Interview: Wie Versicherer regulieren

Hausratversicherung Test

Frank Szeimies

Frank Szeimies, Fachanwalt für Versicherungsrecht aus der Kanzlei Gentz & Partner in Berlin.

Ab 1. Januar 2009 gilt das neue Versicherungsvertragsgesetz (VVG) auch für Altverträge. Das „Alles-oder-nichts-Prinzip“ ist abgeschafft. Versicherte, die grob fahrlässig Regeln nicht beachteten, gingen in der Vergangenheit leer aus. Gibt es nun mehr Geld?

Szeimies: Ja und nein. Geht es um die Regulierung eines Schadens, müssen sich Versicherte an wichtige Regeln halten. Bei Verstößen gegen sogenannte Obliegenheiten und in ähnlichen Fällen unterstellte der Versicherer schnell grobe Fahrlässigkeit. Der Kunde musste dann selbst beweisen, dass er höchstens leicht fahrlässig war. Gelang ihm das nicht, bekam er nichts. Vorteil war aber: Es gab viele Ausnahmen und Beweiserleichterungen. Gar nicht so selten bekamen die Versicherungsnehmer alles ersetzt.
Will der Versicherer nicht zahlen, muss er nach dem neuen Recht den Vorsatz – also praktisch Absicht – nachweisen. Die große Änderung in der Sache greift dann, wenn keiner etwas beweisen kann. Während es früher dann nichts gab, spricht das Gesetz jetzt von einer Quotelung nach der Schwere des Verschuldens.

Was bedeutet die Quotelung?

Szeimies: Es geht dabei um das Ausmaß des Versäumnisses und um eine entsprechende Kürzung. Der Versicherer könnte argumentieren: „Sie haben den Einbruch grob fahrlässig herbeigeführt, indem Sie das Fenster auf Kipp gelassen haben, und dann haben Sie die Meldung an die Polizei auch noch unvollständig abgegeben. Jedes der Versäumnisse führt allein schon zu einer Kürzung um 50 Prozent. Wir bieten Ihnen noch Ihre Auslagen in Höhe von 2 Prozent des Schadens an.“
Bei den Gerichten wird sich so eine radikale Kürzung wahrscheinlich nicht durchsetzen. Deshalb sollten Versicherte auch nicht so schnell verzichten. Insbesondere, wenn der Versicherer „schnelle Zahlung oder gar nichts“ anbietet und der Regulierer vor Ort mit dem Scheck und dem Formular für einen Verzicht auf weitere Ansprüche wedelt. Unser Beispielsfall dürfte in der Praxis wohl mit einer Kürzung von 50 Prozent ausgehen, da das Kippen von Fenstern meist nicht die Ursache für einen Einbruch ist, also keine Kürzung ermöglicht.

Wann spielt die grobe Fahrlässigkeit überhaupt eine Rolle?

Szeimies: Es gibt da richtige „Klassiker“: Zum Beispiel das Laufenlassen der Waschmaschine, ohne im Zimmer zu bleiben, oder den Adventskranz nicht auszupusten, wenn jemand an der Wohnungstür klingelt. Ebenfalls grob fahrlässig: wenn nach einem ­Einbruch vergessen wurde, der Polizei schnellstmöglich eine Liste der gestohlenen Gegenstände zu übergeben.

Es gibt Verträge, in denen Versicherer auf den Einwand der groben Fahrlässigkeit verzichten. Sind ­solche Klauseln jetzt überflüssig?

Szeimies: Überhaupt nicht. Wo der Versicherer auf den Einwand der groben Fahrlässigkeit verzichtet, verzichtet er quasi auf die Quotelung und verspricht ungekürzte Zahlung. Das ist für Kunden von großem Vorteil.

Das neue VVG verbessert auch die Kündigungsmöglichkeiten?

Szeimies: Ja. Wer im Laufe des Jahres, zum Beispiel nach einem Schadensfall, kündigt, erhält nun anteilig die Jahresprämie zurück.

Tipps für den Schadensfall?

Szeimies: Auch wenn es lästig fällt: Das Wichtigste ist, die Bedingungen durchzulesen und sich stur an die ­Anforderungen zu halten. Und: Viel mehr, als ein ausführliches Belehrungsschreiben des Versicherers Punkt für Punkt abzuarbeiten, können Versicherte kaum tun.

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