärt Professor Ladwig. „Er sollte seelische Probleme genau so ernst nehmen wie körperliche Beschwerden, den Patienten auf Herz-Kreislauf-Probleme untersuchen und ihn veranlassen, schädliche Verhaltensweisen zu ändern, zum Beispiel das Rauchen aufzugeben, aber auch Stressbelastungen zu reduzieren.“

Schädliche Misserfolgserlebnisse

Besonders gefährdet sind Männer Mitte 50 mit weiteren Risiken, wie Bluthochdruck, Übergewicht, übermäßigem Zigarettenkonsum. Eine klassische Managerkrankheit ist der Herzinfarkt übrigens längst nicht mehr. „Top-Manager haben ihren Personal Trainer, der mit ihnen ein gesundes Bewegungs- und Ernährungsprogramm absolviert“, so Ladwig. „Eher gefährdet sind untere Berufsgruppen, die wenig Anerkennung bekommen, viele Misserfolgserlebnisse haben und damit nicht richtig umgehen können.“

Harmonisches Gleichgewicht finden

Während Ärzte nach einem Herzinfarkt und in der Rehabilitation inzwischen auf seelische Belastungen eingehen, den Patienten psychotherapeutische Hilfestellung anbieten und Medikamente verordnen, findet die Seele im Vorfeld des Infarkts noch wenig Beachtung. „Wissenschaftlich gesicherte Therapien gibt es noch nicht“, meint Professor Karl-Heinz Ladwig, „doch das heißt nicht, dass man nichts tun kann.“

Wer merkt, dass seine Lebenssituation unerträglich geworden ist, dass nicht nur seine Seele leidet, sondern er auch körperlich krank werden kann, sollte seine inneren Barrieren überwinden und wieder für ein harmonisches Gleichgewicht sorgen. Spätestens jetzt ist es wichtig, den Stress abzubauen, den Spannungszustand des Organismus zu verringern (siehe „Stress“). „Jede Volkshochschule und viele Krankenkassen bieten zum Beispiel Sport- und Entspannungskurse oder Seminare zum Stressmanagement an“, sagt Professor Ladwig, „aber es hilft auch, mit jemandem zu reden, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe oder mit einem Psychologen.“

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