Heilpraktiker Test

Was passiert bei einem Heilpraktiker? Unsere Testpatienten lobten die Gesprächsatmosphäre, erlebten aber auch Bizarres wie Akupunktur wider Willen.

Hans M. 1) ist ein kräftiger junger Mann Ende 30, energisch, freundlich. In unserem Auftrag suchte er wegen Kreuzschmerzen Heilpraktiker auf. Beim Praxisbesuch ging es für den Tester um erste Informationen zum Kennenlernen: Datenerhebung, Befund, Behandlungsvorschlag. Er sollte und wollte auf keinen Fall behandelt oder gar akupunktiert werden. Doch der Heilpraktiker ignorierte die Bitte des Patienten. Er setzte ihm bei der Untersuchung eine Akupunkturnadel – rücklings: „Sehen Sie, das haben Sie nicht einmal gemerkt. Ist doch gar nicht so schlimm.“ Er meinte wohl, dem neuen Patienten die Angst nehmen zu müssen – per Nadel im Rücken.

Die skurrile Szene zählt zu Erlebnissen der eher negativen Art bei unserem Test von Heilpraktikern in größeren Städten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (siehe „So sind wir vorgegangen“). Sie blieben die Ausnahme. Überwiegend ist Positives zu berichten. Die Testpatienten fühlten sich meist ernst genommen. Die Frage, ob sie bei einer Erkrankung in Zukunft auch einen Heilpraktiker konsultieren würden, bejahten sie nach dem Test übereinstimmend. Ein 50 Jahre alter Testpatient mit Rückenschmerzen fasste seine Eindrücke so zusammen: „Ich war überrascht, fühlte mich umfassender und individueller bedient, als ich es von meinem Facharzt gewohnt bin. Ich kann mir vorstellen, einmal wieder zu einem Heilpraktiker zu gehen.“

Viel Zeit fürs Gespräch

Der Test sollte in einer Momentaufnahme zeigen, ob Heilpraktiker nach empfohlenen Qualitätsstandards arbeiten. Dafür haben wir Heilpraktiker ausgesucht, die klassische Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) praktizieren, also eine Positivauswahl getroffen. Es sind zwei anerkannte Säulen heilkundlichen Handelns mit eigenen, geschlossenen Konzepten der Diagnostik und Therapie. Keiner der Tester hatte vor Testbeginn Erfahrungen mit Heilpraktikern. So zählte für sie schon der erste Eindruck: Heilpraktiker und ihre Praxen, meist gemütlicher als beim Arzt, oft licht und in warmen Farben gehalten, kamen bei den Testpatienten in der Regel gut an („Wohnzimmeratmosphäre“). Sachlich-kühle „Arztszenen“ – der Therapeut hinter dem Schreibtisch am Computer, der Patient davor – waren hier die Ausnahme. Fast alle Heilpraktiker boten einen guten Service und waren sehr freundlich. Sie nahmen sich für das Gespräch meist sehr viel Zeit – bis zu drei Stunden für den ersten Kontakt zu dem neuen Patienten. Da kommt ein Mediziner mit dem ökonomischen Zwang zur „5-Minuten-Medizin“ nicht mit.

Nicht nur die Atmosphäre stimmte, sondern auch der Gesprächsstil. Homöopathen und TCM-Heilpraktiker wurden dabei nur in Nuancen unterschiedlich bewertet. Bei Anbietern der klassischen Homöopathie empfanden die Tester Atmos­phäre und Gesprächsstil nur bei 3 von
20 Besuchen als negativ, bei weiteren zwei Besuchen eher mittelmäßig. Bei den restlichen 15 Besuchen war ihre Bewertung besser. Bei der abschließenden Frage „Haben Sie das Gefühl, bei diesem Heilpraktiker gut aufgehoben zu sein?“, antworteten die Tester 14-mal mit „ja“ und „eher ja“, 6-mal mit „nein“ und „eher nein“.

Bei den Heilpraktikern mit TCM-Schwerpunkt wurden Atmos­phäre und Gesprächsstil bei 5 der 20 Besuche als mittelmäßig beurteilt, darunter einmal wegen eingeschränkter Deutschkenntnisse eines chinesischen Heilpraktikers – die Verständigung litt erheblich. Fünf Besuche wurden als gut bewertet, der Rest sehr gut. Auffällig die vorsichtige Gesprächsführung: Nirgendwo wurde schon beim Erstbesuch nach heiklen Themen wie dem Sexualleben gefragt – ein Punkt, der in der homöopathischen Anamnese eher später angesprochen wird.

Patientenbefragung unterschiedlich

Bei der Anamnese, also beim Erfragen der medizinischen Vorgeschichte und des aktuellen Befindens des Patienten, gab es allerdings erhebliche Unterschiede. Bei den Homöopathen waren Ablauf der Befragung, strukturelles Vorgehen und abschließende Therapieempfehlung im Vergleich zur TCM einheitlicher. Insge­samt wurde die Anamnese häufig nur (sehr) lückenhaft durchgeführt. Bei den TCM-Heilpraktikern erfolgte meist zusätzlich eine Puls- und Zungendiagnostik. Diese ergänzenden Diagnoseverfahren beurteilt die Stiftung Warentest aber kritisch.

Die reine Lehre manchmal verlassen

Ein dicker Wermutstropfen: Einige Heilpraktiker beschränkten sich nicht auf ihr spezifi­sches Fachgebiet, sondern setzten ergänzend zum Teil wissenschaftlich nicht haltbare Verfahren ein. Einzelne Therapeuten hielten sich auch kaum an fachliche Empfehlungen. Dabei ist bemerkenswert, dass trotz unserer Auswahl „klassischer“, gut ausgebildeter Homöopathen-Heilpraktiker einige die Lehre ihres naturheilkundlichen Systems sowie die Qualitätsvorgaben der Berufsverbände verließen oder auf ihre Weise interpretierten.

So setzten die Homoöpathen ergänzend auch andere Methoden ein wie zum Beispiel die Irisdiagnostik, Bioresonanz (je einmal) und die Kinesiologie (zweimal). Die Wirksamkeit dieser Verfahren ist wissenschaftlich nicht erwiesen.

Manuelle Therapien empfohlen

In zwölf Fällen wurden Einzelmittel nach dem Vorbild der klassischen Homö­o­pathen verordnet, weitere viermal für später erwogen oder bewusst nicht oder noch nicht verordnet. Und in vier Fällen wurde gar keine klassische Homöopathie mit einem Einzelmittel empfohlen. Therapieempfehlungen der Homöopathen waren neben Einzelmitteln auch Schüssler Salze und die zwischen Chiropraktik und TCM angesiedelte Dorn-Therapie oder bei Rückenschmerzen die Cranio-Sacral-Therapie (ein Gebiet der manuellen Medizin). Sie wurde einmal sogar explizit anstelle der Homöopathie gewählt. Das Verfahren hat sich aus der Osteopa­thie, bestimmten Grifftechniken eines US-Arztes, entwickelt. In einem Fall wurde zusätzlich die Neural­therapie empfohlen, bei der ein Medikament zur örtlichen Betäubung (Lokalanästhetikum) eingesetzt wird. Im Ratgeber der Stiftung Warentest „Die andere Medizin“ wird empfohlen, damit allenfalls kundige Ärzte zu beauftragen – für den Fall gefährlicher allergischer Reaktionen.

Eher selten Ernährungsempfehlungen

Während 20 Prozent der Homöopathen nicht nach den Grundsätzen der klassischen Homö­opa­thie vorgingen, unternahmen TCM-Heilpraktiker bei ihren Behandlungsvorschlägen seltener „Ausflüge“ in andere therapeutische Gefilde: Zweimal wurde auch hier die Dorn-Therapie empfohlen, einmal die Cranio-Sacral-Therapie sowie Vitamingaben. Als diagnostisches Verfahren wurde einmal auch Kinesiologie mit Irisdiagnostik angewandt. TCM-Heilpraktiker blieben mehr ihrem heilkundlichen Schwerpunkt verpflichtet, empfahlen unter anderem Arzneitherapie, Tuina und Qigong. Empfohlen wurde vor allem Akupunktur, die Arzneitherapie dagegen nicht so häufig. Nach Auskunft unserer Gutachter ist das nicht unbedingt negativ zu bewerten. In China ist die Arznei- und Kräutertherapie ein eigenes Fach. Nur wenige Akupunkteure sind in Personalunion auch Arzneitherapeuten. Enttäuschend ist, dass im Test eine weitere wichtige Behandlungsmöglichkeit bei TCM-Heilpraktikern eine eher geringe Rolle spielte: Ernährungsempfehlungen. Sie sind wesentlicher Bestandteil Traditioneller Chinesischer Medizin.

Zu viel versprochen

Aufgabe der Testpatienten war es auch, zu dokumentieren, ob vom Therapeuten eine Besserung der Beschwerden oder Heilung versprochen wurde. Bei Homöopathen war das 10-mal der Fall, bei TCM-Heilpraktikern gleich 14-mal. Zwar sind bei Rückenschmerzen nach Akupunktur unter Umständen Besserungen zu erwarten, ein seriöser Heilpraktiker sollte Patienten aber nichts versprechen.

Erstgespräch 20 bis 180 Euro

Wichtig sind auch die Honorare. Denn Krankenkassen übernehmen bei Heilpraktikern nichts. Beim Homöopathen kostete das Erstgespräch zwischen 40 Euro (für 60 bzw. 80 Minuten) und 180 Euro (für 105 bzw. 120 Minuten). Der Mittelwert des Honorars lag bei 100 Euro, die mittlere Gesprächsdauer bei 98 Minuten. Die Kosten des TCM-Erstgesprächs beliefen sich auf 20 Euro (für 30 bzw. 60 Minuten) bis 120 Euro (für 100 Minuten). Im Mittel zahlten unsere Testpersonen 52 Euro für 63 Minuten. Eine homöopathische Konsultation war in der Regel länger und kostete mehr als beim Heilpraktiker mit Schwerpunkt Traditionelle Chinesische Medizin. Später folgende Sitzungen kosten meist weniger. Ungewöhnlich: Zwei Heilpraktiker führten ein Gespräch über 30 beziehungsweise 40 Minuten gratis. Dass beim Honorar nicht mit der Stoppuhr gearbeitet wird, war im Test eine gute Erfahrung.

Patienten vergrault

Es gab auch Episoden, die Patienten vergrault haben. Sabine S. 1) ging wegen ihres Heuschnupfens zum Heilpraktiker. Der hörte auch die Lunge ab. Doch die knapp 30-Jährige hatte das Gefühl der „Anzüglichkeit“. Es wurde mehr Wäsche beiseitegeschoben und Haut freigelegt als nötig. „Bei dem hätte ich die Anamnese bei einem weiteren Termin nicht fortgesetzt.“ Bei einem Homöopathen begann ein Gespräch erst nach längerem Warten. Als die Testerin das ansprach, war die Reaktion heftig. Der Heilpraktiker gab Erklärungen mit einem aggressiven, ungehaltenen Unterton ab – und nannte Erkrankung, Diagnose sowie den kompletten Namen des zuvor behandelten Patienten.

Eine 75-jährige Homöopathin beunruhigte ihren neuen Patienten. Sie formulierte bizarre Krankheitstheorien, verteufelte Impfungen („Todespilze“) und andere erprobte medizinische Therapien.

Tipps: Worauf Sie beim Heilpraktikerbesuch achten sollten: 

  • Treten Sie aktiv auf, lassen Sie sich Diagnose und Behandlungsansatz erklären. Handelt es sich wirklich um „klassische“ Homöopathie oder TCM? Beachten Sie die „Checkliste“.
  • „Stimmen“ die Person und die Praxis? Geht man auf Ihre Fragen und Anliegen ein? Wird Ihnen die Arbeitsweise erläutert, werden auch bereitwillig die Kosten der Behandlung angesprochen?
  • Holen Sie eventuell eine Zweitmeinung ein. Machen Sie sich auch ein Bild von Werbe-Flyern und der Homepage.
  • Informieren Sie sich auch in unserem Buch „Die andere Medizin“. Im Anhang finden Sie eine Übersicht mit Bewertungen der meisten alternativen Verfahren.

Achtung: Lassen Sie sich bei ernsten, gefährlichen Erkrankungen vom Arzt behandeln, nicht ausschließlich vom Heilpraktiker. Schulmedizinisch sollte alles abgeklärt werden. Es gibt homöopathisch und naturheilkundlich orientierte Ärzte. Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie noch anderweitig behandelt werden. Heilverfahren können nach Absprache auch kombiniert werden.

1) Alle Namen und Altersangaben von der Redaktion geändert.

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