Hamburger Modell Meldung

Wieder im Einsatz – nach fünf Monaten Krankheit kehrte die Bibliotheksangestellte Inge Martens in ihren Beruf zurück. Mit zwei Stunden am Tag fing sie an.

Betriebliche Wiedereingliederung. Eine längere Krankheit bringt Berufstätige im Job ins Straucheln. Das sogenannte Hamburger Modell ebnet ihnen den Weg zurück.

Den 12. Juni 2006 wird Inge Martens nie vergessen. Auf dem Heimweg von der Arbeit stürzte sie mit dem Fahrrad und brach sich das Handgelenk.

Zunächst machte sich die damals 56-Jährige keine Sorgen. Nach drei Tagen im Krankenhaus und einer Operation verheilte die Hand gut. Die Bibliotheksangestellte ging davon aus, dass sie vier Wochen später wieder arbeiten gehen würde.

Doch Martens hatte noch einmal Pech. Nach drei Wochen entzündete sich ihr Handgelenk, sie litt an starken Schmerzen. Das Gelenk wurde überempfindlich und unbeweglich. Morbus Sudeck heißt die Folgeerkrankung, die es der Angestellten nun unmöglich machte, arbeiten zu gehen. Den ganzen Sommer blieb sie zuhause.

Am Anfang wenige Stunden arbeiten

„Mit dem Unfall wurde ich aus dem Leben herausgerissen“, erinnert sich Inge Martens. Das Warten darauf, dass sie die Hand wieder belasten durfte, war schwer. Erst im Herbst 2006 schlug ihr Arzt vor, dass sie langsam wieder in den Job einsteigen könnte. Er riet ihr zum „Hamburger Modell“.

Das Hamburger Modell ermöglicht es Arbeitnehmern, nach längerer Arbeitsunfähigkeit stufenweise in den Job zurückzukehren. Die Wiedereingliederung eignet sich zum Beispiel für Beschäftigte, die am Muskel-Skelett-System – etwa am Rücken – erkrankt sind oder die mit Herz- oder Gefäßkrankheiten kämpfen. Auch Patienten mit Verletzungen oder psychischen Problemen können teilnehmen.

Bedingung ist, dass der Arbeitnehmer seine Aufgaben am Arbeitsplatz wieder teilweise ausführen kann. Am Anfang kommt er in Absprache mit dem behandelnden Arzt nur für wenige Stunden zur Arbeit. Das Pensum steigt dann schrittweise, bis er am Ende wieder die volle Zeit da ist.

Die Dauer der Eingliederung hängt vom Patienten ab: Je nachdem, wie krank und belastbar er ist, können zwischen sechs Wochen und sechs Monaten vergehen, bis er wieder voll arbeitet. Bei Inge Martens waren es fünf Monate.

Grundlage des Modells ist das Sozialgesetzbuch IX. Seit 2004 regelt der Paragraf 84, dass Arbeitgeber im Rahmen ihrer Möglichkeiten verpflichtet sind, kranken Arbeitnehmern eine Rückkehr in den Beruf zu ermöglichen. Die Beschäftigten müssen zuvor sechs Wochen lang ausgefallen sein – entweder ununterbrochen oder wiederholt wegen derselben Krankheit.

In der Zeit, in der ein Arbeitnehmer am Hamburger Modell teilnimmt, ist er weiter krankgeschrieben und erhält Geld von der Krankenkasse oder einem anderen Sozialversicherungsträger wie der gesetzlichen Unfallversicherung oder der Rentenversicherung. Das Gehalt muss der Arbeitgeber erst dann bezahlen, wenn sein Mitarbeiter wieder voll im Einsatz ist.

Bevor es losgeht

Den Vorschlag zur schrittweisen Wiedereingliederung unter ärztlicher Aufsicht kann der Betrieb, der Arbeitnehmer selbst, seine Krankenkasse oder der behandelnde Arzt machen. Frank Richter* erfuhr in der Rehaklinik vom Hamburger Modell. Der Soziale Dienst der Klinik kam nach Absprache mit dem behandelnden Arzt auf ihn zu.

Der 45-jährige Computerspezialist war im Sommer 2009 wegen Herzkammerflimmern beim Joggen plötzlich zusammengebrochen. Nur die sofortige Hilfe eines anderen Joggers rettete ihm das Leben. Im Krankenhaus bekam er nach drei Tagen künstlichem Koma und drei Wochen Intensivstation einen Defibrillator eingesetzt, der nun dafür sorgt, dass bei erneuten lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen sein Herz im richtigen Takt schlägt.

Auf vier Wochen Krankenhaus folgte ein vierwöchiger Aufenthalt in der Rehaklinik. Hier war nicht Ausruhen angesagt, sondern tägliches Radfahren, Schwimmen und Stressbewältigungskurse. Neben den Ärzten kümmerte sich in der Klinik auch der Soziale Dienst um die Patienten und beriet sie. „Der Dienst erklärte mir die Möglichkeiten, die ich nach der Reha hatte“, sagt Frank Richter. Die Mitarbeiter halfen ihm auch bei den Anträgen und zum Beispiel dabei, den Grad seiner Behinderung feststellen zu lassen.

Der Soziale Dienst hatte Richter auf das Hamburger Modell hingewiesen. Um daran teilnehmen zu können, sprach er nach der Entlassung aus der Rehaklinik mit seinem Hausarzt. Vier Wochen später begann der 45-Jährige mit der Wiedereingliederung.

Parallel dazu besuchte Richter das Nachsorgeprogramm Irena der Deutschen Rentenversicherung Bund. Neben der allmählichen Rückkehr in den Berufsalltag wurde er in diesem Programm weitere sechs Monate von Ärzten und Psychologen in einer kardiologischen Tagesklinik betreut. Dort lernte er zum Beispiel beim Herzsport, seine Belastbarkeit besser einzuschätzen und sich nicht zu überfordern.

Von Stufe zu Stufe

Für erkrankte Berufstätige, die nicht in der Klinik betreut werden, ist der behandelnde Arzt der erste Ansprechpartner für das Hamburger Modell. Mit ihm bespricht er die Details und das Programm zur Wiedereingliederung.

Vereinbarungen aus dem Gespräch, wie die Stunden pro Tag oder die Schwere der Aufgaben, werden auf einem Formular festgehalten. Nachdem der Arbeitnehmer und der Arzt unterschrieben haben, muss noch der Arbeitgeber die Vereinbarung abzeichnen, bevor sie weitergereicht wird zur Krankenkasse. Nur mit der Zustimmung von Arbeitgeber und Krankenkasse kann das Programm beginnen.

Inge Martens sprach mit ihrem Facharzt, einem Handchirurgen, den Ablauf genau ab. Gemeinsam legten sie fest, dass sie ab November 2006 zwei Stunden täglich arbeitet. Bis März 2007 steigerte sie sich auf vier und später auf sechs Stunden. In den letzten drei Wochen kam die 56-Jährige acht Stunden auf Probe zur Arbeit. So konnte sie prüfen, ob sie wirklich fähig war, vollbeschäftigt zu arbeiten.

Empfindet der Beschäftigte die Belastung als zu groß, kann er die Stundenanzahl oder die Art der Tätigkeiten zurückstufen. Fühlt er sich einmal während der Arbeit nicht wohl, kann er nachhause gehen.

Kommt ein Teilnehmer des Hamburger Modells sieben Tage hintereinander nicht zur Arbeit, gilt die Wiedereingliederung als abgebrochen. Er kann sie zu einem anderen Zeitpunkt – wenn er sich in der Lage fühlt – noch einmal beginnen. Bevor es allerdings zum Abbruch kommt, sollte der Patient unbedingt mit dem Betriebsarzt reden. Er kennt die Belastungen und Anforderungen am Arbeitsplatz des erkrankten Mitarbeiters, aber auch die Möglichkeiten im Unternehmen, den Arbeitnehmer zu entlasten.

Manchmal reicht es schon, den Arbeitsplatz etwas anzupassen. Inge Martens half der Umbau der Bücherausgabetheke an ihrem Arbeitsplatz, einer Bibliothek in Berlin. Andere brauchen vielleicht wegen eines Rückenleidens einen besseren Stuhl.

Der Job bleibt nicht immer derselbe

Ist die Eingliederung in den alten Job nicht möglich, weil er beispielsweise auf Dauer für den Beschäftigten körperlich nicht mehr zu meistern ist, bekommt der Arbeitnehmer andere Aufgaben. Er kann nicht auf seinem alten Job bestehen. Der Arbeitgeber kann die Wiedereingliederung auch ablehnen, ohne dass er das begründen muss.

So gibt es zum Beispiel auf einer Baustelle Arbeitsplätze, bei denen es kaum möglich ist, Aufgaben mit weniger Belastung und damit eine Wiedereingliederung anzubieten. In diesem Fall bleibt dem Erkrankten nichts anderes übrig, als bis zum Ende seiner Krankschreibung wegzubleiben.

Arbeit bedeutet soziale Kontakte

„Die auslösende Erkrankung ist eine Sache, die andere sind die psychischen Probleme, die dahinterstehen“, sagt Helmfried Hauch, Schwerbehindertenvertreter der Berliner Stadtreinigung BSR. 5 400 Mitarbeiter arbeiten in seinem Betrieb, mehr als 600 davon sind anerkannt schwerbehindert und 1 000 haben einen Grad der Behinderung unter 50. Hauch kümmert sich um arbeitsunfähige Mitarbeiter, die den Sprung zurück schaffen wollen.

Im Hamburger Modell sieht er eine sinnvolle Möglichkeit, Arbeitnehmer zurückzuholen. Mit dem unfreiwilligen Rückzug aus dem Arbeitsalltag brechen häufig auch die sozialen Kontakte ab. Das geht dann oft so weit, dass psychische Probleme dazukommen, der Mensch resigniert und er sich mit Krankheit und weniger Geld arrangiert.

„Ein Problem ist auch, dass viele erst kurz vor Auslaufen des Krankengeldes zu mir kommen, und dann kann es zu spät sein“, sagt Hauch. Die Teilnahme am Hamburger Modell ist nur möglich, solange der Patient Krankengeld bekommt.

Über die Runden kommen

In der Regel bezahlt in den ersten sechs Wochen der Arbeitgeber noch den Lohn. Danach zahlt die gesetzliche Krankenversicherung Krankengeld in Höhe von rund 75 Prozent des regelmäßigen Nettolohns. Auswirkungen auf die Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung gibt es keine. Die Anzahl der Urlaubstage wird ebenfalls nicht berührt. Nach 72 Wochen ist Schluss mit dem Krankengeld. Je nach Gesundheitszustand muss der Arbeitnehmer dann eine Erwerbsminderungsrente oder Arbeitslosengeld beantragen.

Inge Martens bekam statt des Krankengelds Verletztengeld von der gesetzlichen Unfallversicherung, eine dem Krankengeld ähnliche Leistung in gleicher Höhe. In ihrem Fall zahlte die Berufsgenossenschaft, da sie auf dem Arbeitsweg gestürzt war.

Kommt der Arbeitnehmer aus der Rehaklinik und beginnt innerhalb von zwei Wochen mit dem Hamburger Modell, zahlt die Rentenversicherung Übergangsgeld.

Egal welcher Träger für die Auszahlung verantwortlich ist – gezahlt wird bis zum letzten Tag der Wiedereingliederung. Mit der vollständigen Rückkehr in den Job erhält der Arbeitnehmer dann wieder seinen regulären Arbeitslohn.

*Name von der Redaktion geändert.

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