Klettern, springen, laufen – das war einmal in einer fernen Zeit. Heute ist der Alltag sehr vieler Kinder und Jugendlicher unbewegt. Sie entwickeln Haltungsschwächen und wichtige Muskeln verkümmern.

Die Daten sind alarmierend: Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, ihre körperliche Fitness nimmt kontinuierlich ab, besonders bei Koordination und Ausdauer schneiden viele kläglich ab. Haltungsschwächen, Kopf- und Rückenschmerzen nehmen zu. Das zeigte sich sowohl in bundesweiten Studien mit mehr als 20 000 Schülern als auch in vielen kleineren Erhebungen zwischen Hamburg, Nordrhein-Westfalen und München.

Jedes zweite Kind betroffen

Haltungsschwäche Meldung

Das veranlasste vor einigen Jahren Ärzte, Humanbiologen und Sportwissenschaftler der Universität des Saarlandes, das Projekt „Kid-Check“ ins Leben zu rufen. Sie verknüpfen darin Forschung zu kindlicher Haltungsschwäche mit der Systematisierung von Mess- und Untersuchungsverfahren und praktischen Ratschlägen für Eltern und Kinder. „Je früher man Probleme erkennt“, so Dr. Oliver Ludwig, wissenschaftlicher Leiter des Projekts, „umso schneller kann man eingreifen und korrigieren.“ Im Rahmen von Kid-Check untersuchten sie bisher knapp 500 Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 17 Jahren, zunächst überwiegend aus Sportvereinen. Die Ergebnisse der biomechanischen Haltungs- und Bewegungsanalysen, Muskelkraft- und Muskelfunktionstests und orthopädischen Untersuchungen sind ernüchternd. Bei etwa jedem zweiten Kind stellten die Wissenschaftler deutliche Haltungsschwächen fest: Rundrücken, vorgezogene Schultern, Hohlkreuz, nach vorn gesunkenes Becken.

Schon nach sechs Monaten deutlich besser

Ursache sind vor allem abgeschwächte und verkürzte Muskelgruppen: Die Bauchmuskeln sind meist zu schwach, Hüft- und Oberschenkelmuskeln nicht dehnbar genug, um Wirbelsäule und Becken zu stützen und aufzurichten. Jedem fünften Kind wurde nach dem Check zu einer erweiterten Untersuchung und Behandlung bei einem Orthopäden, Haus- oder Kinderarzt geraten.

Kindern mit leichteren Haltungs- und Muskelschwächen empfiehlt Kid-Check mehr Bewegung – „egal was, Hauptsache sie tun etwas“ –, mehr Sport und gezielte Kraft- und Dehnübungen. Die Wirkung eines solchen Muskeltrainings haben sie bei einigen Kindern überprüft. Sie übten ein halbes bis ein Jahr lang zweimal in der Woche unter fachkundiger Anleitung und täglich zu Hause und unterzogen sich alle drei Wochen einem Muskel- und Haltungscheck. Schon nach sechs Monaten zeigte sich eine deutliche Haltungsverbesserung.

Was besonders gut hilft

Sportarten, die sich besonders günstig auf die Körperhaltung auswirken, sind unter anderem Kampfsport wie Karate, Taekwondo oder Ringen sowie Turnen und Leichtathletik. Mannschaftssportarten wie zum Beispiel Fußball sind unter dem Gesichtspunkt der Haltungsverbesserung weniger zu empfehlen. Übrigens, Kinder, die aus ländlichen Regionen stammen, haben deutlich geringere Probleme: Sie bewegen sich häufiger im Freien und klettern auch noch auf Bäume.

Im Anfangsstadium können Haltungsfehler wie-der rückgängig gemacht werden. Neben Kräftigen und Dehnen der Muskeln spielen auch Gleichgewichts- und Koordinationsübungen eine wichtige Rolle. Besteht die Haltungsschwäche jedoch über längere Zeit, kann es zu Wachstumsstörungen kommen. Einzelne Abschnitte der Wirbelsäule versteifen sich – so entsteht ein Haltungsschaden, der nicht mehr zu beheben ist.

Die an Kid-Check beteiligten Wissenschaftler verhandeln zur Zeit mit der Schulbehörde des Saarlandes, ob sie in Zukunft den schulärztlichen Dienst unterstützen und mit ihrer mobilen Messapparatur regelmäßig in die siebten und achten Schulklassen kommen. Die Ergebnisse sollen helfen, die Körperhaltung der Schüler im Sportunterricht gezielt zu trainieren. Auch die Universitäten München und Jena haben inzwischen ihr Interesse an Kooperationen bekundet.

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