Herrenhemden CSR Test

Hemden werden da gefertigt, wo es nicht viel kostet. In Vietnam sind es pro Arbeitsstunde weniger als 1 Euro.

Fast 100 Arbeitsschritte braucht es, um ein Hemd zu nähen. Wir haben 15 „Nähfabriken“ in 9 Ländern besucht. Drei Firmen zeigen sich „stark engagiert“.

Ein Kleidungsstück wird aus Unmengen feiner Garne gewebt, viele Hände und Maschinen haben es genäht. Meist irgendwo am anderen Ende der Welt. Woher genau es kommen mag, dar­über denken wir selten nach. Von den 18 Anbietern der Businesshemden im Test geben nur zwei im Etikett das Produk­tions­land an: Eterna und Hugo Boss. Das machen sie freiwillig, denn kein Gesetz schreibt bei uns vor, die Herkunft eines Kleidungsstücks auszuweisen.

Produktionsland: Der wunde Punkt

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Eine Näherin in Osteuropa. Viele Einzel­teile ergeben später das fertige Hemd.

Viele Anbieter kaschieren so einen wunden Punkt: Um dem Kostendruck standzuhalten, lagern sie seit Jahrzehnten die Fertigung der Hemden in Niedriglohnländer in Osteuropa, Südostasien oder Nordafrika aus. Neben Bangladesch, Indien und Pakistan stellen heute vor allem China, Indonesien und Vietnam drei von vier aller Kleidungsstücke weltweit her. Die drei Letztgenannten gehören auch zu den Kernländern der Hemdenproduktion. Die anderen Hemden im Test kommen aus Bulgarien, Mazedonien, Rumänien, Tschechien, der Türkei und Tunesien. Walbusch produziert als Einziger auf deutschem Boden. Die Arbeitskosten pro Stunde sind für ihn am höchsten: In der deutschen Textilindustrie liegen sie im Schnitt zwischen 12 (Ost) und 21 Euro (West), in Osteuropa dagegen bei 2 bis 4 Euro, in Asien sogar unter 1 Euro.

Premiere für Aldi, Hugo Boss schweigt

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Vor dem Versand werden die genähten Hemden gebügelt, hier von tunesischen Arbeiterinnen.

Um die Unternehmensverantwortung der Hemdenanbieter und ihrer Produzenten zu beurteilen (englisch Corporate Social Responsibility, CSR), haben wir 15 Konfektionsbetriebe in 9 Ländern besucht – die Orte, wo die Hemden zugeschnitten, genäht und gebügelt werden. Selten zeigten sich so viele Anbieter bei unseren mittlerweile sieben CSR-Tests so offen und ließen uns auch im Ausland in ihre Betriebe. Besondere Fairness gegenüber ihren Mitarbeitern und der Umwelt zeigen C&A, Eterna und P&C. Alle drei sind „stark engagiert“. 11 weitere Anbieter handeln „engagiert“. Aldi (Nord) beteiligte sich zum ersten Mal, wenn auch indirekt über seinen Konfektionär, und zeigt im Ganzen „bescheidene Ansätze“. Nur Jupiter und Hugo Boss verweigerten jeden Einblick in ihre Firmenpolitik.

Im Takt der Nähmaschinen

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Zu guter Letzt werden die Hemden verpackt, hier in China, für die lange Reise nach Westeuropa.

Für die Fertigung eines Hemdes sind bis zu 100 Arbeitsschritte erforderlich. Überall in der Welt ähneln sich die Szenarien: In riesigen Hallen sitzen Dutzende von Näherinnen hintereinander, fügen unter künstlichem Licht Stoff an Stoff. Und immer tackern die Nähmaschinen.

In allen Fertigungsstätten, die wir besucht haben, werden soziale Mindeststandards – wie Krankenversicherung oder Arbeitssicherheit – garantiert. So steht es in den offiziellen Firmenpapieren. Was davon in die Praxis übergeht, kontrollieren jedoch nicht alle Anbieter genau. Einige bedenken den hohen Frauenanteil: So bietet ein Betrieb in Vietnam eine Schule und einen Kindergarten an.

Wenig vorbildlich geht es in Asien bei den Arbeitszeiten und Mindestlöhnen zu: Einige Betriebe konnten nicht belegen, dass sie Überstunden anerkennen. Ihre Mitarbeiter werden im Akkord, pro Hemd oder nach staatlichem Mindestlohn bezahlt. Fürs Leben reicht das oft kaum aus. Enttäuschend, dass gerade Otto – sonst in Sachen CSR ein Vorreiter – in China nicht allen Mitarbeitern den Mindestlohn von rund 61 Euro im Monat garantiert. Auch Karstadt und Neckermann leisten im Vergleich zu mittelständischen Unternehmen wie CasaModa und van Laack weniger als sie könnten. Zwar verfügen sie als große Kauf- und Versandhäuser über detaillierte Leitlinien, die in Verhaltenskodizes wie dem BSCI (Business Social Compliance Initiative) niederge­schrieben sind. Doch bis zum Konfektionär im Ausland dringen diese nicht immer durch.

Generell kommunizieren viele Anbieter zu wenig mit ihrem Hersteller im Ausland. Dass das keine größeren Mängel mit sich bringt, ist den Herstellern zu verdanken: Sie ergreifen oft von sich aus die Initiative.

Geheimnisvolle Baumwolle

Die Textilkette ist oft zu verworren, um sie bis zum Ursprung zurückzuverfolgen. Fast alle Anbieter zuckten mit den Schultern, wenn wir fragten, woher die Baumwolle kommt. Nur Hess Natur, der Anbieter des Hemds aus Bio-Baumwolle, überwacht mithilfe von Organisationen in der Türkei den Anbau der Naturfaser selbst. Bis jetzt macht die umweltschonende Bio-Baumwolle jedoch nur ein bis vier Prozent der Weltproduktion aus. Bei allen anderen Anbietern bleiben Fragen: Wie viele Pestizide wurden zur Bekämpfung von Schädlingen an der Baumwolle eingesetzt? Werden die Feldarbeiter beim Sprühen der Gifte geschützt?

Verantwortungsvollen Verbrauchern bleibt nur die Orientierung an Gütesiegeln. Während der Öko-Tex Standard 100 belegt, dass die Kleidung auf Schadstoffe überprüft wurde, steht der Öko-Tex Standard 1000 für eine umweltverträgliche Produktion während der ganzen Textilkette. Der 1000er ist aber rar: Im Test kann nur Eterna damit punkten.

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